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Düsseldorf
Gemeinheiten in der Gartenlaube

Düsseldorf: Gemeinheiten in der Gartenlaube
Das Ensemble (v.l.): Isabel Varell, Martin Albrecht, Laura-Anthea Heyner und Tobias Schwieger, Ute Willing und Timothy Peach. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. "Sommerabend", das neue Stück im Theater an der Kö, ist eine kurzweilige und sehenswerte Screwball-Komödie. Von Claus Clemens

Vor den Schadow-Arkaden lockte der goldene Oktober. Drinnen, im Theater an der Kö, ein "Sommerabend". Diesen Titel trägt ein neues Stück von Gabriel Barylli, und in seiner Regie feierte es nun eine glänzende Premiere. Erfolgsverwöhnt und aus aktuellem Anlass auch ironisch begrüßte Theaterchef René Heinersdorff das Publikum: "Am heutigen Abend geht in fünf Städten der Vorhang auf für eine Produktion aus unserem Haus. Dies ist kein Spendenaufruf."

Bereits das Bühnenbild machte Lust auf den zweieinhalbstündigen Abend. Johannes Fischer hatte eine anmutige Gartenszene entworfen, inklusive zwitschernder Vögel und bunter Lampions. Fischer kennt sich aus vor Ort: Er ist der Sohn von Nicole Heesters und Pit Fischer, dem langjährigen Bühnenbildner des Theaters an der Kö. In Fischers grüner Idylle treffen zwei Ehepaare aufeinander. Die Gastgeber empfangen die Eltern ihres künftigen Schwiegersohns, man will sich kennenlernen. Dass aus der guten Absicht Übles entstehen wird, offenbart schon der Streit um die Hintergrundmusik. Brautmutter Anna setzt mit Doris Days "Que sera, sera" auf Harmonie, während ihr Gatte Wilhelm mit Johnny Cashs "Ring Of Fire" seiner Leidenschaft nachspürt. Als erfolgreicher Chirurg ist er die "Geldmaschine" des Haushalts, während Anna ihren Anästhesisten-Job für die Familie geopfert hat. Kaum haben die Beiden musikalisch einen Kompromiss erzielt, nämlich ganz ohne solche, holen sie ihre Waffen im längst tobenden Ehekrieg hervor. Doch nun kommen die Gäste, Richard und Madeleine. In einer kurzen Seitenszene erlebt man, wie wenig sie sich auf diese Begegnung freuen. Richard ist ein ehemals erfolgreicher Esoterik-Autor mit nicht enden wollender Schaffenskrise, während die alkohol- und sexsüchtige Madeleine als TV-Moderatorin ihren Trieben in Studiohinterzimmern nachgeht. Im Kampf gegen den drohenden körperlichen Verfall setzt sie auf plastische Chirurgie: "Roland hat meine Körbchengröße wieder verdoppelt."

Was jetzt geschehen wird, weiß man seit Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels". Schichtenweise entledigen sich die vier Personen ihrer bürgerlichen Hülle und tragen parallel zu zweit oder überkreuz zu viert ihre Gefechte aus. Martin Albrecht, der den Autor Richard als gleichmütigen Alt-Hippie auf die Bühne bringt, gibt irgendwann ein ironisches Zwischenresümee: "Warum beim ersten Kennenlernen nicht gleich alles kennenlernen?" Zwischen den verbalen und handgreiflichen Gemeinheiten heißt es immer wieder "Salute" mit Champagner, frei nach Wilhelm Busch: "Wie lieb und luftig perlt die Blase der Witwe Klicko in dem Glase".

Die Schauspieler sind Idealbesetzungen. Timothy Peach gibt den Zyniker Wilhelm, der im OP-Saal die gleichen dreckigen Witze macht wie zu Hause. Seine außerehelichen Eskapaden betrachtet er als "Lustreisen". Isabel Varell schafft es als Maria, so lange Würde zu bewahren, bis das Gefühlskartenhaus zusammenbricht. Hervorragend auch Ute Willing, die als Madeleine bereits mit dem Flachmann bewaffnet in der Gästelaube Platz nimmt. Sie zeigt die Souveränität, die man von einer Medien-Frontfrau erwartet.

Und das Brautpaar? Verloren, beinahe wie Staffage, sitzen Laura-Anthea Heyner und Tobias Schwieger auf der Gartenbank. Statisten einer tollen Screwball-Komödie. Eine Skype-Einlage hätte sie glänzend und ohne Schaden für die Handlung ersetzen können. Dennoch sehr freundlicher, langer Applaus für Regie, Bühne und Darsteller.

Quelle: RP
 
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