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Orlando demonstriert Einigkeit
"Wir - lassen - uns - nicht – unterkriegen!“

Große Trauer nach Orlando-Attentat
Große Trauer nach Orlando-Attentat FOTO: afp
Orlando. In der Nacht zum Sonntag ist es in der US-Stadt Orlando zu einem Blutbad gekommen: 49 Menschen wurden getötet. Weitere 53 wurden verletzt, sechs schweben noch in Lebensgefahr. Seelsorger arbeiten mit den traumatisierten Überlebenden vor Ort mit zum Teil außergewöhnlichen Methoden. Die Stadt rückt zusammen. Von Frank Herrmann

Tim Hetzner stellt Susie vor, indem er Visitenkarten verteilt. Susie, die Beruhigende. Bei Susie, steht auf den bunten Kärtchen, handle es sich um eine gute Freundin, bei der man sich alles von der Seele reden könne, was einen bedrücke. Zu einem Hund zu sprechen sei ja manchmal einfacher, als sich einem Menschen zu offenbaren, sagt Hetzner und erzählt von seinen Katastropheneinsätzen.

Der Pfarrer aus Arlington Heights, einem Vorort Chicagos, war mit seinen Vierbeinern zur Stelle, als der Hurrikan Katrina in New Orleans die Dämme brechen ließ. In der Rolle des Seelentrösters flog er 2012 nach New Jersey, wo der Wirbelsturm Sandy die Küste verwüstet hatte, und kurz darauf in das idyllische Neuengland-Städtchen Newtown, wo ein geistig verwirrter Schütze in einer Grundschule Amok gelaufen war. Seit Montag ist er mit seinem Trupp in Orlando, zwanzig Helfer, zwölf Hunde. Spontan sind sie nach Orlando geflogen, nun warten sie im "Center", einer Beratungsstelle für Schwule, auf ihren Einsatz.

Es ist eng und laut und klimaanlagenkühl in dem kleinen Raum voller Regenbogenflaggen, in dem Rob Domenico das Chaos zu ordnen versucht. Über soziale Netzwerke hat Domenico um Hilfe gebeten, weil die Verwandten und Freunde der Toten und Verletzten psychologischer Betreuung bedürfen.

Ein Schlag in den Magen für die Homosexuellen

In kürzester Zeit haben sich mehr als zweihundert Freiwillige gemeldet, unter ihnen Carl Clay, 43, der wiederum eine Geschichte für sich wäre. In aller Kürze nur dies: Clay war Baptistenpfarrer, bevor er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Das Massaker im Pulse nennt er auch deshalb einen furchtbaren Schlag in die Magengrube, weil es in eine Zeit platzte, in der Amerikas Schwule und Lesben eigentlich feiern wollten.

Im vergangenen Juni, fast auf den Tag genau vor einem Jahr, hat der Oberste Gerichtshof in Washington die Homo-Ehe für rechtens erklärt und damit alle Hürden aus dem Weg geräumt, die einzelne Bundesstaaten potenziellen Ehepartnern gleichen Geschlechts noch in den Weg stellten. Er wisse schon, viele seiner Landsleute sähen das mit der Homo-Ehe nach wie vor skeptisch, sagt Clay. Ein Richterbeschluss bedeute noch nicht, dass auch die Gesellschaft es akzeptiert habe. Womöglich bedeute die Tragödie von Orlando, so merkwürdig das angesichts des Horrors auch klingen möge, nun aber so etwas wie einen gesellschaftlichen Wendepunkt. "Vielleicht ist es der Moment, in dem man die Etiketten endlich ablegen kann. Heterosexuelle, Homosexuelle – so what? Wir sind Menschen, ihr seid Menschen, das ist alles, was zählt.”    

Russell Walker kam vor sieben Jahren aus Schottland nach Orlando, um Aids-Kranke zu betreuen. Im Pulse saß er einmal pro Woche an einem Spielkartentisch, wie im Casino. Aufgewachsen ist er in der Nähe der Kleinstadt Dunblane, wo ein Amokläufer 1996  in einer Grundschule 16 Erstklässler und deren Lehrerin erschoss. In Großbritannien hat man damals unverzüglich Lehren gezogen und Gesetze verschärft.

Die Debatte um Waffengesetze

In den Vereinigten Staaten, fürchtet Walker, wird wohl nicht mal der Schock eines solchen Massakers zu strengeren Waffengesetzen führen. Es ist ein Punkt, an dem er, der Europäer, seine neue Heimat nie ganz verstehen wird. Gewiss, das Recht auf privaten Waffenbesitz sei qua Verfassung verbürgt, doch als man den Passus zu Papier gebracht habe, seien die Waffen Musketen gewesen, keine halbautomatischen Maschinen. "Es kann mir doch keiner erzählen, dass jemand ein Schnellfeuergewehr braucht, aus dem er in einer Minute hundert Mal feuern kann."

Domenico, Clay, Walker – sie alle haben Geschichten gehört, nach denen Omar Mateen, der Todesschütze im Pulse, fast so etwas wie ein Stammgast in dem Lokal gewesen sein soll. Etwa alle zwei Wochen, seit drei Jahren schon, soll er dort gesessen und getrunken haben. Mal überaus freundlich, mal aufbrausend - es gibt verschiedene Versionen. Ob er selber schwul war und umso wütender, weil sich das nicht vertrug mit seinem nach außen gekehrten Macho-Anspruch? Ob er sich selber dafür hasste und diesen Hass an Unschuldigen ausließ?

Entweder Terror oder aber Schwulenhass - warum nicht beides?

Es sind nur einige der Erklärungsversuche, die in Orlando gerade die Runde machen. Entweder Terror oder aber Schwulenhass, er verstehe gar nicht, warum man ein Entweder-oder daraus mache, meint der Schotte Walker. "Es kann doch beides zugleich gewesen sein, wie soll man das überhaupt trennen."

Jedenfalls wissen sie im Center nicht mehr, wohin mit all den spendierten Mineralwasserflaschen, den Snacks, den Ratgeberbüchern. Ähnliches ist überall in Orlando zu sehen. Im Laufe von zwei Tagen haben mehr als fünftausend Menschen  Schlange gestanden, um Blut zu spenden, viele vor mobilen Ambulanzen in Form roter Busse.

"Rodolfo Ayala. Luis Daniel Wilson-Leon. Mercedez Marisol Flores." Rasha Mubarak liest Namen vor, es sind Namen derer, die das Massaker nicht überlebten. Mubarak leitet das Büro des Council on American-Relations, einer Bürgerrechtsorganisation, in Orlando. Dass sie zu denen gehört, die feierlich Namen verlesen, als die Stadt in der Nacht zum Dienstag ihrer Toten gedenkt, ist an sich schon ein Signal.

"Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren! Wir sind eine Stadt, die alle einschließt, wir sind der amerikanische Schmelztiegel, wir akzeptieren jede Art, sein Leben zu leben", ruft Buddy Dyer, der Bürgermeister, den Tausenden zu, die sich auf der Wiese vor einer Kunsthalle versammelt haben. Auf seinem T-Shirt trägt der Mayor ein Herz in Regenbogenfarben, und allein schon die Rednerliste soll widerspiegeln, was für eine bunte Metropole Orlando ist.

Aktivisten der Schwulenbewegung, islamische Geistliche, der Pfarrer der Iglesia El Calvario, einer Kirche, in der sonntags beim Gottesdienst Spanisch gesprochen wird. Erst jetzt sickert ein, dass die meisten, die im Pulse ums Leben kamen, die Kinder oder Enkel von Einwanderern sind, die aus Lateinamerika stammen, viele aus Puerto Rico. Muhammad Mursi, der prominenteste Imam Mittelfloridas, sagt einen Satz, für den er spontanen Beifall bekommt. "Wir rufen die islamischen Gemeinden in diesem Land und in aller Welt auf, aufzustehen, sich mit diesem Krebsgeschwür auseinanderzusetzen und es ein für alle Male auszumerzen."

In Orlando tut man das, was Amerikaner nach einem Terroranschlag gewöhnlich tun: Man rückt zusammen. Nur steht es diesmal in auffälligem Kontrast zum giftigen Ton auf der politischen Bühne, auf der fiebrige Wahlkampfstimmung und die populistischen Tiraden eines Donald Trump jeglichen Schulterschluss verhindern, ja, nicht einmal den Schein eines Schulterschlusses zulassen.

Orlando demonstriert Einigkeit

Umso demonstrativer zelebriert Orlando seine Einigkeit. Am Ende der Mahnwache werden sie Kerzen anzünden, vorher nehmen viele bunte Kreidestifte zur Hand, um auf eine vierzig Meter lange Bahn Packpapier zu schreiben, was ihnen gerade durch den Kopf geht. "Die Magie unserer Stadt liegt nicht in ihren Burgen", hat jemand unter Anspielung auf die Disneyland-Märchenschlösser in der Nähe vermerkt. "Sie liegt in den Menschen, die zusammenstehen."

Als Neema Bahrami, der Manager des Pulse, die Bühne betritt, gibt es kein Halten mehr. Bei aller Trauer, die Stimmung gleicht jetzt der bei einem Rockkonzert. Bahrami bündelt sie in einem Satz, den er förmlich hinausschreit, Wort für Wort einzeln betonend. "Wir - lassen - uns - nicht – unterkriegen!" "Eines sollt ihr wissen. Wir gehen nicht fort. Wir sind hier, um zu bleiben." Dann sagt er, dass jetzt wohl alle hier eines am nötigsten brauchen: eine kollektive Umarmung.   

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