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TV-Kritik Anne Will
Christian Lindner will sich nicht von Robotern pflegen lassen

TV-Kritik Anne Will:
Die Runde bei Anne Will. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Roboter, die Menschen Arbeitsplätze wegnehmen, wurden zum Schreckgespenst bei der TV-Runde von Anne Will – vor allem die Vorstellung, dass Senioren bald nicht mehr von Menschen gepflegt werden könnten. Nur FDP-Chef Lindner verteidigte digitale Innovation. Von Franziska Hein

Darum ging's: Schöne neue Arbeitswelt – ist der Computer der bessere Mensch? Anne Will startete mit ihrem Talk am Sonntagabend in die ARD-Themenwoche zur künstlichen Intelligenz und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt des Menschen. Roboter in der Krankenpflege, Drohnen, die Pakete ausliefern, und selbstfahrende Autos: Anne Will diskutierte mit ihren Gästen, wie sich das auf die Arbeitswelt auswirken wird. 

Darum ging's wirklich: Die Gäste taten sich schwer, über etwas zu diskutieren, was es so noch gar nicht gibt: den flächendeckenden Einsatz von Robotern in der Pflege oder Logistik anstelle von Menschen. Stattdessen verfing sich die Diskussion immer wieder in aktuellen sozialen Debatten, etwa über die Auswirkung von Smartphones auf Kinder, Pflege, Krankenversicherung und Altersvorsorge, geringqualifizierte Arbeitskräfte oder Selbstständigkeit und die Nützlichkeit von selbstfahrenden Autos. 

Die Gäste:

  • Christian Lindner (FDP), Bundesvorsitzender der FDP und MdL
  • Leni Breymaier (SPD), Landesvorsitzende Baden-Württemberg und ver.di-Landeschefin
  • Sascha Lobo, Blogger
  • Manfred Spitzer, Psychiater
  • Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom e. V. 

Der Frontverlauf: 

Zu Beginn stellte der Psychiater Manfred Spitzer die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf Kinder in Frage und ließ sich die ganze Sendung über nicht von diesem Thema abbringen. Das entfachte eine Diskussion über die Frage, ob Roboter nun Arbeitsplätze schaffen oder vernichten. Die SPD-Landesvorsitzende und ver.di-Funktionärin Leni Breymaier vertrat dabei die Auffassung, es würden mehr Arbeitsplätze vernichtet als geschaffen.

Christian Linder wiederum positionierte sich vollkommen entgegengesetzt. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer der Bitkom, erklärte am Beispiel von Pflegerobotern, es werden mehr Arbeitskräfte gebraucht, um mehr leisten zu können. Die Aufgaben würden anspruchsvoller, Roboter könnten das unterstützen. Arbeitsplätze würden sich signifikant verändern.

Der Blogger Sascha Lobo kritisierte die Schwarzmalerei des Psychiaters und der SPD-Politikerin. In Deutschland werde häufig negativ über digitale Innovation gesprochen. "Man meint den Kapitalismus, aber schlägt auf das Internet oder die Technologie", sagte er. Er war der Meinung, dass sich die Arbeitswelt künftig in einen hochqualifizierten, gut bezahlten Arbeitsbereich und in einen gering qualifizierten, schlecht bezahlten Bereich teilen werde. Es werde diejenigen geben, die Roboter entwickeln, und diejenigen, die sie bedienen. Dazu sei aber nur eine geringe Qualifizierung nötig, weil das prozessuale Wissen in der Maschine gespeichert sei.

FDP-Chef Lindner wollte sich die "Zivilistationschance Digitalisierung" nicht kaputt reden lassen. Er war davon überzeugt, dass es in Zukunft Arbeitsplätze geben werde, die von Maschinen unterstützt werden, und viele kreative Berufe. Da sei es ein Fehler, wenn Kinder und Jugendliche ohne Schulabschluss die Schule verließen, diese hätten in der Wissensökonomie keine Chance.

Die SPD-Politikerin Breymaier kam daraufhin auf mögliche Umverteilungsmodelle zu sprechen. Nicht alle würden von einer digitalisierten Ökonomie profitieren, es müsse eine digitale Rendite geben, etwa durch eine Maschinensteuer.

Steuer war das Reizwort für den FDP-Politiker: Die Kinder von morgen würden in Jobs arbeiten, die es noch gar nicht gibt, da helfe es gar nichts, mit alten Methoden zu lernen, eine gute Ausbildung für alle sei das wichtigste. Darin war er mit Breymaier d'accord. "Ich bin erschrocken, wie oft wir einer Meinung sind", stellte Lindner daraufhin fest.

Auch der Bitcom-Chef Rohleder plädierte anders als der Psychiater Spitzer dafür, Kinder und Jugendliche fit zu machen in Sachen Digitalisierung. "Wir müssen die Leute so klug, so schlau, so fit machen, dass sie digitale Rendite erwirtschaften, dann müssen wir auch nicht mehr über Umverteilung reden, weil jeder daran teilhaben wird." Er, wie auch Christian Lindner, warten davor, diese Entwicklung zu dämonieseren. "Nicht alles, was technisch möglich ist, wird auch passieren", sagte Lindner. Die Leute stellten sich im Supermarkt immer noch lieber an der Kasse an, an der eine Kassiererin sitze, als an der, an der ein Roboter kassiere. Das gleiche gelte auch für die Pflege.

Breymaier war von der Vorstellung abgeschreckt, dass Roboter in Altenheimen Pflegekräfte ersetzen. "Ich wünsche mir keine Welt, in der die Kassenpatienten von Robotern gepflegt werden, und Privatpatienten von Menschen." Doch bis Roboter tatsächlich in der Lage seien, Empathie zu lernen, sei es noch ein weiter Weg, stellte Rohleder dazu fest und beschrieb damit das Dilemma der Sendung: Über etwas, das es noch nicht gibt, lässt sich schwer diskutieren. Christian Lindner wollte sich  zwar auch nicht von einem Roboter pflegen lassen, warnte aber davor, mit der Sendung ein "historisches Dokument" zu schaffen, über das man sich in 25 Jahren nur noch amüsieren könne angesichts all der Vorbehalte und Ängste.

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