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Serie Düsseldorf International
Samba mit Jeföhl

Serie Düsseldorf International: Samba mit Jeföhl
Samba ist der bekannteste Tanz Brasiliens, doch auch Forró, den Aline und Gabriel Alvarenga zeigen, wird immer populärer. FOTO: Endermann, Andreas (end)
Düsseldorf. Die Region Düsseldorf ist mit rund 2000 Zugezogenen aus Brasilien eine Hochburg der Südamerikaner im Rheinland. Von Dagmar Haas-Pilwat (Text) und Andreas Endermann (Fotos)

Jacqueline Monteiro ist eine Frau mit Bodenhaftung, die ihr Leben mit den Töchtern Flora (23), Pilar und Clara (beide 16) auch ohne einen Mann an ihrer Seite meistert. Denn sie hat beschlossen, in Düsseldorf zu bleiben, während der Ehemann lieber zurück nach Rio de Janeiro wollte. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen ist die Südamerikanerin vor 30 Jahren hier gelandet. Und irgendwann hat sie die Marktlücke entdeckt und das, was sie von klein auf gelernt hat, zum Beruf gemacht: Sie hat Samba-Tanzen unterrichtet, Choreografien inszeniert, Kostüme geschneidert.

Aber irgendwann war es genug, Jacqueline hängte die Tanzschuhe an den Nagel, beziehungsweise hat sie mit bunten Glitzersteinen beklebt und als Dekoration ins Regal ihrer "Boteco Carioca" an der Eisenstraße in Oberbilk gestellt. Denn Jacqueline Monteiro kann nicht nur tanzen, sondern auch kochen. Und zwar alles, was die brasilianische Küche an Klassikern zu bieten hat - von der Feijoada Completa (Bohnen-Fleisch-Eintopf) bis zum afro-brasilianischen Bobó de Camarao. Und weil die eigene Küche stets zu klein war, hat sie sich getraut, ihr eigenes Bistro zu eröffnen. "Monatelang bin ich an dem leerstehenden Lokal vorbeigelaufen," erzählt sie. Dann hat sie in die Hände gespuckt und in Eigenregie die heruntergekommenen Räume aufgemöbelt, kräftig unterstützt von Flora. Die 23-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen, studiert Geschichte und antike Kulturen, jobbt nebenbei in einem Café und bedient mehrmals in der Woche die Gäste in der Boteco, während ihre Mutter am Herd alles frisch zubereitet. "Ich mach' auch die besten Caipis", sagt Flora selbstbewusst.

Jacqueline Monteiro (sitzend), ihre Tochter Flora (links) und Ana Cecilia Kreter, Sprecherin der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft (DGB) in Düsseldorf FOTO: Endermann, Andreas (end)

Und die Caipirinhas gehen besonders gut, wenn Kultur auf dem Programm steht. Denn weil Jacqueline ein Leben ohne Musik und Tanz langweilig findet, baut sie die Boteco zu einem Kulturtreff für Landsleute und Liebhaber ihres Heimatlandes aus. So schieben jeden zweiten Donnerstag Gabriel Alvarenga (29) und seine Frau Aline (26) die Tische und Stühle beiseite, legen Musik auf, und dann geht's los: Die Zwei formieren sich zum Paartanz, sie kommen sich nah, sie schwingen die Hüften, bewegen blitzschnell die Füße, schon flirrt pure Lebensfreude und Sinnlichkeit durch die Luft. Forró heißt der Tanz - in Brasilien so alt und populär wie Samba. "Auch in Europa werden es immer mehr Fans", sagt Gabriel. Für ihn ist Forró ein Tanz mit Haltung und viel Gefühl, eine emotionale Meditation für zwei Personen. "Da tanzt Herz mit Herz", meint er. Gabriel und Aline, die beide aus Belo Horizonte stammen (wo Brasilien bei der WM 2014 mit 1:7 gegen Deutschland verlor), haben die Party in der Boteco über Facebook ins Leben gerufen. Inzwischen kommen Studenten aus Aachen und Duisburg, aus Essen und Neuss. Darunter sind Chinesen, Spanier, Kolumbianer, Deutsche und natürlich Brasilianer, die für ein paar Stunden ihr Herz erwärmen und eintauchen wollen in heimische Gefilde.

Denn ihre Heimat, ihre Familien vermissen sie schon. Auch wenn sie ihnen freiwillig den Rücken gekehrt haben. "Hier haben wir eine ganz andere Perspektive, hier werden Ingenieure gesucht", erklärt Aline Alvarenga, die nach einem dreimonatigen Intensivkurs Deutsch spricht - so perfekt wie zuvor bereits Englisch, Spanisch und natürlich Portugiesisch. Als ihr Mann nach Düsseldorf ging, um beim Technologiekonzern ABB einen Job als Elektro-Ingenieur anzunehmen (nebenbei macht er in England einen Wirtschaftsabschluss), war klar, dass sie ihm folgt. Mittlerweile studiert die junge Frau Maschinenbau an der Uni Duisburg-Essen und arbeitet als Werksstudentin. Das Paar ist angekommen, will hier Karriere machen, ohne seine Herkunft zu verleugnen.

Rode Veiga-Pfeifer, hier in dem brasilianischen Lokal "Sucos do Brasil", ist im Alter von 17 Jahren nach Düsseldorf gekommen. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Das sieht Ana Cecilia Kreter (40) genauso. "Man muss flexibel und offen sein, nicht ständig zurückschauen und an das denken, was man zurückgelassen hat", sagt sie. Als sie als Austauschstudentin in Tübingen war, hat die Tochter aus gutem Haus vor 15 Jahren ihre Liebe zu Deutschland entdeckt. Zurück in Rio de Janeiro lernte die Studentin der Volkswirtschaft am Goethe-Institut Deutsch und vertiefte ihre Kenntnisse mit Hilfe einer Briefpartnerschaft. Ganz nebenbei hat sie sich in den Adressaten verliebt, der schließlich ihr Ehemann wurde. Für ihre Liebe gab Ana Cecilia ihr altes Leben als Wissenschaftlerin an einem Forschungsinstitut auf. Stattdessen hat sie sich als Therapeutin ausbilden lassen, kümmert sich um demente Patienten und ist ausgesprochen aktiv, wenn es um die Völkerverständigung geht. Sie organisiert Lesungen, Musik-Veranstaltungen, Vorträge, begleitet als Dolmetscherin Politiker und Unternehmer und ist Sprecherin der deutsch-brasilianischen Gesellschaft in Düsseldorf. Und irgendwie scheint hier jeder sie zu kennen, der mit Brasilien zu tun hat.

Wie auch Rode Veiga-Pfeifer. Die 32-Jährige ist allerdings nicht freiwillig hier gelandet. "Mein Vater bekam 2000 das Angebot, als Pastor die Freikirche in Aachen zu übernehmen. Quasi über Nacht hat er mit meiner Mutter und uns vier Kindern Rio verlassen", erinnert sie sich. Und da stand sie nun als 17-jährige Exotin, die eigentlich Abitur machen wollte, vor völlig überforderten Lehrern, die sie in die Hauptschulklasse mit Zwölfjährigen steckten. Rode war wütend auf ihren Vater, auf alles und jeden. Offenbar hat der Zorn sie beflügelt: Auf den Realschulabschluss folgte das Super-Abitur, und die Sprache hat sie nebenbei als Aushilfe bei einer Modekette gelernt. Heute ist sie mit einem "Gringo", Stefan, dem Bauingenieur, verheiratet, unterrichtet an der Uni Duisburg Deutsch, lehrt an der RWTH Aachen die Geschichte, Kultur und Sprache Brasiliens und sitzt an ihrer Promotion im Fach Linguistik.

Sie liebt das Leben in Deutschland: "Als Frau kann ich mich ohne Angst bewegen." Sie hat sich integriert, ohne ihre "brasilianische Essenz" aufzugeben. Aus ihrer Liebe zu Sprachen und zu ihrem deutsch-brasilianischen Leben macht sie auf ihrem Blog (www.entre-duas-culturas.de) keinen Hehl. Sie schreibt über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über Sitten und Bräuche - und das zweisprachig als Mittlerin zwischen zwei Kulturen.

Quelle: RP
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