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Mönchengladbach
Flugbegleiter: "Wir fühlen uns belogen und betrogen"

Mönchengladbach. Auch in Mönchengladbach bangen Air-Berlin-Mitarbeiter um ihre Zukunft. Von Gabi Peters

Jahre-, in den meisten Fällen sogar jahrzehntelang haben die sieben Flugbegleiter von Air Berlin, die alle aus Mönchengladbach stammen, gerne ihren Job gemacht. Zuletzt fuhren sie Sonderschichten, damit der Flugbetrieb noch aufrecht erhalten werden kann. "Ich hab' gedacht: Du musst alles geben, sonst wird Air Berlin nie gekauft", sagt Bärbel Schumann* (alle Namen geändert). "Wir waren am Anfang ja noch so naiv, dass wir dachten, wir fliegen in einer anderen Uniform weiter." Nach 18 Jahren bei der zweitgrößten Fluggesellschaft steht die Alleinerziehende jetzt da und weiß nicht, wie es weitergeht, ob sie einen neuen Job bekommt, noch nicht einmal, ob sie am Ende des Monats Geld auf ihr Konto überwiesen bekommt. Drei Monate haben die Flugbegleiter Insolvenzgeld bekommen. Damit ist jetzt Schluss.

Gekündigt wurde den Kabinen-Mitarbeitern noch nicht, sie gelten als freigestellt. Aber sie sollen ihre Uniformen entsorgen oder wenigstens den Schriftzug Air Berlin herausschneiden. Die E-Mails mit solchen Horror-Nachrichten würden häufig nachts abgeschickt, berichten die Flugbegleiter. "Eine kam vor zwei aufeinanderfolgenden Feiertagen. Ich hätte mich zerfleischen können, so verzweifelt war ich. Du konntest mit niemandem reden, kein Amt war erreichbar", sagt Bärbel Schumann. Wie psychologische Kriegsführung sei das, wirft Torben Reinhartz ein. Auch er war mehr als drei Jahrzehnte bei Air Berlin.

"Uns wurde geraten, uns arbeitslos zu melden", berichtet Brigitte Herder. Dabei hatte es doch zuerst immer geheißen, ein Großteil des Personals werde übernommen. "Das stimmt aber nicht", betont Nele Meister. "Wir können uns bewerben. Ja. Aber das tun wir wie Externe. Und wir fangen bei Null an. Unsere Berufsjahre werden nicht angerechnet. Ich bin 51 Jahre und bewerbe mich quasi als 23-Jährige."

Die Stewardess berichtet von einem "Casting" bei der Lufthansa in Frankfurt. "900 Menschen standen schon gegen 6 Uhr vor den Türen, um 9 Uhr wurden 300 reingelassen, von denen 100 genommen wurden", sagt die 51-Jährige. Einen Job bei Eurowings, Ryanair oder EasyJet würde für die Flugbegleiter Gehaltseinbußen von 40 Prozent und mehr bedeuten. Aber selbst wer wollte, kann sich überhaupt nicht bewerben: "Wir bekommen ja noch nicht einmal Zeugnisse", sagt Anna Sänger. Und wenn dies geschehe, dann sei plötzlich eine andere Qualifikation eingetragen, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt.

Aus Angst, dass am Ende des Monats kein Geld mehr auf das Konto fließt, haben sich tatsächlich einige Flugbegleiter arbeitslos gemeldet. Andere zogen die Meldung wieder zurück, wieder andere warten ab. Denn wer das Beschäftigungsverhältnis löst, verliert möglicherweise auch den Anspruch auf das jahrelang angesparte Übergangsgeld. Die Air-Berlin-Mitarbeiter fühlen sich belogen und betrogen.

Die Angst vor der Unsicherheit haben sie alle. "Wir wissen gar nicht, sind wir noch krankenversichert? Bekommen wir zum Ende des Monats eine Kündigung? Selbst für das Arbeitsamt sind wir eine graue Zone?", sagt Brigitte Herder.

"Zuerst waren wir traurig", sagt Nele Meister. Dem kann sich Isabelle Hoffmeister nur anschließen. 39 Jahre war sie Stewardess. "Als ich beim letzten Flug den Getränkewagen durch den Mittelgang geschoben habe, sind mir die Tränen nur so über das Gesicht geschossen. Ich konnte nicht anders", erzählt sie. Sogar Fluggäste hätten geweint, sagt Nele Meister. Bei ihr ist die Traurigkeit der Wut gewichen. "Was die mit uns machen, ist ein abgekartetes Spiel", sagt sie. Die Maschinen Air Berlins seien verkauft, Kabinen-Personal würde für die zusätzlichen Flüge der anderen Fluglinien dringend gebraucht. "Die wollen uns dazu bringen, dass wir bei den Billigfliegern angekrochen kommen, um zu deren Konditionen zu arbeiten", sagt Anna Sänger. Und dann reden plötzlich alle durcheinander: Und natürlich würden einem dann wieder die 4,5 Millionen Euro einfallen, die ihr Ex-Chef Thomas Winkelmann kassiert habe. Und wahrscheinlich werde Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr auch noch zum Manager des Jahres gekürt.

Im Nachhinein wundern sich die Flugbegleiter über viele Dinge. "Uns wurde immer gesagt, das Personal von Air Berlin ist zu teuer. Dabei betrug der Personalkostenanteil bei Air Berlin gerade einmal zwölf Prozent, nicht mehr als bei EasyJet und gerade einmal ein Prozentpunkt mehr als bei Ryanair", sagt Anna Sänger. Torben Reinhartz schaut jetzt gespannt auf die angeschlagene Alitalia, auf die der Lufthansa-Konzern ebenfalls ein Auge geworfen hat. Wenn die Flugbegleiter am heutigen Mittwoch in Berlin demonstrieren, werden viele Mönchengladbacher Air-Berlin-Mitarbeiter auf jeden Fall dabei sein.

Quelle: RP
 
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