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Paris/Rom
"Charlie Hebdo"-Sonderheft empört den Vatikan

Paris/Rom. Mit ätzender Religionskritik ist die Sonderausgabe der Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" zum Jahrestag des Mordanschlags auf ihre Redaktion an die Kioske gegangen. Das 32 statt sonst 16 Seiten umfassende Heft erinnert an den Anschlag islamistischer Terroristen heute vor einem Jahr. Die Ausgabe mit Gott als bewaffnetem Mörder auf dem Titel ist in einer Auflage von einer Million Exemplaren erschienen. In Deutschland werden 50.000 Exemplare angeboten, für Belgien sind 40.000 Hefte vorgesehen.

Im Editorial kritisiert der als Riss zeichnende Laurent Sourisseau "vom Koran verblödete Fanatiker", die wie "geweihte Ärsche anderer Religionen" ein Ende des Magazins gewünscht hätten, weil es über Religiöses zu lachen wage. Die Karikatur von Riss präsentiert Gott als Täter. "Ein Jahr danach - der Mörder läuft noch frei herum" steht über der Zeichnung.

Schon vor Erscheinen der Sonderausgabe des für seine harte Religionskritik bekannten Blattes gab es Protest von Kirchenvertretern und konservativen Politikern. Die Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano" kritisierte, "Charlie Hebdo" verletze damit die Gefühle der Gläubigen aller Religionen. Das Titelbild spiegele das "traurige Paradox" der heutigen Welt wider, schrieb die päpstliche Zeitung. Diese reagiere einerseits immer empfindlicher darauf, wenn etwas lächerlich gemacht werde, und fordere politische Korrektheit ein. Andererseits sei sie nicht bereit, den Glauben der Menschen - unabhängig welcher Religion - anzuerkennen und zu respektieren. "Charlie Hebdo" habe "ein weiteres Mal vergessen, was die Führer aller Religionen seit Längerem immer wieder betonen", so die päpstliche Zeitung. Gott zur Rechtfertigung von Hass zu gebrauchen, sei ein "wirklicher Fluch".

Der französische Historiker Emmanuel Todd zog zum Jahrestag eine für sein Land vernichtende Bilanz. Der Bestseller-Autor ("Weltmacht USA - ein Nachruf") wirft seiner Regierung vor, ein permanentes Terror-Drama zu inszenieren, aber die eigentlichen Probleme nicht anzupacken. Todd sagte der "Zeit", umso größer sei die Gefahr, dass sich die Mehrheit in Illusionen stürze: "Frankreichs Hauptwahrheit liegt darin, dass seine Mittelklasse-Mehrheit christlichen Ursprungs, die mitten in der Glaubenskrise steckt, sich auf den Islam als Sündenbock fixiert hat."

Quelle: RP
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