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Mainz
Radikal anders und hochaktuell

Mainz. Heute startet die Web-Serie "Familie Braun" auch im Fernsehen. Jede Folge ist nur sechs Minuten lang. Von Lisa Kreuzmann

Deutsche Serien genießen international nicht den Ruf, besonders aufregend zu sein. Die neue ZDF-Serie "Familie Braun" hat das Potenzial, das zu ändern. Was dort passiert, ist brisant, skurril und brandaktuell. Und manifestiert eine neue Ära der Fernsehproduktion: interaktiv, multimedial und für zwischendurch. Die Episoden der neuen Serie sind nur sechs Minuten lang, können also bequem per Smartphone konsumiert werden - aber jede Minute hat es in sich.

Der Plot ist schnell erzählt, was ihn aber nicht weniger absurd macht. Zwei Nazi-Kumpels und WG-Mitbewohner werden durch einen unerwarteten Besuch in ihrem Weltbild gestört: Kumpel Thomas Braun (Edin Hasanovic) sieht sich plötzlich mit seiner sechsjährigen Tochter konfrontiert - das zuckersüße Ergebnis eines nächtlichen Abenteuers, von dem er bisher nichts wusste. Soweit so gut. Doch die kleine Lara ist schwarz. Und ihre Mutter soll nach Afrika abgeschoben werden. Die gemeinsame Tochter überlässt sie kurzerhand dem leiblichen Vater. Was folgt, ist eine bittersüße Erzählung über die vorsichtigen Annäherungsversuche zwischen Vater und Tochter und eine Männerfreundschaft auf der Kippe. Nazi-Kumpel Kai Stahl nämlich, gespielt von Vincent Krüger, bekannt aus "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten", ist vom neugewonnenen Vaterglück seines Freundes überhaupt nicht begeistert.

"Unser Ansatz war zu schauen, welche spannenden Figurenkonstellationen es gibt", sagt Drehbuchautor Manuel Meimberg. "Das Trio aus zwei Nazis, die sich plötzlich um ein schwarzes Mädchen kümmern müssen, erschien uns das Absurdeste." Meimberg war an den Daily Soaps "Unter uns" und "Alles was zählt" (beide RTL) beteiligt, schrieb außerdem Episoden für die ZDF-Serie "Soko-Leipzig".

"Wir wollen mit der Serie eine Diskussion anregen", sagt Produzent Uwe Urbas, der an der RTL-Erfolgsserie "Doctor's Diary" beteiligt war. Dabei sei die Haltung der Macher ganz eindeutig: "Wir finden Nazis scheußlich." Aber ganz so einfach wollen sie es dem Zuschauer trotzdem nicht machen. Kann die kleine Lara am Weltbild ihres Vaters rütteln? "Man muss auch die andere Seite kennenlernen und die eigene Haltung immer wieder hinterfragen", sagt die verantwortliche ZDF-Redakteurin Lucia Haslauer vom Kleinen Fernsehspiel. In der Serie gehe es durchaus nicht nur darum, Fremdenfeindlichkeit in ihrer Einfachheit offenzulegen, es gehe auch darum, Codes aufzubrechen und zu entmystifizieren: Die Hakenkreuzfahne wird zum Marienkäferkostüm, das Hakenkreuz zum Mobile. "Wir dürfen das Thema Fremdenfeindlichkeit nicht den amerikanischen Serien überlassen", so Haslauer. Aber nicht nur die Erzählweise ist anders, auch der Kanal: In der ZDF-Mediathek ist die Web-Serie schon seit einer Woche zu sehen. "Wir wollten mit ,Familie Braun' eine Form fürs Netz entwickeln und haben mit Youtubern auf Augenhöhe produziert", sagt Haslauer.

"Familie Braun", ZDF, 23 Uhr

Quelle: RP
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