| 07.09 Uhr

"Fatoni" – Rap-Hoffnungsträger mit 31
... Alter!

"Fatoni" - Rap-Hoffnungsträger mit 31
FOTO: WSP Records (Chapter ONE / Universal Music)
Düsseldorf. Anton Schneider geht all in. Der Schauspieler schmiss ein festes Theater-Engagement hin, um mit 31 davon zu leben, als "Fatoni" auf Beats von einem Kinderarzt zu rappen. Nun kumpelt er Picasso an. Zu Recht. Von Tobias Jochheim

Dies ist die Geschichte von dem mit den Geschichten mit den wichtigen Themen: Fatoni heißt der neue Fackelträger des klugen, dabei aber völlig unpeinlichen Deutschraps, dem ja die Altmeister abhandengekommen sind: Blumentopf haben sich aufgelöst, Dendemann gibt sich mit der Rolle als Robin zum Batman Böhmermann zufrieden.

Mit Dendemann teilt sich der Münchener Anton "Fatoni" Schneider die "26 Kumpels" aus dem deutschen Alphabet – einen weiteren, äußerst prominenten, will er posthum mit seinem Album "Yo, Picasso" gewinnen. Namedropping dieser Kategorie löst normalerweise Fremdscham aus. Hier nicht, wegen des Wie: Den Titel eines berühmten Selbstporträts - "Yo Picasso"; spanisch für "Ich (bin) Picasso" -, ergänzte Fatoni bloß lässig um ein Komma.

Das Cover ist eine abgewandelte Version des Vor-Bilds, auf dem anstelle Picassos eben er selbst zu sehen ist. Samt seinem kongenialen Beat-Bastler Dexter, im Hauptberuf Kinderarzt in Stuttgart. Der Mann mit dem bürgerlichen Namen Felix Göppel hat seit Neuestem nur noch eine halbe Stelle, aber schon seine bisherigen Feierabend-Aktivitäten sind amtlich: Noch am wenigsten stolz ist er auf eine Goldene Schallplatte für seine Beat-technische Mitwirkung an Caspers "XOXO" sowie Platin für Cros "Raop". "Selbst der Bodyguard von Cro hat eine bekommen", sagt Dexter dazu, "dadurch wird der Wert natürlich auch ein bisschen geschmälert."

Fatoni zielt noch höher, in Richtung Picasso, wie gesagt. Es sei "natürlich lächerlich, sich mit dem größten bildenden Künstler der Moderne zu vergleichen", sagt Schneider, "aber irgendwie auch geil – und deshalb heißt das Album so." Das ist aber bloß die Smalltalk-Variante der Begründung. Der Rest: Picassos Selbstporträt war das erste, das der damals 19-Jährige auch so signierte. Seinen Stil fand er allerdings erst sehr viel später, mit 30 – was wiederum Schneiders Alter beim Release des Albums entspricht.

"Yo, Picasso" ist ein Meisterwerk. Muss es aber auch. Und ob das reicht, ist noch nicht raus.

Theater-Job: weg, Länge der Rap-Karriere: unklar

Seinen Job am Augsburger Theater hat der gelernte Schauspieler nämlich geschmissen – zugunsten der Musikkarriere, aber auch frustriert und desillusioniert vom Dasein am Busen der Hochkultur. Von Christoph Schlingensief hätte er sich liebend gern rumscheuchen lassen, sagt er, aber der ist ja leider Gottes nicht bloß in Rente, sondern tot, Comeback ausgeschlossen. Und vom "Terrorregime" aus "drittklassigen Vollidioten in der Provinz, die dich gar nicht beflügeln", hatte Schneider die Schnauze voll. Dass ihn diese Wortwahl nicht sonderlich sympathisch wirken lässt, ist ihm klar. Er ist genausowenig dumm weil er lange auf der Hauptschule war wie konfliktscheu, weil er auch eine Waldorfschule besuchte. Er genießt bloß gerade seine Narrenfreiheit – und gönnt sich Ehrlichkeit auch und gerade zu dem Zeitpunkt, der nach Kalkül schreit. "Eigentlich hatte ich mit der ganzen Aufmerksamkeit gar nicht mehr gerechnet", sagt Schneider, nach neun Jahren brotlosem Rap beim Gruppenprojekt "Creme Fresh" 2012 und ein paar weiteren als ein Insidertipp unter vielen.

"Ich versuche seit Jahren Musik zu machen und es ist alles scheiße, weil es keiner hören will, was ich mache", schreibt er selbst. Und seit dem Moment, in dem er sich kompromisslos nur noch nach seinen eigenen Standards richtet, klappt es plötzlich doch. Was ja wunderbar ist und obendrein eine feine Moral von der Geschichte, aber eben auch nicht ganz leicht zu verdauen, weil im Rückblick umso schmerzhafter.

Das Risiko, dass Schneider jetzt abhebt, ist zu vernachlässigen. Derzeit sorgt er sich noch darum, ob er tatsächlich Fans hat außer den Kritikern, "die meine Musik eh umsonst bekommen". Aber seine Skepsis schmilzt, nicht trotz, sondern weil er nicht blind ist für die Realität. Zum Interview lädt er nach dem Konzert in Köln, dem dritten der Tour. 500 Menschen waren da, wegen ihm allein, mehr als je zuvor. Er registriert das mit fast heiliger Demut. "Das ist sehr neu, sehr krass." Krass ist auch der Hustle, um den es im HipHop ja gerne geht, der dauernde Kampf ums liebe Geld. Statt darüber zu fantasieren, führt Schneider ihn ernsthaft und mit Herzblut. Spielt am laufenden Band Konzerte und bringt am Merchandise-Stand mühsam Platten und T-Shirts unter die Leute. Er hustlet härter als jeder Verbrecher.

Das Hadern hört natürlich trotzdem nicht auf. Erst kommt das mit der Welt, dann auch das mit dem Schuldgefühl angesichts seines eigenen Mangels an Engagement für eine bessere – und am Ende vielleicht das damit, dass all das in Zeilen endet, die zwangsläufig auch manchmal klamaukig sind wie: "Ich würde mich so gerne etwas hingeben. / Doch werde mich wohl erstmal etwas hinlegen."

Vielleicht fühlt sich Anton Schneider vom Künstlerkollegen Peter Licht getröstet. Der hat einmal auf Kritik an seiner Passivität angesichts des Schlechten in der Welt zurückgeschossen: "Die Konsequenz ist, dass ich davon singe. Das ist die Maximalkonsequenz, die mir zur Verfügung steht." Maximale Wirkung kann auch Fatoni natürlich nur entfalten, wenn sein Publikum wächst. Aber falls das ausbleibt, kann Anton Schneider am Wenigsten dafür.

Fatoni weiß um die allgemeine Sehnsucht nach simplen Antworten auf schwierige Fragen. Und er weiß, dass die nicht existieren. Deshalb schreibt er Lieder, die als Ohrwürmer funktionieren, als selbstironische Wortspielfeuerwerke, aber eben auch als sozialkritische Essays mit viel Raum für Ambivalenz. Über den arrogant-ignoranten Widerstand gegenüber neuen Ideen etwa, am Beispiel des Arztes Ignaz Semmelweis, im 19. Jahrhundert von seinen Kollegen ins Irrenhaus gesteckt, wo er gewaltsam zu Tode kam – und dessen Erkenntnisse über die Lebenswichtigkeit von Hygiene postum als unschätzbar wertvoll anerkannt wurden. Dass das Lied ("Semmelweisreflex") bei Verschwörungstheoretikern beliebt ist, ärgert Schneider, sehr sogar, aber Applaus von der falschen Seite macht eine richtige Botschaft ja nicht falsch und überhaupt, ein bisschen Schwund ist immer.

Der Rollen-Spieler, den die Generation Y verdient

Als lässig-leichter Sommerhit im MC Fitti-Stil missverstanden wurde sein Song "32 Grad" über das Nichtbelästigtwerdenwollen vom Elend der anderen, am Beispiel eines All-Inclusive-Urlaubs auf Lampedusa, Auge in Auge mit Flüchtlingen: "Es heißt 'All You Can Eat' und genau das werd' ich tun / Geh mir aus der Sonne, denn ich hab sie gebucht!" In Interviews spart er sich angenehmerweise Verzweiflung darüber und bekennt, er könne den Touristen "nicht mal einen Vorwurf machen" – weil ein Boykott von Mittelmeer-Urlaub ein selbstgerechter Akt bliebe, der keinem Flüchtling helfe und zu allem Überfluss noch die gebeutelten griechischen Gastgeber träfe.

Fatoni ist der Künstler, den die Generation Y verdient, weil er ihre Stärken, Schwächen und Fetische (Authentizität!) seziert. Frei nach dem Motto: Welt retten? Unbedingt! Nur jetzt gerade ist es wirklich ganz schlecht, leider, sorry, Du.

In den Rollen von Dummen sucht er Sündenböcke ("Würde Gemüse nicht so scheiße schmecken / müsst' ich nicht den ganzen Tag lang Schweine fressen"), in denen von Klugscheißern be-rappt er die Dummdreistigkeit von Trostfloskeln ("Das ist alles immer noch besser als Stalingrad"), in der des Clowns veralbert er Vermeidungsstrategien ("Kann nicht reden, ich esse"). Seinen Fans hält er die Wohlfeilheit der gemeinsamen Feindbilder vor: In den Strophen von "Vorurteile" grölen alle ihre Verachtung für BWL-Streber, Soldaten und Zeitarbeitsfirmen-Chefs heraus – den Refrain ("Was, das sind nur Vorurteile? Ich habe keine Vorurteile! Nur Araber haben Vorurteile!") wird mancher vor Freude an der eigenen überlegenen Moralität wohl nie begreifen.

Dazu kommt Schneiders ehrenwerter Hang zum Seelenstriptease: "Ich mag die Attitüde von Widerstand, aber auch Apple-Produkte ziehen mich an", rappt er, und auch, dass er, zur Übertünchung eigener Schwächen Texte schreibe – "und fühl' mich anschließend besser als Ihr." Dieser Fatoni jedenfalls, benannt nach dem Mafiaboss "Fat Tony" aus der "Simpsons"-Welt, hat das Zeug zum Erlöser für jeden Deutschrap-Fan, der genug hat vom Gangsta-Gepose von Haftbefehl, Kollegah und Co. einerseits und Dauerironikern wie Alligatoah andererseits.

Anton S. ist auf der Reise und hat Rückenwind

Er verspüre keinen Druck, sagt Schneider. Schon gar keinen, der Retter des Deutschraps zu sein oder zu werden, auch nicht der einer noch so kleinen Nische davon. Es ist halb eins am Freitagmorgen, er ist noch immer schweißnass und seine Angst vor einer zweiten Kehlkopfentzündung innerhalb weniger Wochen ist greifbar im Backstage-Raum. So ist das, wenn man nicht bloß für, sondern auch von HipHop lebt.

Aber es geht ihm gut, es geht ihm sehr, sehr gut. Anton S. ist auf der Reise und hat Rückenwind. Vor ein paar Tagen erst hat er schnaubend das Angebot abgelehnt, in einer Telenovela mitzuspielen. Und während er sich gerade die Seele aus dem Leib gerappt hat und dafür mit Support und Liebe überschüttet wurde, hat der große Dendemann eine abgewandelte Version seines Tracks "Benjamin Button" gespielt, im Fernsehen, bei Jan Böhmermann, über den gerade halb Deutschland redet.

Wenn das mal kein Zeichen ist.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

"Fatoni" - Rap-Hoffnungsträger mit 31


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.