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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Abschied vom Wirtschaftswunder

Duisburg. Am 25. November 1973 verordnete die Bundesregierung erstmals ein Sonntagsfahrverbot. Dieser Tag wird zum Merkdatum für das Ende des Wirtschaftswunders. In Duisburg kam zur Ölkrise noch die bislang verdrängte Strukturkrise hinzu. Von Harald Küst

Duisburg Anfang der 70er Jahre: Noch war die Wirtschaftslage in der Stadt stabil. Die Phase der Vollbeschäftigung in den Jahren zuvor hatte verstärkt zur Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland geführt. Duisburg pflegte seinen Großstadtanspruch. Pläne zur Eingemeindung von Walsum und den linksrheinischen Stadtteilen kursierten. Oper, Orchester, Lehmbruck-Museum und Mercatorhalle waren Zentren des kulturellen Lebens. Der MSV spielte in der 1. Liga und Duisburg galt als herausragende Sportstadt. Die Stadtkultur spiegelte Aufbruchstimmung wider. Trotz Vollbeschäftigung wird die graue Seite der Stadt in den alten Fotos aus den Stadtteilen im Norden und in Hochfeld deutlich. Manch ein Politiker schämte sich ein wenig, weil diese Bilder nicht ins lokalpatriotische Wunschbild passen wollten. Es gibt eben Dinge von unheimlicher Dauer.

Als der vierte Nahost-Krieg ausbrach, drehten die arabischen Staaten den westlichen Freunden Israels den Ölhahn zu. Die Bundesregierung verordnete daraufhin an vier aufeinander folgenden Sonntagen ein Sonntagsfahrverbot, erstmalig am 25. November 1973. Tatsächlich wurden die leeren Straßen zur Symbolik eines Epochenwandels. Die Zeit des Wirtschaftswunders war vorbei. Was folgte, waren Ölkrise, Inflation, Arbeitslosigkeit. Aber die Ölkrise war nur der Auslöser. Jetzt traten die verdrängten Strukturprobleme der Stahl- und Bergbaustadt offen hervor. Der hohe Finanzierungsbedarf von Großprojekten wie z.B. der U-Bahn Bau überforderte die Stadt, da die ursprünglich von Bund und Land für den Stadtbahnausbau in Aussicht gestellten finanziellen Mittel zurückgefahren wurden. Die Stadt geriet in einen Teufelskreis: Dramatisch sinkende Steuereinnahmen durch Arbeitsplatzabbau und Wegzug von einkommensstarken Bewohnern. Häusle-Bauer zog es an den linken Niederrhein. Im Jahre 1975 lebten hier noch 623.000 Einwohner, bis 1984 war die Zahl auf 539 000 gesunken. Die ungünstige Sozial- und Wirtschaftsstruktur führte zu steigenden Sozialkosten.

Die Phase der Vollbeschäftigung hatte verstärkt zur Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland geführt. Die Zuwanderung hatte den Ausländeranteil Duisburgs in den 70er Jahren erhöht. Ausgelöst durch die Ölkrise reagierte die Politik mit hektischer Betriebsamkeit. Am 23. November 1973 weist Arbeitsministers Arendt den Präsidenten der BA, Josef Stingl, an: "Es ist nicht auszuschließen, dass die gegenwärtige Energiekrise die Beschäftigungssituation in der Bundesrepublik. Deutschland in den kommenden Monaten ungünstig beeinflussen wird. Unter diesen Umständen ist es nicht vertretbar, gegenwärtig weitere ausländische Arbeitnehmer über die Auslandsdienststellen der Bundesanstalt für Arbeit für eine Arbeitsaufnahme in der Bundesrepublik zu vermitteln." 1973 trat der Anwerbestopp für "Gastarbeiter" in Kraft. Damit sollte der Zuzug von Ausländern beendet werden. Bewirkt wurde das Gegenteil - mit Folgen bis heute. Die Negativ-Bilder Duisburgs zur Zuwanderung haben sich gerade in Köpfen derer, die noch nie in Duisburg waren, festgefressen. Gegensätze muss man sich leisten können. Wer wirklich etwas über gelungene Integration, Vernetzung und Internationalität erfahren möchte, sollte unbedingt die Universität Duisburg besuchen. Hier liegt die Zukunft. Hier könnte sich die Migrationsstadt Duisburg mit all ihren Stärken neu erfinden. Die Soziologie nennt so etwas "Self empowerment".

Sorgten in den Zeiten des Wirtschaftswunders Kohle und Stahl noch für ein überdurchschnittlich hohes Pro-Kopf-Einkommen, so bescherte die Stahlkrise Einbrüche, die bis heute nicht überwunden sind. 1985 wurden in Duisburg 31.126 Arbeitslose (Quote 15,5 Prozent) gezählt. "Bis zum Ende des Jahrzehnts werden wir von dieser Quote nicht herunterkommen.", so der damalige Chef des Duisburger Arbeitsamtes, Jürgen Rothscheroth. 30 Jahre später sind es immer noch mehr als 30.000 Arbeitslose. In den 1980er Jahren machte das Kruppsche Hüttenwerk bundesweit Schlagzeilen. Zunächst wurde am 3. Dezember 1982 das Walzwerk geschlossen. 1987 machen weitere Schließungspläne die Runde. "Krupp könne nicht auf Dauer Hüttenwerke weiter betreiben, mit denen jedes Jahr mehrere hundert Millionen D-Mark Verlust gemacht werden", verteidigte Vorstandschef Gerhard Cromme im November 1987 später seinen Schließungsplan. Doch die Kruppianer fühlten sich von ihren Managern verkauft, Cromme wird zum meistgehassten Mann. Die Betriebsversammlung am 30. November 1987 mit 10.000 Teilnehmern war der Auftakt eines Arbeitskampfes wie ihn die Republik bis dahin und seither nicht mehr gesehen hat. Am 1. Dezember sperrten Stahlarbeiter die Rheinbrücke nach Duisburg. Im Winter 1987/1988 folgten unter dem Motto "AufRuhr" große Demonstrationen gegen die Schließung des verbliebenen Hüttenwerks und am 20. Februar 1988 im alten Krupp-Walzwerk das mit über 40.000 Teilnehmern bis dahin größte Hallenfestival Europas. Künstler wie Herbert Grönemeyer unterstützten die Stahlkocher. Monatelange Mahnwachen begleiteten die Auseinandersetzungen. Aber es half alles nichts: Das Krupp-Aus kam am 15. August 1993.

Heute steht auf dem ehemaligen Krupp-Gelände keine Industriebrache, sondern ein florierendes Logistik-Drehkreuz mit 4000 Mitarbeitern. 40.000 Arbeitsplätze hängen insgesamt am Hafen - doppelt so viele wie noch Ende der Neunziger.

Logport, die Gesundheitsbranche und die Universität Duisburg sind die Beschäftigungsmotoren. Geht doch. Was auffällt: Die Stadtpolitik beschäftigt sich seit 50 Jahren mit den beiden Lieblingsfragen: Wie bekommen wir mehr Geld vom Bund und wie können wir unser Image verbessern. Das ist sicherlich nicht falsch, aber derartige Argumente nutzen sich ab. Entscheidender ist die Frage: Wie überzeugen wir Investoren nach Duisburg zu kommen? Die Autorin Hatice Akyün schreibt: "Duisburg muss sich nur selbst neu erfinden. Wir können uns nur selbst helfen. Wer hat schon eine ganze Stadt von Verbündeten, die alle eine lebenswerte Stadt wollen, weil sie so rau und ehrlich und direkt ist, wie ihre Menschen, die man einfach lieben muss". Recht hat sie.

Quelle: RP
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