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Remscheid
Plädoyer für Europa und die Vernunft

Remscheid: Plädoyer für Europa und die Vernunft
Ein guter Redner: Norbert Lammert auf der Bühne des Teo Otto Theaters. FOTO: Jürgen Moll
Remscheid. Bundestagspräsident Lammert spricht im Teo Otto Theater viel über die große und ein wenig über die kleine Politik. Von Christian Peiseler

Norbert Lammert, der Präsident des Deutschen Bundestages, hat sich nur ein paar Stichworte notiert für seine gut halbstündige Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU im Teo Otto Theater. Er gehört zu jener seltenen Sorte von Politikern, denen man zusehen kann, wie sie beim Sprechen ihre Gedanken entwickeln, Gedanken, die nicht spontan und assoziativ entworfen werden, sondern wie die Essenz von langen und gründlichen Überlegungen erscheinen. Dem Mann aus Bochum hört man gerne zu, zumal er die Gabe besitzt, einfach und klar zu formulieren, und ab und zu mal etwas Ironie in seine Rede zu träufeln. Kein Wunder, dass auch andere Parteien Lammert gerne für einen Auftritt gebucht hätten.

Von den 250 Besuchern im Teo Otto Theater waren mindestens 245 Anhänger der CDU. Lammert sprach also zu Gleichgesinnten. In dem CDU-Politiker steckte an diesem Abend aber jede Menge überparteilicher Bundestagspräsident. Er schielte nicht auf schulterklopfenden Beifall, sondern sprach über komplizierte Themen wie die Europäische Union, die Herausforderungen der Globalisierung und die Rolle Deutschlands in der Welt. Die Unterzeichnung der Römischen Verträge zur Europäischen Union bezeichnete Lammert als die intelligenteste Antwort auf die Probleme und die geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.

Ein Zuhörer fragte, ob es nicht an der Zeit wäre, für Europa ein neues Narrativ zu erfinden, das wieder für mehr Begeisterung sorge als die alte Erzählung von der Sicherung des Friedens. "Begeisterung lässt sich nicht auf Flaschen ziehen", antwortete Lammert. Es sei eine Frage der Vernunft, diese einzigartige Idee der Europäischen Union weiter zu entwickelt. Gerade in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung. Ob die Globalisierung und Digitalisierung nun eine Errungenschaft oder eine Zumutung seien, hält Lammert für eine Alternative, die sich so nicht stellt. Die Globalisierung sei für die Gegenwart, was die Schwerkraft für die Physik sei. "Es empfiehlt sich, sich darauf einzustellen", sagte Lammert. Zu den Folgen der Globalisierung gehören auch die Flüchtlingsbewegungen. "Wir können die Migration nicht stoppen, wir können sie nur steuern", sagte Lammert. Das sei eine gemeinschaftliche Aufgabe. Zu seinen größten Enttäuschungen gehöre, dass manche Nationen sagen, sie hätten damit nichts zu tun.

Nach seinen Ausführungen zur großen Politik blitzte kurz der CDU-Wahlkämpfer auf. Das größte Bundesland NRW könnte in einer stärkeren Verfassung sein, als es ist. Es zeichne sich aus durch unterdurchschnittliches Wachstum und überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit. Es investiere am wenigsten in Bildung und weise eine schlechte Infrastruktur aus. Nur bei den Wohnungseinbrüchen sei es Spitzenreiter. "Wenn ich Remscheider wäre, würde ich Jens Nettekoven wählen", sagte Lammert. Die CDU war in diesem Augenblick bei sich selbst angekommen.

Eine Flasche Rotwein, ein Katalog über das Leben von Teo Otto und ein CDU-Wahlkampfplakat aus den 70er Jahren überreichte Nettekoven Lammert, bevor dieser in einem silbernen Mercedes zum nächsten Parteifreund nach Bochum gefahren wurde.

Quelle: RP
 
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