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Düsseldorf
Neue Heimat

Düsseldorf. Die Galerie van Horn zeigt Jens Ullrichs "Refugees in A State Apartment". Fotografie wird zur Plakatkunst. Von Annette Bosetti

Man sieht es sogleich: Es müssen Flüchtlinge sein, die so seltsam ihrem gewohnten Umfeld entrissen und an einen falschen Ort montiert wurden. Irritation der Augen: Solche verlorenen Menschen gehören doch nicht in eine Wohlstands-Villa. Menschen in geduckten Posen hier, großbürgerliches Ambiente da. Man hat sie nur verschoben, wie Schachfiguren neu aufgestellt - Aktionen, die zur Zeit tagtäglich Tausende Flüchtlinge durchleben.

Doch diese Momentaufnahmen, diese Neuverortungen geschehen im Namen der Kunst. Dazu setzt der Berichterstatter der kleinen Geschichten Fotografie in maximaler Vergrößerung ein. Zweieinhalb mal dreieinhalb Meter messen die Plakate, die die Galerie van Horn zeigt. 18 Motive gibt es, davon sind sechs gehängt, eines erstreckt sich über zwei Wände, fasst die Ecke mit ein. Jens Ullrich hat die Fotos eher beiläufig gemacht, sie entstanden aus der direkten Begegnung mit den Menschen, die die Gesellschaft in die Kategorie Flüchtlinge packt.

Der Künstler (Jahrgang 1968), der an der Düsseldorfer Akademie bei Gerhard Merz studierte, lebt heute in Berlin-Moabit. Direkt um die Ecke von dem Haus, in dem er auch sein Atelier unterhält, befindet sich die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge. Tausende warten von früh bis spät vor dem Gebäude darauf, nach Nummern aufgerufen zu werden, manche müssen sich länger als 30 Tage gedulden. Das gesamte Straßenbild ist von dieser prekären Lage geprägt, in den öffentlichen Parks der Umgebung stehen Zelte und liegen Matratzen.

Tagtäglich, ob Ullrich kommt oder geht, trifft er auf die Frauen, Männer und Kinder, die in Deutschland eine neue Heimat suchen. Sie sind Wartende, Frierende, Ausgeschlossene. Man erkennt sie sofort: Sie haben eine andere Haut- und Augenfarbe als die meisten Deutschen, und sie tragen für unsere Vorstellungen seltsame Kleider, oft Kopftücher und Kapuzen. Ullrich traf immer wieder auf dieselben Leute, etwa, wenn er mit seinem kleinen Sohn spazierenging. "Tatsächlich sehe ich Menschen", sagt er, "die man in einem staubigen, zertrampelten Niemandsland warten lässt und deren Ankommen noch lange nicht akzeptiert ist".

Er hat über mehrere Wochen diese prekäre Situation auf der Straße dokumentiert, Fotos gemacht, währenddessen kam er mit den Wartenden ins Gespräch. Sie beklagten, dass sie ständig von Journalisten fotografiert würden und sich denen in ihrem Elend ausgeliefert vorkommen. Manche versuchen also, sich hinter ihren Schals und Kapuzen zu verstecken. Denn ihre oft unwürdige Situation soll nicht dokumentiert werden unter außergewöhnlichen Umständen.

Jens Ullrich wollte, ausgehend von seiner Fotodokumentation, ein anderes, neues Bild von Ankunft schaffen, ein starkes, respektvolles, emotionales Szenario entwerfen. Solch ein Ort, solch ein potenziell neues menschenwürdiges Zuhause für Flüchtlinge findet sich nicht auf Anhieb. Die Idee, es zu errichten, erscheint fast so absurd wie die Suche nach einem Wolkenkuckucksheim.

Ullrich wurde fündig, als er auf historische Fotos aus dem Jahr 1929 stieß, Interieurfotografien einer prunkvoll eingerichteten Villa. Noch dazu menschenleer. Und funktionslos geworden, denn heute findet man das unbewohnte Bremer Haus in der Anzeigensparte unter "zu verkaufen".

Ein Haus, das in seinem Ursprung nicht mehr so wertig wie einst scheint, für Menschen, die entwurzelt und sich gewissermaßen auch entwertet vorkommen. Die metaphorische Mehrdeutigkeit dieser Villa zwischen Zufluchtsort, Wohnsitz, intimer Situation und Kulturdenkmal erschien Ullrich perfekt für seine Montagen, die nun zwei Extreme miteinander konfrontieren. Er montiert die scheuen Menschen in den prächtigen Raum. . . Sie wenden sich ab, kauern, harren aus. Sie werden diese Räume nie einnehmen. Das ist sicher. Fürwahr eine Utopie, die mehr als Reaktion des Künstlers wahrgenommen wird, als ein bewusst zusammengestellter politischer Kommentar. Man schaut diese Bilder sehr lange, vielleicht traurig an und ergründet den wesentlichen Teil des Flüchtlingsdramas: die Heimatlosigkeit.

Quelle: RP
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