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Peter Schlebusch
Sucht ist eine Geiselnahme im Gehirn

Peter Schlebusch: Sucht ist eine Geiselnahme im Gehirn
Über die "Entstehung und Auswirkungen von Sucht auf das Gehirn" sprach Dr. Peter Schlebusch in Wülfrath. FOTO: Dietrich Janicki
Ratingen. Peter Schlebusch, psychologischer Leiter der Fachklinik "Kamillushaus" sprach bei der Caritas-Suchthilfe in Wülfrath über "Entstehung und Auswirkungen von Sucht auf das Gehirn". Eine gute Gelegenheit, ein paar Fragen zu "modernen Süchten" zu stellen.

Spricht man über Sucht, kommen einem vor allem Alkohol oder Drogen in den Sinn. Müssen wir mittlerweile nicht längst auch "moderne Süchte" wie Onlinesucht oder Spielsucht zu den Suchterkrankungen mit gravierenden Auswirkungen auf die eigene Gesundheit und das soziale Umfeld hinzuzählen?

Schlebusch Da haben Sie recht, die klassischen Süchte sind heut in jedem Falle durch "Neuentwicklungen" zu ergänzen. Das betrifft den gesamten Bereich der Verhaltenssüchte, vor allem das sogenannte pathologische Glücksspiel. Die Computerspielsucht und die Internetabhängigkeit muss man im Prinzip noch einmal unterscheiden. Auch Kaufsucht und Sexsucht werden diskutiert. Oft findet man bei den Betroffenen eine zweite Sucht oder auch eine psychische Störung, wie beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen. Das wird im Suchthilfesystem häufig übersehen.

Warum kann man sich nicht einfach zusammenreißen und seinlassen, was einem nicht guttut?

Schlebusch Das ist eine komplizierte Frage, die nur mit Rückgriff auf die Neurobiologie der Sucht beantwortet werden kann. Das Suchtmittel löst im Gehirn eine biochemische Belohnungskaskade aus. Das wird als "Kick" erlebt. Das Gehirn lernt, dass das Suchtmittel das einzige oder dominierende Belohnungsmittel ist. Gleichzeitig wird der "eiserne Wille" so beschädigt, dass ein "Stop!-Sagen" nicht mehr möglich ist oder zumindest sehr erschwert wird. Man spricht auch von einer Geiselnahme im Gehirn.

Bei Alkohol- und Drogensucht fällt irgendwann auf, dass etwas nicht stimmt. Wenn jemand ständig zum Handy greift und noch nicht mal bemerkt, dass er beim Selfie-Machen beinahe über die Klippen stürzt, wird das vermutlich als normal angesehen, oder?

Schlebusch Sie sprechen damit im Grunde an, dass das, was als normal gilt, von den sozialen Normen abhängt, die um einen herum gelten. Man muss sich also nur die richtige Umgebung aussuchen, dann fällt man nicht weiter auf. Deshalb ist ein Alkoholabhängiger ja in der Kneipe optimal aufgehoben. Dort findet man immer jemanden, der noch betrunkener ist als man selbst. Die Selfie-Kultur ist für meine persönliche Perspektive durchaus merkwürdig - das liegt aber sicher daran, dass es in meinem persönlichen Umfeld nicht verbreitet ist und demzufolge auffällt.

Ständig per Smartphone, Laptop oder Tablet online zu sein, steht quasi schon in der Stellenbeschreibung vieler Arbeitgeber. Wird Onlinesucht so nicht zur Voraussetzung, um in der Gesellschaft zu funktionieren?

Schlebusch Das würde ich nicht so drastisch sehen. Es gibt durchaus eine Möglichkeit des sozial angepassten Umgangs mit neuen Technologien, Kommunikationsmitteln und auch Substanzen. Miteinander anzustoßen ist eine weit verbreitete soziale Konvention, das verpflichtet einen noch nicht zum Alkoholismus. Die Gesellschaft muss damit leben, dass es für jede Aktivität sowohl eine Gebrauchs- als auch eine Missbrauchsoption gibt. Das gilt für Alkohol, Glücksspiel und den Umgang mit Medien genau so wie für Gummibärchen - durchaus mit unterschiedlichen gesundheitlichen Konsequenzen.

Wann sollte man hellhörig werden und den Griff zum Smartphone als Sucht wahrnehmen?

Schlebusch Ich denke, dass man Internet- und Smartphone-Nutzung gleichsetzen kann. International verbindliche Kriterien für Mediensucht gibt es jedoch derzeit noch nicht. Aber ich schaue eben noch mal kurz auf meinem Smartphone nach...

DIE FRAGEN STELLTE SABINE MAGUIRE

Quelle: RP
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