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Böhse Onkelz
Die Rückkehr der Gossen-Rocker
Böhse Onkelz: Die Rückkehr der Rocker aus der Gosse
Gewittergrollen, düstere Optik: Die Böhsen Onkelz kündigen ein gemeinsames Konzert an. FOTO: Screenshot
Frankfurt. Jetzt ist es offiziell: Die Böhsen Onkelz, einst die umstrittenste Band Deutschlands, wollen es noch einmal wissen. Am 20. Juni geben die vier Alt-Rocker aus Frankfurt ein gemeinsames Konzert in Hockenheim. Lange wehrte sich die Band vergebens gegen ihr rechtes Image und inszenierte sich geschickt als Kämpfer in eigener Sache. Was ist von diesem Comeback zu halten? Von C. Sieben

Bei Youtube sind die Videos von früher noch immer zu sehen. Sänger Kevin Russell mit rasiertem Schädel, Hosenträger und Jeans, der unverständliche Parolen auf einer kleinen Kellerbühne grölt. Glatzköpfe tanzen Pogo. Die verwackelten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1982 oder 1983. Die Onkelz geben ihre ersten Konzerte. Sie singen Lieder wie "Türken raus" und "Frankreich-Überfall", ihr Beitrag zur anstehenden Fußball-Europameisterschaft 1984. Ihre erste Platte "Der nette Mann" landet auf dem Index.

"Deutschland im Herbst"

1992 erreicht die Debatte um Rechtsrock in Deutschland einen traurigen Höhepunkt. In Rostock-Lichtenhagen greifen 300 Neonazis die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter an und stecken das Haus in Brand. Tausende Rostocker stehen tatenlos daneben, viele klatschen und johlen. Einige der Neonazis tragen Onkelz-Shirts, aus Kassettenrecordern plärren Songs der Onkelz. "Bomberpilot" und "Kneipenterroristen" – das hört der braune Pöbel damals gern.

Mit einem Countdown inszenierten die Böhsen Onkelz die Ankündigung ihres Comebacks im Netz. FOTO: Screenshot

Es sind Bilder wie diese, die das Image der Onkelz in diesen Jahren prägen. Dabei hat die Band um Chef Stephan Weidner schon länger mit ihrer braunen Vergangenheit gebrochen, wie sie sagt. Die Gruppe schaltet Zeitungsanzeigen gegen rechte Gewalt, auf Konzerten gibt es Ansagen gegen rechts. Einmal stürmt Weidner von der Bühne und verprügelt einen Zuschauer, der den Arm zum "Hitlergruß" hebt. Die NDP, die die Band immer wieder vereinnahmen will, beschimpft er auf der Bühne wüst.

"Ich sehe braune Scheiße töten"

Im Jahr 1993 veröffentlicht die Band den viel beachteten Song "Deutschland im Herbst", in dem sie direkt Stellung zu den Verbrechen von Rostock bezieht. Darin heißt es: "Ich sehe blinden Hass, blinde Wut, feige Morde, Kinderblut. Ich sehe braune Scheiße töten. Ich sehe Dich!" Die Onkelz wenden sich auch auf künftigen Alben immer wieder deutlich gegen Neonazis und Gewalt gegen Minderheiten. 1998 erscheint ihr Song "Ohne mich". Darin heißt es: "Und jetzt ein paar Worte an die rechte Adresse, leckt uns am Arsch, sonst gibt's auf die Fresse, ich hasse euch und eure blinden Parolen, fickt euch ins Knie, euch soll der Teufel holen."

Weite Teile der Medien und der Öffentlichkeit nehmen der Band diesen Wandel nicht ab. Sie werfen den Frankfurtern vor, noch immer unter demselben Namen aufzutreten wie damals bei der Skinhead-Party in Frankfurt. Bei Konzerten singen sie weiter die älteren Songs wie "Bomberpilot" ("Ich bin Bomberpilot, ich bringe Euch den Tod, ich bin Bomberpilot, Bomberpilot, 10.000 Meter hoch, schneller als der Schall, schaue ich meinen Bomben nach und warte auf den Knall") oder "Stunde des Siegers". ("Die Stunde des Siegers, nutze sie, und zeig' ihnen, wer Du bist...spuck' ihnen ins Gesicht, ins Gesicht!"). Für ihre Kritiker ist die Lage eindeutig: Hier verpasst sich eine Band öffentlich ein Saubermann-Image, bedient aber weiterhin die alte Klientel.

"Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde"

Die Songs der Onkelz laufen nicht im Radio, bei Preisverleihungen der Musikbranche sind sie nicht erwünscht. Die Onkelz fühlen sich ungerecht behandelt und reagieren trotzig. In der Folgezeit inszenieren sie sich meisterhaft als Sprachrohr der Unterdrückten, der zu kurz gekommenen, der Betrogenen und vom Leben mies behandelten. Wir gehen unseren Weg, bleiben uns treu, stehen zu unseren Fehlern von damals und wehren uns gegen die da oben – diese Botschaft senden die Onkelz und Tausende Fans (diese nennen sich jetzt Nichten und Neffen) kaufen die Platten und pilgern zu den Konzerten.

Viele Songs der Onkelz drehen sich jetzt vor allem um die Onkelz. In "Danket dem Herrn" heißt es: "Ja, hier ist Kevin, eure Stimme aus der Gosse...Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde, aber die, die du hast, teilen Deine Träume!" Bei Konzerten kommt es zu riesigen Verbrüderungszenen, spätestens wenn Weidner zur Sauf-Hymne "Auf gute Freunde" mit dem Bierbecher in der Hand die Menge grüßt.

Die Onkelz singen jetzt über Freundschaft, durchsoffene Nächte, Drogen, Dieter Bohlen, Liebeskummer und den Sinn des Lebens. Weidners Texte sind einfach, aber direkt und eingängig. Der Gitarrist Matthias "Gonzo" Röhr verleiht der Band einen unverwechselbaren Sound. Russells raue Stimme passt perfekt zum selbst verpassten Image der ehrlichen Gossen-Rocker. Das Publikum ist weitgehend unpolitisch geworden. Seit Jahren schon. Normalos und Abiturienten mischen sich mit Alt-Rockern, Motorrad-Freaks, Golf-Tunern und unpolitischen Oi-Skins. Einige Nazis kommen immer noch. Sie stehen gern hinten rechts im Saal und halten meist die Klappe.

Kommerziell erfolgreichste Band Deutschlands

Die Band weiß ihren Erfolg kommerziell auszunutzen. Der Fanshop läuft extrem erfolgreich, zu jedem Album und zu jeder Konzertreihe gibt es neue T-Shirts, Cargo-Hosen und Fan-Schals. Ungezählte Fans kleben sich Onkelz-Folien auf die Heckscheiben ihrer schwarzen VW Golfs und Opel Corsas. Für das Abschiedkonzert 2005 gibt es ein eigens produziertes Onkelz-Bier. Die Band und der Kommerz – dies wird selbst einigen Fans zu bunt. Im Dezember 2011 erscheint eine CD-Box mit den größten Songs der Onkelz. Kostenpunkt: fast 50 Euro. In den Foren zur Band wittern nicht wenige Nichten und Neffen Abzocke.

Auch die Comeback-Gerüchte der vergangenen Tage stoßen bei den Fans von damals nicht nur auf positives Echo. Beim riesigen Abschiedskonzert vor 150.000 Fans auf dem Lausitz-Ring schloss Stephan Weidner ein Comeback für alle Zeiten aus. Onkelz-Ehrenwort sozusagen. Auch während seiner erfolgreichen Solokarriere als "Der W" erklärt Weidner das Kapitel Onkelz in mehreren Songs für abgeschlossen. Weidner wird sich in den kommenden Wochen etwas einfallen lassen müssen, um das Comeback seinen Nichten und Neffen glaubhaft zu erklären.

Die Onkelz gegen alle

Und jetzt? Was bedeutet diese Rückkehr? Schon in den vergangenen Tagen fragte der von Berufs wegen aufgeregte Boulevard: "Wie böhse sind die Onkelz wirklich?" Andere schlagzeilten gar: "Deutschland fürchtet ein Comeback der Böhsen Onkelz!" Was Deutschland da genau zu befürchten habe, wurde nicht näher erläutert. Die Band selbst dürfte sich öffentlich über Schlagzeilen wie diese beschweren. Insgeheim wird sie sich freuen: Sie braucht die Kritik des Mainstreams, um ihr Mantra  "Wir gegen alle" weiter zu kultivieren. Denn ohne die öffentliche Aufregung hätte es das Phänomen Onkelz in dieser Form nicht gegeben.

Daher scheint Gelassenheit eine angemessene Reaktion auf dieses Comeback zu sein. Eine einstmals erfolgreiche Band tritt vom Rücktritt zurück und macht noch einmal Kasse. "Normal" ist so ein Wort, das einem da in den Sinn kommt. Und die Gegner der Band sollten sich darüber im Klaren sein: Je geringer die routinemäßige Aufregung über dieses Comeback ausfällt, um so schneller dürfte es wieder vorbei sein.

Quelle: csi
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