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Soziale Medien in der Türkei
Warum sich die Öffentlichkeit nicht mehr aussperren lässt

Bilder: Putsch in der Türkei
Bilder: Putsch in der Türkei FOTO: ap, LP
Düsseldorf/ Istanbul . Während des Putschversuchs in der Türkei wurden die sozialen Medien und teilweise auch das Fernsehen gesperrt. Trotzdem konnte die ganze Welt verfolgen, was in den Straßen Ankaras und Istanbuls vor sich ging. Per Livestream auf dem Smartphone.  Von Susanne Hamann

Wenn das Militär die Macht übernehmen will, geschieht das fast immer nach einem bestimmten Protokoll: Die Straßen werden mit Soldaten und Panzern übersät, das Staatsoberhaupt entmachtet und alle Möglichkeiten, die Informationen in den Medien zu verbreiten, werden gestoppt. So sollte es eigentlich auch in der Türkei ablaufen. Eigentlich. 

Denn auch wenn die TV-Mattscheibe zeitweise schwarz blieb, hunderte Menschen auf den Straßen nutzten ihre Handykameras, um die Geschehnisse live ins Internet zu übertragen. Per Facebook-Livestream und vor allem per Periscope. Einer App, die es Anwendern möglich macht, ihr Handy zum Live-Sender umzufunktionieren. Wer einen Twitter-Account hat, kann sich in den Stream klicken und mitverfolgen, was im privaten Wohnzimmer oder eben mitten in einem Putsch in der Türkei wirklich vor sich geht. 

So sieht Periscope aus, die roten Punkte zeigen aktive Livestreams an, die blauen Punkte Streams, die noch 24 Stunden zur Verfügung stehen:

"Mein Eindruck war, dass sich hier schon etwas Ungewöhnliches abgespielt hat", sagt Medienexperte Dennis Horn. "Denn obwohl Twitter, Facebook und Periscope in der Türkei so stark verlangsamt worden sind, dass es sich anfühlte, als wären sie gesperrt, gab es trotzdem enorm viele Livestreams." Zwar räumt Horn auch ein, dass Twitter und Periscope in der Türkei sehr stark verbeitet seien, während sie in Deutschland eher als Nischen-Anwendung gelten. "Trotzdem muss man sehen, dass es den Nutzern durch die Verlangsamung sehr schwer gemacht worden ist, die sozialen Medien einzusetzen, und dafür haben es sehr viele trotzdem gemacht."

Einer, der die ganze Nacht unter dem Namen ISTanbul (@mediascope) auf Deutsch live gestreamt hat, ist Yalcin Öztürk. Vor ungefähr zwei Monaten, hat Öztürk zum ersten Mal einen Stream auf Persicope abgesetzt und fand das Tool vor allem spaßig. "Aber gestern Nacht wurde mir klar, dass es einfach wichtig ist, rauszugehen und live zu berichten, weil so viele Gerüchte im Umlauf waren."

Öztürk schnappte sich sein Handy und lief wie Hunderte andere mit angeknippster Kamera durch die Straßen und kommentierte, was er sah, live: "Man hört immer wieder Jets fliegen und manchmal auch Schüsse, aber die Leute sind trotzdem auf der Straße. Die Ausgangssperre ist ihnen egal", erzählt er live in der Nacht von Freitag auf Samstag über den Putschversuch in der Türkei. Die Zuschauer gaben ihm Recht, "ich hatte teilweise über 2500 Zuschauer", sagt der ARD-Kameramann. "Das ist schon extrem viel." 

Doch die Bilder dienen längst nicht nur als Informationsquelle für andere türkische Bürger, sondern auch für Medienhäuser rund um den Globus. "Auf Twitter wurde von vielen Journalisten eine Liste mit Accounts von verifizierten Nutzern geteilt", sagt Medienexperte Horn, "Darin war zwar auch CNN Türk, aber auch viele Nutzer, die eben einfach vor Ort von den Geschehnissen berichtet haben. Bei diesen Tweets konnte man sich schon sehr sicher sein, dass keine falschen Bilder und Informationen dabei sind." 

Live dabei, Mitten im Putschversuch? So haben sich die Soldaten das sicherlich nicht vorgestellt. "Natürlich nicht", sagt Horn. Ein Teil von einem Putsch sei es ja auch immer, dass keine Informationen mehr nach außen dringen. "Und das war für mich eigentlich die wichtigste Erkenntnis aus diesen Ergeinissen in den sozialen Medien: Ein Putsch ist heute eben nicht mehr einfach so möglich, irgendeine Form von Nachrichtenfluss wird es immer geben. Spätestens seit gestern Nacht ist das klar."

(ham)
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