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Rheinberg
Poetry Slam: "Selbstwortattentäter" ohne Tabus

Rheinberg: Poetry Slam: "Selbstwortattentäter" ohne Tabus
Jan Philipp Zymny bei seinem imaginären Rundflug. FOTO: Armin Fischer
Rheinberg. Das Rheinberger "Artlon", Schauplatz des fünften MAP-Poetry-Slams, war ausverkauft. Wohl auch deshalb, weil mit Andy Strauß und Sulaiman Masomi zwei Wortakrobaten auf dem roten Sofa saßen, die dem Rheinberger Publikum seit Jahren erstklassige Unterhaltung garantieren. Von Erwin Kohl

Komplettiert wurde das Trio durch Jan Philipp Zymny, der 2013 zum deutschen Meister im Poetry-Slam gekürt wurde. Sein größter Erfolg aber sei es gewesen, eine Einladung zum "RTL Comedy Grand Prix" abgelehnt zu haben. "Ich möchte nicht mit diesem Sender assoziiert werden", so die Begründung. Als eigenständiges Genre in der Unterhaltungslandschaft sieht Zymny seine Kunst nicht: "Poetry-Slam ist nichts weiter als ein Veranstaltungsformat. Der Grundgedanke ist der, dass man alles darbieten kann, was einem gerade durch den Kopf geht."

An diesem Abend demonstrierten die drei Poeten den rund 100 Gästen im Artlon, was den Poetry Slam ausmacht. Der besticht vor allem durch seine ungeheure Bandbreite. Frei von jeglichen Konventionen und mitunter geradezu anarchistisch widmeten sich die Künstler mal mit intellektuellem Wortwitz zeitgenössischen Themen oder tauchten "märchenhaft" in flachere Gewässer der Unterhaltung ab. Eröffnet wurde der Abend nach einigen Lockerungsübungen ("Halten sie mal den linken Arm über ihren Kopf, als wenn es ihnen egal wäre") mit einem imaginären Rundflug über die Köpfe des Publikums. Zymny: "Unsere Reisehöhe beträgt eineinhalb Joints und mein Name ist Ihr Kapitän".

Sulaiman Masomi, der sich selbst als "Selbstwortattentäter mit Migrationsvordergrund" bezeichnet, nahm im Anschluss die vermeintlich drohende Islamisierung in unserem Land aufs Korn: "Eben noch Christ, jetzt schon Salafist. Dagegen hilft nur eine Terrorpathie." Masomi bestach durch beißenden Zynismus, einer bis in die letzten Silben ausgefeilten Wortakrobatik und schrägen, wenn auch politisch nicht korrekten Sprüchen. Sein Lösungsansatz gegen die aufkommende "Allahgie" lautete beispielsweise: "Minarette sich wer kann und sagt den Moslems, sie sollen auf dem Teppich bleiben."

Andy Strauß brachte zumindest für die schweinefleischlose Ernährung vollstes Verständnis auf, was er anhand einer Grillwurst deutlich machte: "Da liegt der Darm eines Tieres, der mit dem Tier selbst gefüllt ist." Dass der NRW-Meister anschließend in einem "Märchen" mit einem Präzisionsgewehr Kindern Köpfe und Beine abschoss, zeigte, das Poetry-Slam zwar alles darf, aber deshalb längst nicht alles beim Publikum ankommt.

Wesentlich heftiger fiel da schon der Applaus nach seinem zweiten Vortrag aus. Der stand unter dem Titel: "Wer braucht schon Liebe, wenn man Dinge mit Käse gratinieren kann." Möglicherweise denkt Sulaiman Masomi über diese Alternative nach. Der im afghanischen Kabul geborene Slam-Poet und Rapper gestand: "Ich bin schon vergeben. Aber ich weiß nicht, wie sie aussieht, ich habe die Burka noch nicht ausgepackt."

Quelle: RP
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