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Integration in Österreich
Kann denn Singen Sünde sein?

Integration in Österreich: Kann denn Singen Sünde sein?
Das Singen eines arabischen Kinderlieds entspricht den expliziten Forderungen des Lehrplans für interkulturelles Lernen. Insofern ist es korrekt, wenn in der "Kronen Zeitung" geraunt wird, das sei "kein Einzelfall"... FOTO: Ferl
Salzburg. Zur Freude ihres syrischen Mitschülers lernten Erstklässler in Österreich ein arabisches Kinderlied. Was die einen als Skandal empfinden, lässt sich auch als Lehrstück über Doppelmoral lesen. Von Tobias Jochheim

Integration sei keine Einbahnstraße, heißt es. Was die berechtigte Frage nach sich zieht: Wie soll die Verteilung der Integrations-Arbeit denn aussehen, 50:50 etwa? Sollten nicht die 100 Prozent der Integrationsarbeit leisten, oder 90, oder wenigstens 75, die zu uns geflohen sind? So anstrengend es ist, die Antwort darauf immer neu auszuhandeln, so notwendig ist es auch.

Gerade weil die Herausforderung so immens ist, ist es fatal, wenn zusätzlich zu den tatsächlichen Problemen etwa mit radikal-islamischen, kriminellen oder ihrerseits intoleranten Flüchtlingen auch noch künstlich welche neu geschaffen werden – durch Integrationsverweigerer von rechts. Ein bedenkenswertes Beispiel dafür hat sich jetzt in Österreich zugetragen.

Am Schluss des letzten Schultags vor den Sommerferien sangen in einer Volksschule im Hinterland von Salzburg Erstklässler ein traditionelles Volkslied und tanzten dazu. Die Kinder waren vermutlich stolz auf ihre Leistung, zumal es nicht irgendein Lied war. Sondern das arabische Kinderlied "Tik tik ya em slaiman", zu Ehren des kleinen Aref, der aus Syrien geflohen war und inzwischen die erste Klasse der Schule besucht, deren Name mit Rücksicht auf die Beteiligten geheim gehalten wird. Auf Arabisch also hatte die ganze Klasse das Lied "Tik tik ya em slaiman" eingeübt, begleitet von Arefs Vater am Klavier.

Eine Geste, die Aref viel bedeutet haben dürfte und dabei niemandem weh tat. Im Gegenteil: Arefs Klassenkameraden lernten in der zugehörigen Unterrichtsreihe etwas über die Heimat ihres neuen Mitschülers und darüber, dass es neben "unserem" Alphabet auch noch andere gibt, ein arabisches zum Beispiel, und wie man darin "Sonne" und "Mond", "Spielen" und "Pfirsich" sagt. Die Lehrer wurden dabei, wie bei Spezialthemen üblich, von externen Experten unterstützt, die in diesem Fall eben Flüchtlinge waren.

Was FPÖ und "Kronen Zeitung" zum Skandal erklären, ist im Lehrplan ausdrücklich gefordert

"Das geht definitiv zu weit", findet Erwin Enzinger (43), Gemeinderat der Stadt Salzburg für die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ). Die Rechtspopulisten hatten bei der Landtagswahl 2015 mehr als 30 Prozent der Stimmen erhalten und könnten ab dem 2. Oktober den Bundespräsidenten stellen. Das Land erfährt von Enzingers Empörung am 16. August aus der "Kronen Zeitung", dem mit Abstand größten Blatt im Land. In dem ganzseitigen Artikel kommt niemand zu Wort, der die Meinung vertritt, der Skandal sei gar kein Skandal – kein Vertreter der kritisierten Schule, kein anderer Politiker. Auch von Äußerungen besorgter Eltern, um die es doch eigentlich gehen soll, keine Spur; weder mit Namen noch anonym.

Stattdessen zitiert die Autorin eine Lehrerin, die elterliche Kritik schnippisch abgelehnt habe – laut Enzinger. Dass der Stein des Anstoßes ein "bekanntes arabisches Kinderlied ohne religiöse oder politische Inhalte" ist, ist im Text erwähnt. Es ist bloß leicht zu überlesen zwischen dem dramatischen Auftritt eines Schulkinds ("Mama, heute war ein fremder Mann bei uns in der Schule und hat uns eine komische Sprache beigebracht") zu Beginn sowie Enzingers Ankündigung am Schluss, er wolle den "Vorfall jetzt prüfen lassen".

Dabei gibt es nichts zu prüfen. Im Gegenteil definiert der österreichische Lehrplan für Volksschulen interkulturelle Bildung als übergeordnetes "Allgemeines Bildungsziel": Wo "österreichische und ausländische Kinder gemeinsam unterrichtet werden", seien "im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem jeweils anderen Kulturgut (...) insbesondere Aspekte wie Lebensgewohnheiten, Sprache, Brauchtum, Texte, Tradition, Liedgut usw. aufzugreifen". (Quelle, S. 11)

Wohl deshalb haben auch die Lokalmedien keinen Anlass zur Berichterstattung gesehen. Und wohl deshalb ist auch die Zwischenüberschrift "Flachgauer Schule kein Einzelfall" nicht mehr Teil einer zweiten, entschärften Fassung des Originaltexts, die rund 90 Minuten nach der ersten online gestellt wurde (eine RP-Anfrage zu den Gründen ließ die "Kronen Zeitung" unbeantwortet).

Online ist eine zweite, entschärfte Version des "Krone"-Artikels zu finden. Im Unterschied zum gedruckten Text heißt es darin statt "ohne die Eltern vorab zu informieren" im Gegenteil: "Wie ein Faksimile zeigt, wurden die Eltern über die Vorgänge in der Schule auch vorab informiert. Dennoch ist die Aufregung groß..." FOTO: Screenshot von www.krone.at

Größere Aufmerksamkeit erregte der "Krone"-Text durch eine Kolumne der bürgerlich-liberalen Tageszeitung "Presse": Unter der Überschrift "Warum macht Herr Enzinger das? Warum macht die 'Krone‘ das?" schreibt Sibylle Hamann: "Volksschulkinder haben gemeinsam ein Lied gesungen. Eigentlich war alles prima". FPÖ und "Kronen Zeitung" stellt sie die rhetorische Frage, "wie sich das anfühlt: immer nur Böses zu sehen, selbst dort, wo gar nichts Böses ist. Immer wütend zu werden, wenn anderen etwas gelingt. Immer alles sofort kaputtschlagen, zündeln wollen, und sich erst freuen, wenn es rundherum brennt. Fühlt es sich gut an?"

Online steht auch eine zweite, korrigierte Version des Artikels

Die beiden Journalistinnen debattieren bei Twitter weiter - und finden keine gemeinsame Grundlage. Dobler wirft Hamann vor, sie böswillig falsch zitiert zu haben. Dobler wiederum muss sich vorwerfen lassen, mindestens grob fahrlässig formuliert zu haben. Ihre Originalformulierung, die Eltern seien "vorab nicht informiert" worden, fehlt nicht zufällig in der zweiten Version ihres Artikels, die auch ein großes Foto des entsprechenden Elternbriefs enthält.

Die Autorin des Artikels verteidigt ihre ursprüngliche Formulierung gegenüber einer anderen Journalistin, die ihr einseitige Berichterstattung im Sinne der rechtspopulistischen FPÖ vorwirft. FOTO: Screenshot von www.twitter.com

Sie betont, die Kritik habe sich nie um das Lied und den Tanz gedreht, deren Harmlosigkeit im Mittelpunkt von Hamanns Streitschrift steht. Im Originalartikel waren sie indes sehr wohl als Gipfel des Unverantwortlichen dargestellt worden. ("Doch damit nicht genug: Beim jährlichen Schulfest (...) präsentierten die Volksschüler (...) syrische Lieder und Volkstänze"). Jetzt sagt die Autorin, bei Enzinger hätten sich Eltern beklagt, nicht auch konkret darüber informiert worden zu sein, dass "arabische Schriftzeichen, syrische Kultur und Länderkunde statt Rechnen, Schönschrift und Lesen" unterrichtet werden würden, und zwar auch von anderen Flüchtlingen als Arefs Vater.

Dass das als außergewöhnlich und potenziell gefährlich dargestellt wird, kritisieren drei Leser, die in dem fraglichen Ort wohnen. "Dass die Eltern nicht wollen, dass fremde Personen in die Klassen kommen, ist grundsätzlich verständlich", schreiben sie in einem Brief. "Aber wie sind Gäste zu benennen, die von den Lehrern eingeladen und begleitet werden? Ist ein Pfarrer eines Ortes, der an der Schule keinen Religionsunterricht hält, eine 'fremde Person‘? Sind es Eltern einzelner Schüler, die natürlich den anderen Kindern fremd sind?" Dass den Berichterstattungsanlass offenbar ein Gemeinderat aus der Stadt Salzburg geliefert habe, "der weder für diesen Ort noch für den Flachgau (...) zuständig ist oder irgendwelche pädagogischen Kompetenzen aufweist", sei ihnen "mehr als unverständlich". Die "Kronen Zeitung" druckt den Brief am 25. August beinahe ungekürzt ab – und verteidigt in einer Stellungnahme dazu den umstrittenen Artikel als "sachlich und völlig unaufgeregt".

Der vorläufige Endpunkt der Debatte. FOTO: Screenshot von www.twitter.com

"Krone.at"-Chef steht zu "Doppelspiel" mit der FPÖ

Hamann wirft der "Kronen Zeitung" vor, dass sie eine "Nicht-Geschichte" aufbausche und etwas, "das zum ganz normalen Schulalltag mit Flüchtlingen gehört und tausendfach stattfindet, unter anderem auch an der Schule meines Sohnes, skandalisiert und gezielt schlechtmacht". Dabei mache sich das Blatt zum Sprachrohr der FPÖ.

Daraus, dass das Medienhaus und die FPÖ voneinander profitieren, macht "Krone.at"-Chefredakteur Richard Schmitt keinen Hehl. "Es ist wie am Stammtisch, ein digitaler Stammtisch, man will im Netz diskutieren. Und du brauchst deswegen Kommentare, musst provozieren, Gegnerschaft aufbringen", erklärt Schmitt das Erfolgsrezept seiner Website in einem Interview. Die Reichweite des umstrittenen FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache sei dabei ungemein nützlich: "Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch. Und umgekehrt kriegt er natürlich auch mehr Traffic, wenn wir ihn pushen. So ein Doppelspiel ist natürlich für die anderen Parteien gefährlich."

Die Medienbeobachter vom "Bildblog" schreiben, die "Krone"-Journalisten "vernebeln und vergiften dort, wo Nüchternheit und Klarheit dringend nötig wären. Sie verbreiten Angst und schüren Hass." Anlass für dieses Urteil ist unter anderem ein "Krone"-Artikel, in dem der Chefredakteur einer Regionalausgabe übelste fremdenfeindliche Gerüchte als Fakten dargestellt hatte, was die österreichische Polizei scharf als "absoluten Blödsinn" kritisierte. Nach einem vierwöchigen Zwangsurlaub war der Mann auf seinen Posten zurückgekehrt

Am Freitag hat das Boulevardblatt auf Hamanns Kolumne reagiert – und wie. Voll "blankem Hass" "geifere" sie darin über einen "Krone"-Text, den der Redakteur offenbar für untadelig hält; dessen nachträgliche Entschärfung bleibt unerwähnt. "Eltern" (und nicht etwa ein FPÖ-Politiker) hätten in dem umstrittenen Text lediglich "zur Diskussion gestellt", "ob Kultur aus Syrien im Volksschul-Unterricht vermittelt werden soll und ob das sinnvoll sei".

In der "Krone" könnten allerdings auch keine "Topartikel" stehen, solange Dobler im Urlaub sei, hat auf ihrer Facebook-Seite schon vor Tagen jemand halb im Scherz angemerkt. Ein großer Fan, offensichtlich. Sein Name ist Erwin Enzinger. Auf seiner eigenen Facebook-Seite hat er schon mal das Foto eines Sturmgewehrs gepostet, versehen mit dem Satz "Mein Samstagseinkauf. Sicher ist Sicher".

Raum für Optimismus, für andere Gefühle als Angst und Fatalismus

Hamann nutzte die sozialen Medien zuletzt, um Bahntickets für Flüchtlinge zu sammeln. Als unkritischer "Gutmensch" mit rosaroter Brille lässt sie sich aber kaum abkanzeln. Die 50-Jährige weiß sehr wohl, dass Integration eine Mammutaufgabe ist. Für das linksalternative Stadtmagazin "Falter" hat sie einmal die Erlebnisse eines Mittelschullehrers protokolliert. Unter der Schlagzeile "Du weißt gar nicht, wo du anfangen sollst" lässt sie ihn erzählen von einem Jungen, der von seinen Eltern gezwungen wird, die Schule zu schwänzen und stattdessen in der U-Bahn Akkordeon zu spielen. Von einem Mädchen, das verzweifelt versucht, ihren großen Bruder davon abzuhalten, sich dem IS anzuschließen. Von Eltern, die ihren eigenen Kindern Schulerfolge missgönnen, nach dem Motto: "Ich bin Hilfsarbeiter, dann wird Hilfsarbeiter für meinen Sohn auch gut genug sein. Oder glaubt der etwa, er ist etwas Besseres als ich?" Es ist erschütternde Lektüre.

Der kleine Unterschied zwischen ihrem Artikel und jenem in der "Kronen Zeitung"? Anstelle eines Politikers lässt Hamann einen Betroffenen zu Wort kommen. Vor allem aber bleibt bei allem Klartext und ohne jede Schönfärberei ein wenig Raum für Optimismus, werden auch andere Gefühle bedient als Angst und Fatalismus. "Einer meiner Syrer hat einen Vater, der Chirurg ist", hat der Lehrer Hamann erzählt, und sie enthält dieses Positivbeispiel ihren Lesern nicht vor. "Der hat in vier Monaten so gut Deutsch gelernt, dass er dem Unterricht problemlos folgen kann. Da staunen die anderen, was alles möglich ist."

Das ist auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage. "Integration ist keine Einbahnstraße" heißt nicht, dass die Hälfte oder auch nur ein größerer Teil der Verantwortung für eine gelingende Integration bei der Mehrheitsgesellschaft liegen würde. Es heißt, dass sich Erfolgserlebnisse einstellen, sobald die Mehrheitsgesellschaft bereit ist, mehr als null Prozent zur Integration von Minderheiten beizutragen. Dafür muss man nicht einmal etwas tun. Es würde schon reichen, die nicht zu behindern, die etwas tun – und im fraglichen Ort unter anderem Deutschkurse sowie Fahrten zur Tafel auf die Beine gestellt haben, Begleitung zu Ärzten und Behördenterminen, komplette Haushaltseinrichtungen, Arbeitsbeschaffung sowie eben die Erleichterung des Schuleinsteigs für Kinder. Spielerisch, angeleitet von Experten dafür und selbstverständlich stets unter Aufsicht der Lehrer, die die Eltern im Vorhinein darüber informiert hatten.

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