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Todesschüsse in München
Ein Amoklauf, kein Terroranschlag

Trauer um Opfer des Amoklaufs in München
Trauer um Opfer des Amoklaufs in München FOTO: dpa, shp sab
München. Die Ermittler gehen nach den tödlichen Schüssen in München von einem Amoklauf durch einen psychisch kranken Schüler aus. Der 18-jährige Deutsch-Iraner habe sich zuvor intensiv mit dem Thema Amok beschäftigt. 

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Das teilte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä auf einer Pressekonferenz am Samstag mit. Der Schüler war demnach ein Einzeltäter und offenbar wegen psychischer Probleme in Behandlung. Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund oder einen Bezug zur Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gebe es nicht.

Der 18-jährige Deutsch-Iraner erschoss den Erkenntnissen zufolge am frühen Freitagabend neun Menschen und tötete sich dann selbst. Die Staatsanwaltschaft geht nicht von einer "politischen Motivation" des Täters aus. Er handele es sich um einen "klassischen Amoktäter", sagte Thomas Steinkraus-Koch von der Staatsanwaltschaft München I.

Wer ist der Todesschütze von München? FOTO: Twitter/Screenshot

Andrä verwies darauf, dass am Freitag der fünfte Jahrestag der Tat des norwegischen rechtsextremen Attentäters Anders Behring Breivik gewesen sei und sich der Täter von München intensiv mit dem Thema Amoklauf auseinandergesetzt habe. Insofern liege eine "Verbindung auf der Hand".

Der Deutsch-Iraner nutzte für seine Tat eine Glock-Pistole des Kalibers 9mm. Diese habe der 18-Jährige offenbar illegal besessen, da die Seriennummer der Waffe ausgefeilt gewesen sei, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger. Eine Erlaubnis für die Waffe besaß der Täter nicht. Wo die Waffe herkommt, ist noch offen.

Amok-Alarm in München FOTO: dpa, mbk wst sab

Wie oft der Täter geschossen habe, sei ebenfalls noch unklar, sagte Heimberger. Untersucht werden muss demnach auch, ob der Amokläufer ein geübter Schütze war. Ausgerüstet war der 18-Jährige den Erkenntnissen zufolge mit hunderten Schuss Munition.

Acht Todesopfer waren unter 20 Jahre alt

Die Eltern des Täters sind Andrä zufolge bislang nicht vernehmungsfähig. Er lebte gemeinsam mit seinem Bruder und den Eltern in einer Wohnung in München. Die Wohnung ist von der Polizei durchsucht worden.

Die Opfer des mutmaßlichen Amoklaufs waren den Ermittlern zufolge fast alle Jugendliche. Acht Getötete waren zwischen 14 und 20 Jahre alt, sagte Andrä. Ein neuntes Opfer war 45 Jahre alt. Unter den neun Opfern sind demnach drei Frauen. 

Polizei sperrt Plätze in München FOTO: dpa, sab

Ob sich die Tat gezielt gegen Jugendliche gerichtet habe, könne er "weder bestätigen noch dementieren", sagte Andrä. Das werde eine Frage der Ermittlungen sein. Die Opfer stammen demnach alle aus München und Umgebung. Unter den Getöteten seien keine Auswärtigen oder Touristen. Allerdings bestätigte das Konsulat des Kosovo inzwischen, dass drei junge Kosovo-Albaner bei dem Amoklauf ums Leben kamen.

Die bayerische Landesregierung kündigte unterdessen einen Trauerakt im bayerischen Landtag an. Die Trauerfeier finde am Sonntag kommender Woche statt, sagte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Aus Respekt vor den neun Todesopfern und ihren Angehörigen sagte die Landesregierung den Festakt zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele am Montag ab.

Bis kommenden Sonntag werden Mitglieder der Landesregierung nach Seehofers Angaben zudem an keinerlei Festveranstaltungen teilnehmen. Am Samstagnachmittag will der Ministerpräsident gemeinsam mit mehreren Ministern eine Gedenkminute am Tatort in München abhalten.

Seehofer sprach von einem "schweren Schicksalsschlag für alle in ganz Bayern". Die weltweiten Reaktion zeigten, "wir sind in unserer Trauer in diesen schweren Stunden nicht allein". Nach dem Angriff in einem Regionalzug nahe Würzburg seien "wieder unschuldige, arglose Menschen einer Gewalttat zum Opfer gefallen".

Ermittlungen am Tag nach dem Amoklauf

Die Spurensuche am Tatort ging am Samstagmorgen weiter, das Gebiet um das Einkaufszentrum war weiträumig abgesperrt. Im Stadtteil Maxvorstadt durchsuchte die Polizei am Morgen ein Haus - offenbar das Wohnhaus des 18-Jährigen und seiner Eltern. 

Nach den Schüssen am Olympiazentrum war in manchen Teilen der Stadt Panik ausgebrochen. Das Hauptaugenmerk habe nach den Schüssen vor allem darauf gelegen, die Sicherheit in München zu gewährleisten, sagte Andrä. Darum warnte die Polizei am Freitagabend vor einer "akuten Terrorlage", die Landeshauptstadt rief den "Sonderfall" wegen einer "Amoklage" aus. Und: Die Polizei forderte die Anti-Terror-Einheit GSG 9 des Bundes und Spezialeinheiten aus mehreren anderen Bundesländern an.

Der öffentliche Nahverkehr - U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen - wurde in der Stadt für mehrere Stunden komplett eingestellt, auch der Zugverkehr stand still. Der Münchner Hauptbahnhof wurde evakuiert, Ärzte und Schwestern wurden in die Krankenhäuser gerufen. Restaurants in der Innenstadt schlossen aus Sicherheitsgründen. Inzwischen fahren die öffentlichen Nahverkehrsmittel in München wieder.

Mehrere Fehlalarme und Gerüchte im Internet sorgten für zusätzliche Angst auf den Straßen. Unklar war anfangs, ob es in der Innenstadt eine weitere Attacke gab. Auch dort rückten schwer bewaffnete Polizisten aus, nachdem Menschen schreiend und in Panik geflohen waren. Ein Polizeisprecher sagte später, zahlreiche Hinweise per Notruf über Schusswechsel an anderen Stellen der Stadt hätten sich nicht bestätigt. 

Informationen per Handy-App "Katwarn"

Die Landeshauptstadt forderte die Bürger nach den Schüssen zunächst per Smartphone-Warnsystem Katwarn auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Facebook aktivierte den "Safety Check" ("Sicherheitscheck") für München. Damit können Bewohner darüber informieren, dass sie in Sicherheit sind. Etliche Münchner twitterten den Hashtag #OffeneTür, um anderen Menschen Unterschlupf zu gewähren.

Vor Journalisten sprach Polizeipräsident Andrä vom bisher schwersten Tag seiner Karriere. "Das Geschehen von gestern Abend und heute Nacht macht uns traurig, sprachlos, und die Gedanken sind insbesondere jetzt auch bei den Opfern", sagte er.

Putin kondoliert Merkel und Seehofer 

Kanzlerin Angela Merkel hat sich nach dem Amoklauf von München mit insgesamt zehn Toten geschockt gezeigt. Zugleich lobte sie die Einsatzkräfte für ihre "hoch professionelle" Arbeit. Deutschland trauere "mit schweren Herzen um die, die nie mehr zu ihren Familien zurückkehren werden", sagte sie. 

Bundespräsident Joachim Gauck äußerte sich bestürzt: "Der mörderische Angriff in München entsetzt mich zutiefst." In Gedanken sei er bei allen Opfern und bei allen, die um einen geliebten Menschen trauerten oder fürchteten. 

Russlands Präsident Wladimir Putin ließ den Deutschen sein tiefes Mitgefühl übermittelt. Das Staatsoberhaupt habe in Telegrammen an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Seehofer kondoliert, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Samstag. Putin fühle nach der Tragödie, die Menschenleben gekostet habe, mit den Deutschen. Der Kremlchef wünsche den Verletzten schnelle Genesung. Ministerpräsident Dmitri Medwedew sprach von einem "barbarischen Verbrechen", für das es keine Rechtfertigung gebe. "Wir teilen die Trauer und den Schmerz aller Bayern", betonte er. 

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat Merkel in einem Telefongespräch alle notwendige Hilfe angeboten. "Normale Menschen wurden beim Einkaufen oder Arbeiten an einem normalen Freitagabend brutal ermordet oder verwundet", heißt es in der Erklärung vom Samstag. "Wir denken an sie und ihre Angehörigen."

(rls/top/dpa/AFP)
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