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Flingern
Bullerbü nach der Baustelle

Flingern. Im Neubaugebiet Grafental ist es ruhiger geworden. Dabei ist der zweite Bauabschnitt so gut wie fertig. Von Torsten Thissen

Ein Spielplatz ohne Kinder ist umso trostloser, je neuer er ist. So könnte man schon losledern über die Anonymität jener Neubauviertel, doch da kommt auch schon eine Frau mit Kinderwagen. "Gibt's Regen?", fragt sie den Reporter, packt ihren Jungen aus dem Buggy, schmeißt Sandspielzeug in den Sandkasten. "Ach, das hält sich, was meinst Du", sagt sie.

Schon weil die Pflanzen noch jung sind, weil alles noch unbenutzt ist, weil das Leben ja erst einmal Fuß fassen, sich auch zurechtfinden muss, wirkt so ein Neubaugebiet immer ein wenig leer. Bei der Übergabe des neuen Spielplatzes an die Stadt vor zwei Wochen war das noch anders, sagt die Frau. Da spielten die Kinder der "Grafentaler Springmäuse" wie der neue Kindergarten hier heißt, eine große Rolle. Es werde langsam, man kennt sich in der Nachbarschaft und: "Ich dachte ja auch, dass es ziemlich spießig ist hierhinzuziehen, aber nachdem wir nun hier wohnen, stelle ich fest: Die Leute wollen auch nur vier Wände, ein Dach über dem Kopf und ihre Kinder sollen es nett haben." Sie sei zufrieden damit.

Andreas Mauskas, der die Wohnungen in Grafental vermarktet, hat eine Künstlerin ein Bild von der Einweihung des Spielplatzes malen lassen:, Kinder, Blumen, Bäume, Schmetterlinge, Luftballons und im Hintergrund in ganz zartem Grau die neuen Wohnhäuser. Er hat es dem Kindergarten überreicht, ein Geschenk, und man mag das ja auch ein bisschen für Marketing-Quatsch halten, doch es gibt eben auch Fotos von der Veranstaltung. Und auf denen lachen die Kinder wirklich, und die Erwachsenen auch, und da stehen Menschen mit asiatischem Hintergrund neben welchen mit afrikanischem, da halten blonde, blauäugige Mädchen schwarzhaarige, kleinere Jungen an der Hand. Schwarze Jungs toben durchs Bild, ein weißes Mädchen versucht, besonders hübsch in die Kamera zu lächeln. "Es ist Normalität eingekehrt in Grafental", sagt Mauskas. Die Normalität ist ein urbanes Mittelstands-Bullerbü, das auf seltsame Weise anrührt, aufgeklärt, liberal und sozial. Zyniker, sogar die abgefeimtesten, sollten diesen Ort meiden.

Ein Mann kommt mit dem Kinderwagen vorbei, 13 Monate alt ist seine Tochter, erstes Kind, "spät aber immerhin", sagt er. Die Familie lebt auf vier Zimmern, klar, sie haben sie sich sehr verschuldet für die Eigentumswohnung, aber letztlich sahen sie keine Alternative. "Wir wollten es genauso haben, praktisch, vernünftig." Er ist in der Werbung, hat lange Zeit rumstudiert, bis er schließlich als Quereinsteiger in den Job kam. Die Frau: verbeamtet, "sonst hätten wir das finanziell auch nicht stemmen können", sagt er. Das Leben in Grafental ist ruhig geworden. Es scheint nun auch besser zu klappen mit der Baufirma. Freunde von ihm haben eine Wohnung im zweiten Bauabschnitt gekauft und es scheint, als werde alles pünktlich fertig. "Wir konnten erst später als geplant rein und lebten auch noch teilweise auf einer Baustelle", sagt er. Er zeigt Fotos auf dem i-Phone, von Baustellen und Pfützen und ungepflasterten Wegen. Blöd sei das schon gewesen, sagt er. Mauskas sagt, dass man aus den Fehlern gelernt habe. Man habe nun einen anderen Unternehmer, auch die Aufnahme und Beseitigung der Baumängel werde nun anders gemanagt. Doch so schlimm scheint das im ersten Bauabschnitt auch nicht gewesen zu sein. "Ich würde es wieder machen", sagt jedenfalls der Mann am Spielplatz, während er geflissentlich übersieht, dass seine Tochter die Schaufel des Jungen stibitzt. Es gibt noch ein Penthouse im zweiten Bauabschnitt, sagt Mauskas. Im dritten - da sind sie schon beim ersten Obergeschoss - sind 50 Prozent verkauft. Zurzeit laufe das Baugenehmigungsverfahren für den vierten Bauabschnitt. Regen setzt ein, die Bauarbeiter machen langsam Feierabend, eine Kolonne aus Kastenwagen bringt sie ins Wochenende, die Kinder haben es nicht weit. Am Montag geht es weiter.

Quelle: RP
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