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Viersen
Eine geschichtsbewusste Stadt

Viersen. Wer mit wachem Blick durch Kempen geht, wer die Schätze des Kramer-Museums und des Sakralmuseums in der ehemaligen Franziskanerkirche und die überragende Ausstattung mit religiöser Kunst in der Propsteikirche auf sich wirken lässt, wer die kurkölnische Burg betrachtet, spürt auf Schritt und Tritt, dass die Jahrhunderte, die Kempen "unter dem Krummstab" erlebt hat, auch heute noch nachwirken, auch heute noch sichtbar sind. Kempen ist sich dieser kurfürstlichen Vergangenheit durchaus bewusst, wie man der Stadt und ihrer Bevölkerung überhaupt attestieren muss, dass sie sich nicht zuletzt über ihre reiche und abwechslungsreiche Geschichte definiert - bisweilen, wie jüngst, im streitigen Diskurs, oder auch in einer grandiosen Jahrhundertfeier 1994. Keine Phase dieser Geschichte bleibt dabei ausgeklammert, auch nicht die unselige Zeit des Dritten Reiches, wie das gerade abgeschlossene monumentale Werk von Dr. Hans Kaiser belegt.

An die kurkölnische Vergangenheit wird jedermann ständig durch Straßenbenennungen erinnert. Es gibt eine Siegfried-Straße, die auf Erzbischof Siegfried von Westerburg (1275-1297) hinweist, dem Kempen die Verleihung der Stadtrechte im Jahre 1294, verdankt. Die von Saarwerden-Straße erinnert an Erzbischof Friedrich von Saarwerden (1370-1414), den Erbauer der Kempener Burg. Nach Ferdinand von Bayern, Kölner Kurfürst von 1612-1650, ist ebenfalls eine Straße benannt, was wegen seiner rigiden gegenreformatorischen Politik nicht ohne Kritik blieb. Auch der verschwenderische und kunstliebende Kölner Kurfürst Clemens August von Bayern (1723-1761) gibt in Kempen einer Straße seinen Namen. Mit dem heutigen Museum und seinem prachtvollen Rokokosaal ist gerade seine Zeit in Kempen noch lebendig.

Ein anderer Kölner Kurfürst Hermann von Wied (1515-1547) der Nachnachfolger Hermanns von Hessen ist zwar nicht in einer Straßenbenennung in Kempen präsent, dafür aber mit seinem Wappen im Bereich der Reste des Petertores. Mit dem Namen des Grafen Hermann von Wied sind die turbulenten 1540er Jahre der Reformation in Kempen verbunden.

Kempen hat gut daran getan, mit den vielen Straßennamen, die konkrete historische Bezüge zur Stadt haben, auf eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Weise Erinnerungskultur zu fördern. Namen von Kempener Persönlichkeiten vom Mittelalter bis in die Zeitgeschichte hinein finden sich in den Straßen der Stadt wieder. In diesen Wochen ist besonders die von-Loe-Straße zu nennen, weil über Felix Freiherr von Loe (1825-1896), den mit einem Denkmal vor der Burg geehrten Gründer des rheinischen Bauernvereins, soeben eine gründliche, neue Quellen präsentierende Arbeit von Dr. Hans-Werner Langbrandtner vom Landschaftsverband Rheinland erschien (Weezer Archiv, Band 8).

Vielleicht wird ja auch einmal an Hermann von Hessen erinnert, dem man in Kempen nur begegnet, wenn man mit kunsthistorischer Neugierde die Propsteikirche erkundet.

(plp)
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