| 03.57 Uhr

TV-Talk mit Anne Will
Vollverschleierte Frauenbeauftragte erzürnt TV-Talk-Gäste

Anne Will TV-Kritik: Welcher Islam passt zu Deutschland
Die Runde bei Anne Will. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Anne Will wollte wissen, warum sich immer mehr junge Menschen dem radikalen Islam zuwenden. Endlich durften darüber auch Muslime diskutieren. Uneins war sich die Runde vor allem mit der Frauenbeauftragten des "Islamischen Zentralrats Schweiz", die Nikab trug. Von Stefanie Knoll

Darum ging's: Anne Will knüpfte mit ihrer Diskussion an den Borowski-Tatort an, der direkt vor ihrer Sendung gelaufen war. Der handelte von einem radikalisierten Mädchen, das zum IS reisen will. Anne Will wollte die Gründe erörtern, die junge Menschen zum radikalen Islam treiben, und diskutieren, wie die Radikalisierung Jugendlicher verhindern werden kann.

Darum ging's wirklich: Welcher Islam passt zu Deutschland und welcher nicht? Wer trägt die Verantwortung, wenn Jugendliche sich radikalisieren? An diesen Fragen entzündeten sich im Studio heftige und emotionale Auseinandersetzungen.

Die Gäste: 

  • Sascha Mané, seine Tochter konvertierte zum Islam und ging letzten Sommer nach Syrien
  • Nora Illi, Frauenbeauftragte des "Islamischen Zentralrats Schweiz"
  • Wolfgang Bosbach (CDU), Bundestagsabgeordneter und Innenexperte der Union
  • Ahmad Mansour, Islamismus-Experte und Psychologe
  • Mohamed Taha Sabri, Imam der Dar-as-Salam Moschee in Berlin-Neukölln

Der Frontverlauf: Die Runde bei Anne Will war bunt gemischt und wartete mit streitbaren Muslimen auf, die heiß über ihre Religion und den Islamismus diskutierten. Die Zusammensetzung der Gäste erlaubte eine spannende, mitunter sehr persönliche, aber auch aufgebrachte Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen radikalen Formen.

Die ersten Fragen des Abends richtete Anne Will an Sascha Mané, dessen Tochter 2014 zum Islam konvertiert und im Sommer letzten Jahres nach Syrien gereist war. Inzwischen hat Mané wieder unregelmäßig Kontakt zu seiner Tochter, macht sich aber kaum Hoffnungen, sie bald wieder bei sich in Deutschland zu haben. Eindrücklich schilderte er seine Hilflosigkeit angesichts der Veränderung seiner Tochter und ihrer Entscheidung, nach Syrien zu gehen. Immer wieder habe er versucht, die Gründe seiner Tochter zu verstehen. Im Verlauf der Diskussion brachte Mané die Runde als direkt Betroffener immer wieder von der Theorie in die Realität zurück.

Nach Mané wandte sich Anne Will ihrem kontroversesten Gast zu: Nora Illi ist Frauenbeauftragte eines islamischen Vereins in der Schweiz und saß vollverschleiert im Studio. Auf die Frage, was den Islam ihrer Meinung nach als frauenfreundliche Religion auszeichne, antwortete Illi, im Islam habe sie als Frau sehr viele Rechte und viele Möglichkeiten diese auszuleben.

Diese Aussagen erzürnten nicht nur den Unionspolitiker Wolfgang Bosbach sondern auch den Muslim und Islamismus-Experten Ahmad Mansour. Die Vollverschleierung sei nicht Emanzipation, sondern Unterdrückung. Das müsse auch beim Namen genannt werden, empörte er sich.

Auf Anne Wills Frage, ob Illi unterdrückt sei, erwiderte diese, das sei sie sicher nicht. Stattdessen werde ihr das Wort im Mund umgedreht. Für sie bedeute der Schleier Selbstbestimmung. Die Verbote muslimischer Praktiken seien hingegen ein Grund für die Radikalisierung vieler Jugendlicher.

Mansour konnte sich bei diesen Worten kaum zurückhalten, auch später schnaubte er bei Aussagen von Illi immer wieder aufgebracht in sein Mikrofon. Teilweise war den Ausführungen der beiden Gästen kaum zu folgen, so oft und laut fielen sie sich gegenseitig ins Wort. Für Mansour, einen praktizierenden Muslim, ist eine Verschleierung wie die von Frau Illi ein klar politisches Symbol, das auch als solches benannt gehöre.

Er selbst erzählte von seiner eigenen Erfahrung als radikalisierter Jugendlicher und dem langen Prozess der Entradikalisierung. Seiner Meinung nach tragen verschiedene psychologische und soziologische Gründe zu einer Radikalisierung bei. Eine besondere Verantwortung wies Mansour beim Thema Radikalisierung aber auch den islamischen Theologen zu, die seiner Meinung nach die Saat für den Islamismus säten.

Radikalisierung sei nicht nur dort, wo sich Jugendliche dem IS anschließen, sondern existiere auch innerhalb der Gesellschaft. Den Imam der Dar-as-Salam Moschee in Berlin-Neukölln fragte Mansour: "Wieso sind wir nicht in der Lage, den Jugendlichen ein Islamverständnis anzubieten, das ohne Wenn und Aber mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar ist?" – eine befriedigende Antwort erhielt er darauf nicht.

Einen Aufreger gab es am Ende der Sendung, als Anne Will aus einer Erklärung Illis im Internet zitierte. Darin lobt sie den Kampf gegen Assad in Syrien als Zivilcourage, bezeichnet den Krieg aber als "bitterharte Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs". Bosbach und Mansour erkannten in dem Text Kriegspropaganda, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht hätte gezeigt werden dürfen.

Wort des Abends: "Es gehört zu unserem Werteverständnis, sich mit den Meinungen anderer auseinandersetzen. Und das tun wir auch." (Anne Will)

Fazit: Anne Will fasste mit ihrer Entgegnung auf den Vorwurf, sie betreibe Kriegspropaganda, den Verlauf des Talks gut zusammen. Mit unterschiedlichen Menschen über kontroverse Dinge zu diskutieren, kann für alle Seiten anstrengend sein. Aber sich deshalb nicht auseinanderzusetzen, ist auch keine Lösung.

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