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Leipzig
Europa - eine Prinzessin aus Syrien

Impressionen von der Leipziger Buchmesse
Impressionen von der Leipziger Buchmesse FOTO: dpa, woi vfd
Leipzig. Die Leipziger Buchmesse diskutiert eifrig und nächtelang über Flüchtlinge. Von Lothar Schröder

Dem Schwärmen unserer Industrie noch vor wenigen Monaten, mit der erklecklichen Zahl an Flüchtlingen ließe sich der Arbeitskräftemangel beheben, folgt mit etwas Verzögerung jetzt das Hoffen der Buchbranche auf eine neue, einwandernde Leserschaft. Vor allem mit Migranten im jugendlichen Alter würden auch potenzielle Leser unsere Landesgrenze überschreiten. Zumal viele davon noch ein ungebrochenes, leidenschaftliches Verhältnis zum Buch pflegen. Besonders fürs Bilderbuch könnte die Gunst der Stunde schlagen; Pop-up-Bücher etwa seien in ihrer Wirkung vergleichbar mit ersten Kinobesuchen, hieß es auf einem Podium des Börsenvereins zur sogenannten interkulturellen Kraft von Literatur.

Zwar gehörten Flüchtlinge und Migranten nicht zum Publikum der Leipziger Frühjahrsmesse. Doch niemand war auf den unzähligen Podien so präsent wie sie. Dabei kam Deutschland selten gut weg - trotz seiner Bemühungen um eine Willkommenskultur, hinter der unser Eifer ausgemacht wurde, so etwas wie Weltbürger zu sein.

Nach den Worten der Berliner Politikwissenschaftlerin und Buchautorin Ulrike Guérot ("Warum Europa eine Republik werden muss") habe Deutschland nach dem Mauerfall das "Versprechen abgegeben, dass die deutsche und die europäische Einigung zusammengehören". Genau dieses Versprechen hätten wir aber nicht eingelöst. Zum Sündenfall zählt sie die Bewältigung der Euro-Krise vor drei Jahren, die viel an Solidarität - etwa gegenüber Griechenland und Italien - vermissen ließ. Dass Deutschland jetzt in der Flüchtlingskrise die Solidarität der anderen europäischen Länder einfordert, sei mehr als schwierig. "Wir spielen jetzt den Paulus, und waren früher doch der Saulus."

In den Debatten unter Kulturmenschen durften auch Ausflüge ins sinnstiftende Reich der Mythologie nicht fehlen. So wurde daran erinnert, dass die von Zeus entführte Europa eine syrische Prinzessin war, die nach etlichen tausend Jahren jetzt auch ihr Volk nachhole.

Das Bedürfnis nach öffentlichem Austausch in internationalen Flüchtlings- und nationalen Zukunftsfragen war immens. Manchmal fielen dann große Worte, wie am späten Abend im Saal des neuen Rathauses. Dort jedenfalls wurde der Verdacht laut, dass es in unseren Ängsten gar nicht um Flüchtlinge gehe, sondern allgemein um unser "Unbehagen an der Moderne".

Alles nur Unverbindlichkeits-Gerede? Schließlich könne man sich wunderbar in der Angst einrichten und darin auch noch wohlfühlen. Es war der renommierte Münchner Soziologe Armin Nassehi, der Deutschland ein "pathologisches Konsistenzbedürfnis" attestierte; nichts dürfe Brüche haben. Vor diesem Hintergrund sei das Land auch extrem anfällig für kleinste Unsicherheiten. Was dahinter zum Vorschein komme? Eine "Wohlstandsverwahrlosung", so Nassehi.

Darüber konnte man in Leipzig die Literatur fast vergessen. Dabei hatte sie auch Trost zu bieten - mit Handreichungen wie diesen: "Wer lesen kann, der hat gut lachen."

Quelle: RP
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