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Düsseldorf
In 102 Jahren um die Welt

Düsseldorf. Willi Schlichting ist ein lebendes Geschichtsbuch. Viele gibt es nicht mehr, die von Kriegsgefangenschaft und dem Bau des Hafens von Istanbul berichten können. Der Löricker feierte gestern seinen 102. Geburtstag. Von Henning Rasche

Willi Schlichting kennt den König von Afghanistan persönlich, erzählt seine Frau Irmgard. Willi Schlichting würde das auch selbst berichten, aber der Besuch, der war kräftezehrend. Bürgermeister Günter Karen-Jungen, ein paar Bekannte und Nachbarn sind zum Gratulieren vorbeigekommen. Einige nette Worte hier, einen Bissen in das Brötchen da. Das ist anstrengend für einen 102-Jährigen. Und Fragen, das hatte Willi Schlichting schon beim Aufstehen beschlossen, wollte er ohnehin nicht beantworten. Dabei kann er, der sich den Mittagsschlaf redlich verdient hat, Fragen beantworten wie wenige andere Menschen.

Willi Schlichting hat gestern sein 102. Lebensjahr vollendet. 1913 wurde er in Groß Radisch, Oberlausitz, geboren. 2015 lebt er im 17. Stock in Lörick, mit Blick über halb Düsseldorf. Die Messe sieht er vom Fenster links, geradeaus durch liegt der Flughafen. Maschinen heben ab in die Welt, Maschinen kommen aus der Welt. So wie Willi Schlichting das viele Jahre getan hat. In Kabul, Alexandria, Johannesburg, Kairo, Istanbul, Lingen - überall hat er gelebt, gearbeitet, Land und Leute kennengelernt.

In Zittau hat er Bauingenieurwesen studiert, das war noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Als der ausbrach, fand Schlichting keinen Job. Stattdessen musste er zur Kavallerie nach Polen. Ein Bauchschuss streckte ihn zwischenzeitlich nieder, im Lazarett in Wien ging es wieder aufwärts. Dann: Italien. Das Schiff, auf dem Schlichting fuhr, wurde bombardiert, ging unter. Schlichting, der Kämpfer, überlebte. Später im Krieg, kam er unter das Kommando von Erwin Rommel nach Afrika. Man habe auf dem Panzer Spiegeleier braten können, hat er seiner Frau nachher erzählt.

Schlichting kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Auch da konnte er nicht als Bauingenieur arbeiten, auch nicht später, als er nach England geschickt wurde - immer noch als Kriegsgefangener. Erst in Dortmund Anfang der 1950er Jahre kam Schlichting in seinem Beruf in Lohn und Brot. Entdeckte in der Stadt seine Liebe zum Fußball, kickte sogar selbst mal für die BVB-Amateure. Sein Herz schlägt seither für die Borussia. Willi Schlichting zog nun für ein großes Bauunternehmen durch die Welt. Er war beteiligt am Bau des Hafens in Istanbul, der Uni in Kabul, der Sommerresidenz des Scheichs von Persien, eines Trockendocks in Alexandria. Und auf deutschem Boden plante er, es war die Zeit der atomaren Energiewende, Kernkraftwerke. 1965 führte ihn dieses Vorhaben nach Lingen, wo er seine heutige Frau kennenlernte, Irmgard Frank-Schlichting, sie ist heute 73 Jahre alt. Sie kann ihren Mann, mit dem sie seit 25 Jahren verheiratet ist, präzise beschreiben. Kennt sein Lieblingsessen (Sauerbraten) und schwärmt. Einmal hat sie über ihn gesagt: "Er ist mein Geliebter, meine Schwester, mein Bruder, mein Freund." Heute pflegt Irmgard Frank-Schlichting ihren Mann, an dem 102 Lebensjahre nicht spurlos vorbeigehen konnten. Der aber immer noch zwei Kiwis am Tag isst und seiner Frau das Dressurreiten im Fernsehen erklärt.

"Mein Mann war immer ein Kämpfer ohne Angst. Heute kämpfe ich für ihn", sagt sie. Sein Leben ist auch ihr Leben, obwohl sie bei seinen Abenteuern nicht dabei war. Sie wäscht ihn, macht Frühstück für ihn, ermuntert ihn zum Zeitunglesen und zum Fernsehen. Er ruft nach ihr, "Herzi", sagt er dann. So viel Kraft, wie er in seiner Stimme hat, wird Willi Schlichting noch 110, ist seine Frau überzeugt. Mit über 90 ging er noch allein auf Radtour.

Kürzlich fiel ihr eine Einladung von Ludwig Erhard in die Hände. "Bitte im Anzug erscheinen", stand darin. Der Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler mahnte an, den König von Afghanistan gebührend zu begrüßen. Seitdem kennt Willi Schlichting den König von Afghanistan persönlich, wie seine Frau erzählt. Der König ist seit acht Jahren tot und das Königreich inzwischen so etwas wie eine Demokratie. Willi Schlichting lebt.

Quelle: RP
 
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