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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
"Dieser Tod passt zu mir"

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: "Dieser Tod passt zu mir"
Das Haus an der Karl-Lehr-Straße 9, in dem die Eltern von Harro Schulze-Boysen wohnten und er aufwuchs. FOTO: h. küst
Duisburg. Vor 75 Jahren wurde Harro Schulze-Boysen hingerichtet. Er verbrachte seine Jugend in Duisburg, kämpfte später im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Eine Gedenkstunde für ihn ist am kommenden Freitag. Von Harald Küst

Zu Weihnachten 1942 schrieb der 33-jährige Harro Schulze-Boysen seinen Eltern: "Ich bin vollkommen ruhig. Es geht auf der Welt um so wichtige Dinge, da ist ein Leben, das erlischt, nicht sehr viel. Dieser Tod passt zu mir. " Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas (29) wurden am 22. Dezember 1942 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Er durch den Strang - sie durch die Guillotine.

Der Sohn eines kaiserlichen Marineoffiziers und Großneffe des Admirals Alfred von Tirpitz verbrachte seine Jugend in Duisburg. Die großbürgerliche, nationalkonservative Familie wohnte in den 20er Jahren auf der Karl-Lehr-Straße. Als Schüler des Steinbart-Gymnasiums in Duisburg beteiligte er sich 1923 am Untergrundkampf gegen die französische Ruhrbesetzung und wurde zeitweise von den Besatzungstruppen inhaftiert.

Politisch vertrat er anfangs eine nationalliberale Haltung. Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften in Freiburg und Berlin. Politisch orientierte sich Harro Schulze-Boysen zunehmend nach links. Er beendete sein Studium ohne Abschluss und übernahm 1932 in Berlin die Schriftleitung der Zeitschrift "Gegner". Der "Gegner" war antikapitalistisch, antifaschistisch und gegen das "Diktat von Versailles". Noch herrschte Meinungsfreiheit in der taumelnden Weimarer Republik. Die Weltwirtschaftskrise förderte die politische Radikalisierung. Im Jahr 1932 erreichte die Arbeitslosigkeit in Deutschland mit mehr als 6 Millionen Menschen ihren Höhepunkt. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit trieben immer mehr Wähler in die Arme der Nationalsozialisten. Der "Gegner" warnte vergeblich vor der NS-Machtübernahme.

Nach der "Machtergreifung" wurden die Redaktionsräume in Berlin am 20. April 1933 zerstört. Die Nazi-Schlägertrupps ermordeten Schulze-Boysens jüdischen Freund und Redaktionsmitarbeiter Henry Erlanger. Schulze-Boysen selbst wurde schwer misshandelt und mehrere Tage lang festgehalten. Er entkam der Haft durch Fürsprache seiner Mutter, die sich an den Berliner Polizeipräsidenten wandte, einen früheren Marinekameraden ihres Mannes. Da Schulze-Boysen seine politische Arbeit nicht mehr offen fortsetzen konnte, begann er im Mai 1933 eine Fliegerausbildung und wechselte 1934 in die Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums bei Berlin. Äußerlich passte er sich an, blieb jedoch ein entschiedener Gegner des NS-Regimes.

Seine Frau Libertas, die er 1934 kennenlernte, unterstützte ihren Mann beim Untergrundkampf. Beide waren sich der Lebensgefahr bewusst: Der NS-Staat hatte mit Gesetzen und Verordnungen die juristische Grundlage geschaffen, um gegen "Staatsfeinde" vorzugehen und sie "unschädlich" zu machen. Schulze-Boysen und seine Frau Libertas pflegten seit Mitte der 30er Jahre Kontakte zu Arvid Harnack vom Reichswirtschaftsministerium. Oberregierungsrat Harnack sah im kommunistischen Gesellschaftsmodell die Alternative zur NS-Herrschaft. Die lose Netzwerkgruppe vereinte Intellektuelle, Künstler, Angestellte, Soldaten, Offiziere, Marxisten und Christen unterschiedlichen Alters und verschiedenster Herkunft mit dem Ziel, gegen den gewaltsamen NS-Machtapparat zu kämpfen. Schulze-Boysens bisherige konspirative Arbeit und seine antifaschistische Haltung machten ihn alsbald zum Kopf der entstehenden übergreifenden Widerstandsgruppe, die etwa 150 Mitglieder umfasste. Zudem nutzte er seine Moskau-Kontakte für die Weitergabe militärischer Informationen, die letztendlich aber keine kriegsentscheidende Bedeutung hatten. Mit Flugblättern und Zettelklebe-Aktionen wollte die Gruppe die Bevölkerung aufklären. Der Aufruf entlarvte den "Endsieg" als Lüge und beschwor als einzigen Ausweg das baldige Ende von Krieg und Regierung. Die Widerstandsgruppe geriet ins Visier der Gestapo, die der Gruppe den Namen "Rote Kapelle" gab - denn der Widerstandskreis hatte 1940/41 geheimen Funkkontakt mit Moskau aufgenommen.

Im August 1942 entschlüsselte das Oberkommando des Heeres einen Funkspruch. Am 31. August 1942 wurde Schulze-Boysen im Ministerium verhaftet und vor das Reichskriegsgericht gestellt. Kurz darauf folgt die Verhaftung seiner Frau. Die Verhaftungswelle umfasste auch Harnack und weitere Mitglieder der Gruppe. Die auf Hochverrat und Landesverrats lautende Anklage vertrat "Hitlers Spürhund", Dr. Manfred Roeder. Ein ehrgeiziger und karrieresüchtiger Jurist, dessen Kälte und Brutalität die Angeklagten zu spüren bekamen. Der erste Teilprozess endete am 19. Dezember 1942 mit elf Todesurteilen. Insgesamt starben 57 Menschen in Berlin-Plötzensee.

Harro Schulze-Boysen spaltete seinerzeit das Nachkriegsdeutschland. Einige sahen Schulze-Boysen als "kommunistischen Agenten" oder auch als "Vaterlandsverräter". Zu sehr herrschte in der öffentlichen Meinung der Nachkriegszeit das von der Gestapo geprägte Bild der "Roten Kapelle" als Spionage-Agentenring. Man verdrängte gerne, dass der Angriffskrieg Hitlers gegen Russland von Deutschland ausging. Und wie erging es dem Juristen und Chefankläger Dr. Manfred Roeder? Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn verlief im Sande. Der "Generalrichter a.D." war weiter politisch aktiv und übte in Hessen das Amt eines Beigeordneten aus. Erst 2009 rehabilitierte und ehrte der Deutsche Bundestag die bedeutende Widerstandsgruppe um Schulze-Boysen. Anlässlich des 75. Jahrestages findet vor dem Wohnhaus in der Karl-Lehr-Str. 9 an den beiden Stolpersteinen am Freitag, 22. Dezember, um 18 Uhr eine Gedenkstunde statt.

Zum Weiterlesen: Hans Coppi "Dieser Tod passt zu mir" , Aufbau Verlag, 1. Auflage 1999, 447 Seiten.

Quelle: RP
 
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