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Schwerpunktthema Integration: 4,2 Millionen Migranten in NRW

VON ANTJE HÖNING UND CHRISTIAN DICK - zuletzt aktualisiert: 06.09.2010 - 20:15

(RP). Jeder vierte Bürger in NRW ist Ausländer oder hat einen Migrationshintergrund, in Städten wie Köln und Düsseldorf sogar jeder dritte. 17 Prozent der ausländischen Jungen gehen ohne Schulabschluss ab, jeder vierte Ausländer ist ohne Job. Die Kriminalität bestimmter Gruppen ist überdurchschnittlich.

Klicken Sie zum Vergrößern auf die Foto: RP

Mit seinem Buch hat Thilo Sarrazin Migranten scharf attackiert. Wie steht es um die Migranten in Nordrhein-Westfalen?

Migranten In Nordrhein-Westfalen leben 18 Millionen Menschen. 4,2 Millionen von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Dazu zählen die Statistiker zum einen die 1,9 Millionen Menschen, die eine ausländische Staatsbürgerschaft haben ("Ausländer"), zum anderen die 2,3 Millionen Menschen, die zwar einen deutschen Pass haben, aber seit 1950 selbst oder deren Eltern zugezogen sind (Deutsche mit Migrationshintergrund: "Migranten im engeren Sinn"). Die größte Gruppe kommt aus der früheren Sowjetunion, gefolgt von Türken, Südeuropäern und Polen.

Der Anteil der Ausländer und Aussiedler (Migrantenquote) ist in den vergangenen Jahren gewachsen: Waren im Jahr 2005 erst 22,8 Prozent der NRW-Bürger keine einheimischen Deutschen, sind es nun 24,1 Prozent, wie aus Daten des Statistischen Landesamtes hervorgeht.

Regional gibt es dabei große Unterschiede (Grafik). In einigen Großstädten ist inzwischen rund jeder dritte Einwohner kein einheimischer Deutscher mehr. Dazu zählen Köln mit einer Migrantenquote von 32,4 Prozent, Bielefeld (32,3 Prozent) Düsseldorf (31,9 Prozent) und Duisburg (31,0 Prozent). Die geringste Migrantenquote weisen ländliche Regionen auf. Am niedrigsten liegt sie in Coesfeld. Hier sind nur 7,6 Prozent der Einwohner Ausländer oder Migranten, auch in den Kreisen Viersen und Wesel sind es nur 13 Prozent. Das hat unter anderem mit der industriellen Vergangenheit zu tun: In Duisburg und Köln standen die Fabriken, die in den 50er Jahren Gastarbeiter zu Hunderttausenden einstellten.

Arbeitsmarkt Die Mehrheit der erwerbsfähigen Ausländer und Migranten sorgt selbst als Angestellte oder Selbstständige für ihren Lebensunterhalt. Doch viele haben auch keine Arbeit. Allein 160 000 Ausländer sind in NRW arbeitslos gemeldet. Für Migranten führen die Agenturen keine eigene Statistik, doch dürften es mindestens noch mal so viele sein.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei Ausländern weit höher als bei Deutschen. In NRW ist jeder fünfte Ausländer ohne Arbeit (19,9 Prozent) und erhält Arbeitslosengeld I oder Hartz-IV-Leistungen, so die Bundesagentur. Bei den deutschen Erwerbsfähigen ist dagegen nicht mal jeder Zehnte arbeitslos.

Je schlechter die Wirtschaftslage einer Region, desto stärker sind auch Ausländer betroffen. Im Ruhrgebiet hat jeder vierte Ausländer keinen Job. Die rote Laterne hält die Agentur Recklinghausen mit einer Ausländer-Arbeitslosenquote von 29,2 Prozent, sehr hoch ist sie auch in Essen und Dortmund. Düsseldorf dagegen hat mit 17,5 Prozent eine unterdurchschnittliche Ausländer-Arbeitslosigkeit. Das hängt mit der guten Wirtschaftslage zusammen, aber auch mit den Nationen, die hier leben. Japaner und klassische Gastarbeiter wie Spanier sind oft besser ausgebildet und weniger von Arbeitslosigkeit bedroht als andere.

Am geringsten ist die Ausländer-Arbeitslosenquote in Münster (14,4 Prozent). Hier ist die Wirtschaftslage ohnehin gut, zudem zieht die Universität viele hochqualifizierte Ausländer an, die kaum arbeitslos werden.

Schul- und Ausbildung Die Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit liegt oft in der miserablen Schul- und Berufsausbildung. Von den Ausländern und Migranten in NRW, die 2005 die Schule verlassen haben, hatten nur zehn Prozent das Abitur. Bei den einheimischen deutschen Schülern waren es dagegen 30 Prozent. 14 Prozent der Ausländer und Migranten verließen die Schule ganz ohne Abschluss, bei den Deutschen sind es nur rund acht Prozent. Wer keinen Schulabschluss hat, bekommt meist auch keine Lehrstelle und wird nach allen Erfahrungen der Vergangenheit sein Leben lang immer wieder mal oder gar durchgängig arbeitslos sein.

Während viele Zahlen gängige Klischees bestätigen, zeigen andere neue Entwicklungen wie diese: Auch bei Ausländern schneiden Mädchen in der Schule deutlich besser ab. Während 17 Prozent der männlichen Ausländer nicht einmal den Hauptschulabschluss schaffen, liegt diese Misserfolgs-Quote bei ausländischen Mädchen deutlich niedriger, wie aus dem "Bildungsreport" für NRW hervorgeht. Wie bei den einheimischen Deutschen machen auch bei den Ausländern mehr Mädchen als Jungen das Abitur.

Kriminalität Die meisten Ausländer und Aussiedler sind gesetzestreu und leben als unbescholtene Bürger hier. Gleichwohl ist Kriminalität bei Ausländern und Aussiedlern ein spezielles Problem. In Städten wie Köln oder Düsseldorf, wo die Migrantenquoten besonders hoch sind, ist auch die Kriminalitätsdichte am stärksten.

Insgesamt nimmt in NRW die Kriminalität von Ausländern wieder zu, nachdem sie eine Zeit lang rückläufig war. Während die Zahl der deutschen Tatverdächtigen im vergangenen Jahr um 0,5 Prozent abnahm, legte die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen um 1,9 Prozent zu, so die "Polizeiliche Kriminalstatistik". 22 Prozent der Tatverdächtigen, die die Polizei ermittelte, waren Ausländer (ohne Migranten). Sie sind überproportional bei Straftaten vertreten, die einen hohen Organisationsgrad erfordern, wie Drogen-Schmuggel und Taschendiebstahl.

Zwar muss man bei der Polizeistatistik bedenken, dass es Delikte (wie Verstöße gegen das Asylgesetz) gibt, die nur Ausländer begehen können, und auch Durchreisende und Touristen ihnen zugerechnet werden. Gleichwohl zeigt die Statistik interessante Unterschiede. So sind Ausländer, die oft schon vor vielen Jahren ins Land gekommen sind, unterdurchschnittlich an kriminellen Delikten beteiligt. So ist laut Polizeistatistik der Anteil der Türken an den nichtdeutschen Tatverdächtigen (28 Prozent) kleiner als der Anteil der Türken an der ausländischen Bevölkerung (30 Prozent). Ähnlich positiv sieht es bei Italienern, Griechen, Niederländern, Briten, Portugiesen und Kroaten aus.

Überdurchschnittlich hoch ist die Kriminalität dagegen bei Serben. Sie m achen 6,2 Prozent der Tatverdächtigen aus, stellen aber nur 1,0 Prozent der nichtdeutschen Bevölkerung. Ebenfalls überproportional ins Visier der Polizei geraten Rumänen, Polen, Marokkaner, Iraner und Kosovaren.

Milieu Generell zeigt sich, dass Ausländer nicht gleich Ausländer ist. Eine repräsentative Untersuchung von 2009 (im Auftrag der Landesregierung), unterscheidet acht Milieus, in denen Migranten in NRW leben. Problematisch sind jene vier Prozent, die im so genannten "entwurzelten Milieu" leben, unter ihnen viele alleinstehende und ungebildete Männer. Das Milieu wird von den Autoren als "stark materialistisch geprägt und ohne Integrationsperspektive" charakterisiert. Problematisch sind auch jene 11 Prozent, die im "hedonistisch-subkulturellen Milieu" leben" – die "unangepasste zweite Generation, die Spaß haben will und sich den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft verweigert". Aber es gibt eben auch das "traditionelle Arbeitermilieu" (15 Prozent der Migranten), das zwar den Traum einer Rückkehr in die Heimat aufgegeben hat, aber ein traditionelles Arbeitsethos pflegt, sowie das "Status-orientierte Milieu" (13 Prozent), das für seine Kinder Besseres erreichen will. In NRW leben zudem im Vergleich zum Bund überdurchschnittlich viele Ausländer im akademisch geprägten "kosmopolitischen Milieu" (15 Prozent).

Und was wählen Migranten, so weit sie wählen dürfen? Nach einer Befragung von türkeistämmigen Migranten, die das "Zentrum für Türkeistudien" 2009 vorgenommen hat, würden 40 Prozent die SPD wählen. Also genau die Partei, der auch Sarrazin angehört.

Quelle: RP

 
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