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Flingern
Einen Kaffee für umsonst

Flingern: Einen Kaffee für umsonst
Patricia Leonhardt sammelt die Bons für aufgeschobene Kaffees in einem Glas. Wer möchte, kann sich einen umsonst geben lassen - oder eben einen zuviel zahlen. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Flingern. In Italien ist es gängige Praxis, einen Kaffee zu viel zu bezahlen. Den bekommt dann jemand, der sich sonst keinen leisten kann. Auch in Flingern soll diese Praxis Fuß fassen. Doch das ist gar nicht so einfach. Von Torsten Thissen

Patricia Leonhardt hat vor ungefähr drei Jahren damit angefangen. Jeder, der in ihr Café Hüftgold kommt und einen Kaffee bestellt, kann einen zusätzlichen Kaffee bezahlen, der dann an Menschen gegeben wird, die sich das nicht leisten können. Sie fand das eine gute Idee, eine Möglichkeit, etwas zurückzugeben, und tatsächlich lassen sich auch relativ viele ihrer Gäste darauf ein.

"Meist sind es Leute, von denen man das nicht unbedingt erwartet, die auch nicht besonders viel Geld haben", sagt sie. Und sie habe festgestellt, dass die Bereitschaft, auf diese Weise einen kleinen Beitrag zu leisten, durchaus hoch in Flingern ist. Allerdings sei die Bereitschaft, jenen Kaffee für umsonst abzurufen, eher niedrig, sagt sie, weshalb sie und die Mitarbeiter des Hüftgold auch schon mal Menschen auf der Straße ansprechen, ob sie denn nicht einen Kaffee haben wollen. "Vielleicht braucht das Ganze ja auch noch mehr Bekanntheit", sagt Leonhardt - damit die Leute wie selbstverständlich Gebrauch davon machen.

Die Praxis kommt aus Neapel und heißt dort "caffè sospeso". Sie wird dort seit Anfang des 20. Jahrhunderts praktiziert. Inzwischen finden sich in der ganzen Welt Nachahmer, besonders seit der Finanzkrise im Jahr 2008. Auch in den Vereinigten Staaten kann man in vielen Läden einen "suspended coffee" bestellen.

Allerdings sind die Probleme der Ladeninhaber auch überall die gleichen. So will natürlich niemand sein nettes, gut laufendes Café für eine Heerschar von Obdachlosen öffnen, die umsonst Kaffee trinken. Eine Erfahrung aber, die zumindest das Hüftgold nicht gemacht hat. Bisher hat niemand, der den aufgeschobenen Kaffee in Anspruch genommen hat, irgendwelche Probleme bereitet, sagt Leonhardt. Ihr Eindruck ist vielmehr, dass Menschen, denen es nicht so gut geht, die sich keinen Kaffee in einer Gastronomie leisten können, Schwellenangst haben. Zumal sich das Angebot ja durchaus auch an Menschen richtet, die sich ein Getränk leisten könnten, aber schlicht ihren Geldbeutel vergessen haben. Und beim nächsten Mal dann eben einen aufgeschobenen Kaffee mehr bestellen. In der Altstadt von Neapel funktioniert das Prinzip gut, was allerdings auch daran liegen könnte, dass Kaffee hier zum Grundnahrungsmittel gehört. Der schnelle Espresso, an der Theke im Stehen eingenommen, ist hier Teil der Kultur. Dazu hält man ein Schwätzchen, wirft einen Blick in die Zeitung und wünscht sich einen schönen Tag. Traditionell ist in Deutschland der Kaffee eine Art Mahlzeit, dazu gibt es Gebäck, und man verabredet sich häufig. Erst in den letzten Jahren verändert sich die Kaffeekultur in Richtung Italien.

Leonhardt fände es gut, wenn es mehr Cafés in Düsseldorf gäbe, die bei der Aktion mitmachen. Erst dann steige der Bekanntheitsgrad, und erst dann profitierten die Menschen davon, für die der aufgeschobene Kaffee eigentlich gedacht ist. Ältere Menschen etwa, die nur wenig Geld haben, für die der Kaffeegenuss aber auch eine soziale Funktion einnehmen könnte. Über den Kaffee könnten Bekanntschaften entstehen, man lernt seine Nachbarschaft kennen. "Gerade zu Flingern würde das gut passen", sagt Leonhardt.

Gastronomen, die sich informieren wollen, können das im Internet tun: Auf der Seite www.suspendedcoffee.de wird das Konzept erläutert. Und es gibt Karten mit Läden, die es bereits umsetzen.

Quelle: RP
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