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Krefeld
Uwe Esser zeigt Vielschichtiges in der Villa

Krefeld: Uwe Esser zeigt Vielschichtiges in der Villa
Uwe Esser hat für die Ausstellung "Watch The Birdie" in der Villa Goecke an der Tiergartenstraße 57 eine 14-teilige Edition geschaffen. Zwölf Arbeiten sind zu sehen. FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. Uwe Essers Bilder sind aufgeladen mit Tod und Gewalt, Hass und Fanatismus, Leid und Trauer, Mitgefühl und Solidarität. Sie sind entstanden, als der Krefelder auf Einladung der Kunststiftung NRW mehrere Monate in Istanbul verbrachte, um zu arbeiten. Von Norbert Stirken

80 Meter vom Atelier entfernt sprengte sich damals ein Selbstmordattentäter in die Luft. Das hat Spuren hinterlassen - eher unsichtbare Spuren. Die Bilder sind bis zum 7. Mai in der Villa Goecke an der Tiergartenstraße 57 ausgestellt.

Uwe Essers Aufenthalt in Istanbul war noch vor dem Putschversuch gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der 57-jährige Krefelder war auf Einladung der Kunststiftung NRW in der pulsierenden Metropole. Er hatte sich vorgenommen, während des Stipendiums sein künstlerisches Spektrum zu erweitern. Er vervollkommnete seine Methode, großformatige Fotos als Maluntergrund zu nutzen. Die Motive suchte er mit der Kamera in der Stadt am Bosporus.

Uwe Esser hat seine großformatigen Fotografien mit zahlreichen Lackschichten übermalt und seinen Arbeiten damit eine besondere Ästhetik und mit zusätzlichem Inhalt versehen. Auf der Malerei an der Wand in seinem Rücken ist ein türkischer TRT-Reporter zu erkennen - die Verarbeitung selbst erlebten Terrors. FOTO: TL

Am 19. März des vergangenen Jahres hat für Esser die Unbefangenheit seines künstlerischen Schaffens in dem Atelier in der Türkei ein abruptes Ende gefunden. Knapp 80 Meter von seiner Adresse entfernt sprengte sich um 11 Uhr Ortszeit ein türkischer Selbstmordattentäter in der zentralen Einkaufsstraße Istiklal Caddesi im Stadtteil Beyoglu in die Luft und riss fünf Passanten mit in den Tod. 39 wurden schwer verletzt.

So nah war die tödliche und hasserfüllte Gewalt des internationalen Terrors noch nie an den Krefelder herangekommen, der die Passage während seines mehrmonatigen Aufenthalts fast täglich benutzte. Als die Medien vor Ort ihre Kameras aufbauten und Nachrichtensprecher des staatlichen Fernsehens über die Hintergründe berichteten, hielt Esser das mit seinem Fotoapparat fest und nutzte das Motiv als Medium für eines seiner neuen in der Villa Goecke an der Tiergartenstraße in Bockum bis zum 7. Mai zu sehenden Werke.

Diese Malerei ist in ihrem direkten Bezug zum Schreckensereignis die Ausnahme. Esser ist niemand, der mit dem Zaunpfahl winkt. Die Ereignisse sind versteckt, fast unsichtbar. "Die Bilder sind aufgeladen und energetisch", sagt der Künstler selbst. Der Fanatismus findet sich vornehmlich im Weggelassenen, fließt in die Form mit ein. Erklären will Esser nicht. Seine Bilder animieren zur Spurensuche. Diesmal vielleicht noch mehr als in der Vergangenheit. Vor allem aber deshalb, weil er Fotografien verändert, sie mit Lackschichten überzieht, Farben und Formen aufbringt und dem Betrachter eine ästhetische und inhaltliche Qualität liefert.

Esser fährt im Herbst erneut nach Istanbul. "Ein Freund hat mir gesagt, Uwe, wir als Künstler haben eine Mission", berichtet Esser. Auch die Kunststiftung NRW forciere die Absicht "auch in schwierigen Zeiten, was zu machen". Das Stadtbild in Istanbul habe sich verändert. Die Gewänder der Menschen sind konservativer, westliche Marken und ausländisches Sprachengewirr weniger geworden.

Bei allen neuen Erfahrungen und Veränderungen ist der 57-Jährige seinen Arbeitsweisen treu geblieben. "Mein Malprozess hat sich nicht verändert", sagt er. Der Unterschied zur weißen Leinwand besteht darin, dass mit dem Fotomotiv schon eine Geschichte vorhanden ist. Das kann Architektur, Landschaft oder eine Person sein. Esser liebt dabei das Spiel mit dem Licht, fotografiert gerne in der Dämmerung. "Das mache ich selbst, das ist mir wichtig und schärft das Auge", erklärt der Wahl-Krefelder.

Vielschichtigkeit und Transparenz bilden das Fundament seiner künstlerischen Ausdrucksweise, die er seit den Anfängen an der Folkwanghochschule "ohne nach links oder rechts zu gucken" perfektioniert hat. Nach dem Studium für den Schuldienst schrieb er sich an der Staatlichen Kunstakademie in der Landeshauptstadt ein. Esser, der in Düsseldorf geboren ist, lebt mittlerweile seit mehr als 20 Jahren in Krefeld in einem von ihm selbst sanierten alten Haus im Dießem. "Ich habe immer gemalt", erklärt Esser seine Berufswahl.

Seine Bilder, die so spontan wirken, sind das Ergebnis genauer Planung. Esser geht systematisch vor. Für neue Farbstoffe macht er Versuchsreihen, um von deren Eigenschaften im Prozess des Malens nicht überrascht zu werden. Esser macht Skizzen, hat ein Bild im Kopf, ehe er sich an die Leinwand begibt. Aus 20 bis 25 Schichten bestehen seine Arbeiten, die er mit transparenten Acryllacken malt. Jeder Vorgang hinterlässt seine Spuren. Bisweilen sind es nur Farbkanten, die unter anderen Farbschichten haptisch zu entdecken sind. Esser entwirft Folien, deren Motive er mit einem Projektor auf sein Medium wirft und die Konturen penibel mit Tinten und Tuschen nachzeichnet. Er ist in seinem Denken dem eigenen künstlerischen Handeln dabei mindestens zwei Schritte voraus.

Quelle: RP
 
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