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Duisburger Sechsfachmord von 2007
"Die Mafia ist in NRW unverändert aktiv"

Chronik der Duisburger Mafia-Morde
Chronik der Duisburger Mafia-Morde FOTO: ddp
Duisburg. Die Autorin Petra Reski recherchiert seit vielen Jahren über die italienische Mafia – auch in Deutschland. Zehn Jahre nach den Morden von Duisburg haben wir mit ihr darüber gesprochen, wie umtriebig die Clans in NRW auch heute noch sind. Von Dana Schülbe

Es war am 15. August 2007, als in Duisburg sechs Italiener vor einem Restaurant auf offener Straße erschossen wurden. Auslöser war eine Fehde zwischen zwei Mafia-Clans der 'Ndrangheta. Der Haupttäter, der als Drahtzieher der Morde gilt, wurde 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine solche Bluttat der Mafia hat sich seither in Deutschland nicht wiederholt, aktiv sind die Clans aber nach wie vor. Ein Gespräch mit Mafia-Expertin Petra Reski.

Frau Reski, die Mafia-Morde von Duisburg werden oft als eine Art Betriebsunfall bezeichnet. Was war daran so untypisch?

Reski Die 'Ndrangheta hat kein Interesse daran, in Deutschland aufzufallen. Die besten Geschäfte macht sie, wenn niemand von ihr spricht. Gewalt setzt die Mafia nur dann ein, wenn es nicht anders geht. In Duisburg sollte dem gegnerischen Clan das Deutschlandgeschäft verdorben werden, was dumm war, weil die plötzliche Aufmerksamkeit der Deutschen allen Mafiaclans schadete. Das haben auch die Bosse bei den "Friedensverhandlungen" eingesehen. Langfristig haben die Morde jedoch nichts an der Haltung der Deutschen geändert: Die Mafia wird nach wie vor als Fremdkörper betrachtet, als italienisches Problem. Dabei wird übersehen, dass die Mafia schon seit den 60er Jahren in Deutschland präsent und integriert ist und viele Investitionen tätigt.

Petra Reski verarbeitet in ihren Romanen ihre Recherchen über die italienische Mafia. FOTO: Paul Schirnhofer

Seit den Morden ist die italienische Mafia aus der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie verschwunden. Wie aktiv ist sie noch in NRW?

Reski "Noch" ist das falsche Wort. Sie ist unverändert aktiv. Die Geschäfte laufen glänzend, sowohl die klassischen Geschäftsfelder wie Drogen- oder Waffenhandel als auch die Geldwäsche. An ihr hat die Mafia nach wie vor das größte Interesse, die deutschen Gesetze sind ein Einladungsschreiben für die Mafia. Es ist in Deutschland extrem einfach, große Summen zu waschen.

Was ist das Problem an den deutschen Gesetzen?

Reski In Deutschland ist die Mafia-Zugehörigkeit keine Straftat wie in Italien. Dort können auch Güter von Mafia-Mitgliedern vorbeugend beschlagnahmt werden. Man versucht nun in Deutschland etwas herumzuwerkeln, auch weil es in Wahlkampfzeiten nicht so schön ist, wenn die Bürger erfahren, wie schwach das Gesetz ist: Kriminelle Vereinigung setzt voraus, dass eine Straftat vorbereitet wird. Die alleinige Zugehörigkeit ist kein Problem.

Dennoch: Gefühlt ist die albanische oder die russische Mafia präsenter.

Reski Die italienische Mafia hat die längere Berufserfahrung. Geschäfte macht man, wenn man nicht auffällt. Etwa, indem man eine kleine Pizzeria aufmacht, Kontakte zu lokalen Entscheidern und Politikern knüpft, eine Party im Golfclub sponsert oder das Catering für eine Wahlparty anbietet – und so Freundschaften schließt. Geld stinkt nicht. Da wird niemand erpresst, das sind einfach "Freundschaftsdienste", etwa wenn man zu Krediten verhilft oder Baugenehmigungen erlässt.

Was ist mit Schutzgelderpressung? 

Reski Ein Mythos. In Deutschland kommt niemand mit einer Knarre in der Hand in einen Laden. Schutzgelderpressung war ein Phänomen in den 80er Jahren und fiel auch den Behörden auf, was kontraproduktiv war. Also hat sich das System gewandelt. Seit vielen Jahren funktioniert die Kontrolle der italienischen Gastronomen in Deutschland so, dass sie gezwungen werden, Waren zu überhöhten Preisen von bestimmten Feinkosthändlern zu beziehen. Die Italiener in Deutschland sind die ersten Opfer der Mafia in Deutschland.

In welchen Regionen in NRW ist die Mafia aktiv?

Reski Nach wie vor spielt die kalabrische 'Ndrangheta in NRW eine große Rolle, insbesondere im Ruhrgebiet. Das liegt daran, dass sie in den 50er und 60er Jahren im Gefolge der anständigen italienischen Gastarbeiter in die Industriezentren gekommen ist – und sich ausgebreitet hat. Nach wie vor ist vor allem die 'Ndrangheta hier aktiv, ganz massiv auch am Niederrhein, in Duisburg, in Kerpen. Die sizilianische Cosa Nostra hat seit Jahrzehnten ihre Hochburgen in Städten wie Dortmund, Köln, Solingen oder auch Leverkusen.

Kann ich, wenn ich in ein Restaurant gehe, selbst erkennen, ob die Mafia dort umtriebig ist?

Reski Da steht jetzt nicht das blaue Aquarium als Erkennungszeichen. Aber wenn ein Lokal keine Kundschaft hat und trotzdem weiterbetrieben wird oder der Besitzer ständig wechselt, kann das ein Anzeichen für mafiose Geldwäsche sein. Italiener erkennen das übrigens sofort, da reicht ein Blick, ein Zungenschnalzen, eine kleine Bemerkung: Man liest aus Gesten. 

In Ihrem neuen Roman "Bei aller Liebe" spielen auch Flüchtlinge eine Rolle, weil viele an ihnen verdienen möchten. Das ist alles andere als Fiktion…

Reski Das ist tatsächlich das neue Geschäftsfeld der Mafia, denn in diesem Bereich fließen derzeit die meisten Gelder in Europa. Die Mafia hat sich schon lange darauf vorbereitet, schließlich kommen in Süditalien schon seit mehr als zehn Jahren tausende Flüchtlinge an. Ein Abtrünniger hat ausgesagt, dass die Clans in Sizilien schon 2007 leerstehende Fabrikgebäude oder Kasernen aufgekauft haben, um dort Flüchtlingszentren einzurichten. Die heute von ihnen betrieben werden. Die Mafia betrachtet die Flüchtlinge als Rohstoff, den es auszubeuten gilt. Man setzt sie in der Schwarzarbeit ein, in der Prostitution, aber vor allem verdient man an ihnen, in dem man das Geld kassiert, das ihnen zusteht. Das Abzweigen öffentlicher Gelder ist eine Spezialität der Mafia. In den Aufnahmezentren herrschen zum Teil unfassbare hygienische Zustände. Geistliche spielen dabei übrigens häufig eine tragende Rolle, wie ebenfalls in meinem Roman zu lesen ist.

Spielt das auch in Deutschland eine Rolle?

Reski Es wäre naiv zu denken, dass dem nicht so ist. Deutschland ist das Land, in welches das meiste Geld im Zusammenhang mit den Flüchtlingen fließt. Anfangs lief hier viel ohne öffentliche Ausschreibungen, das lässt sich natürlich wunderbar ausnutzen. Zumal hier die klassischen Felder der Mafia zum Einsatz kommen: Catering, Sicherheitsdienste, Baugewerbe. Außerdem hat die Mafia sowohl in Italien als auch in Deutschland den Wettbewerbsvorteil, dass sie schnell Geld zur Verfügung stellen kann. 

Sie sind im Laufe der Zeit immer wieder von der Mafia bedroht und verklagt worden. Warum bleiben Sie dennoch an dem Thema dran?

Reski Ich lebe in Italien, da ist es normal, sich damit zu beschäfigen. Die Mafia spiegelt die dunkle Seite der Menschen wieder, psychologisch, also was menschliche Abgründe angeht, ist sie ein interessantes Thema – gerade für meine Romane. Gerade die vermeintlich Anständigen sind spannend zu beschreiben: Etwa wie schnell jemand bereit ist, seine Moralvorstellungen über Bord zu werfen. Oder wie es den Clans immer wieder gelingt, Schwächen einzelner Personen oder ganzer Gesellschaften auszuloten und auszunutzen. Die Mafia ist in ihrer Entwicklung vielen Dingen immer einen Schritt voraus. Ziel der Prozesse und Anfeindungen ist natürlich, mich zum Schweigen zu bringen, ein Exempel zu statuieren, damit Journalisten wissen, was passiert, wenn man über die Mafia in Deutschland schreibt. Aber ich werde mich davon nicht einschüchtern lassen.

 
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