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Analyse
Kurden: Spielball der Regionalmächte

Düsseldorf. Seit 100 Jahren leben rund 30 Millionen Kurden im Mittleren Osten verteilt über vier Staaten. In dieser Zeit gerieten sie immer wieder zwischen die Fronten und wurden häufig unterdrückt. Besonders die Türkei fürchtet die Entstehung eines kurdischen Staates. Von Godehard Uhlemann

Man weiß nicht genau, wie viele es von ihnen gibt: Vermutlich sind es rund 30 Millionen Menschen, die sich als Kurden fühlen. Ihre traditionellen Siedlungsgebiete erstrecken sich über vier Länder im Mittleren Osten, sie sprechen teils sehr unterschiedliche Dialekte, haben ihre eigenen Bräuche. Neben Sunniten gibt es auch Schiiten, Jesiden, Aleviten und sogar Christen unter ihnen. Das hat sie über Jahrhunderte bis heute zum Spielball fremder Interessen gemacht. Im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) gelten die Kurden als Verbündete des Westens. Im syrischen Bürgerkrieg schlugen sie sich dagegen eher auf die Seite von Diktator Baschar al Assad. Im Irak haben sich die Kurden als Verbündete der USA im Kampf gegen Saddam Hussein eine weitgehende Autonomie erstritten. Aber die Türkei bekämpft kurdische Kämpfer als Terroristen.

Etwa die Hälfte aller Kurden lebt in der Türkei, und hier hat sich die Lage zuletzt am stärksten zugespitzt. Die Armee geht seit Monaten massiv gegen militante Kurden vor. Es gibt dabei immer wieder Tote und Verletzte auch unter der Zivilbevölkerung. Ganze Dörfer werden im Südosten des Landes dem Erdboden gleichgemacht. Zehntausende Kurden fliehen aus ihrer Heimat.

Der blutige Konflikt dauert nun schon seit 1984, als Kämpfer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu den Waffen griffen, um sich einen eigenen Staat zu erkämpfen. Mindestens 40.000 Tote hat dieser Konflikt bislang gefordert, der rein militärisch nicht zu gewinnen sein wird.

Die jüngste Eskalation begann am 20. Juli 2015, als es in der Stadt Suruc zu einem Selbstmordattentat gegen junge Kurden kam, das dem IS zugeschrieben wurde. 34 Menschen wurden getötet, mehr als 75 verletzt. Die PKK warf der türkischen Regierung in Ankara vor, den IS verdeckt in dessen Kampf gegen die Teile Nordsyriens kontrollierende PYG (militärischer Ableger der PKK in Syrien) zu unterstützen.

Der Vorwurf ist nicht völlig grundlos. Die Stadt Suruc liegt rund zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Die Stadt wird mehrheitlich von Kurden bewohnt. Ihre Schwesterstadt ist das nicht weit entfernt liegende kurdisch-syrische Kobane. Die Stadt liegt auf syrischem Gebiet, das von der kurdischen PYG als "Westkurdistan" beansprucht wird. Dort hat, durch den Krieg in Syrien begünstigt, faktisch die Geburt eines zweiten kurdischen Staatsgebildes, ähnlich dem im Nordirak, begonnen. Dies will die Türkei mit allen Mitteln verhindern. Ein eigener kurdischer Staat gilt in Ankara als Bedrohung für die Einheit der Türkei.

Die undankbare Rolle eines Volkes ohne eigenen Staat spielen die Kurden seit 100 Jahren. Sie gehören indirekt zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918). Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches gingen die Kurden bei der Verteilung der Konkursmasse leer aus. Zwar hatten die Alliierten und der Sultan im Friedensvertrag von Sèvres (1920) die Möglichkeit der Gründung eines unabhängigen kurdischen Staates vorgesehen. Die kurdischen Bewohner der betroffenen Gebiete im Osten der heutigen Türkei und im Nordirak sollten innerhalb eines Jahres über ihre Unabhängigkeit abstimmen und diese beim Rat des Völkerbundes beantragen.

Aber dieser Plan wurde nie umgesetzt. In der Türkei wurde Mustafa Kemal, genannt Atatürk, der neue starke Mann. Er kämpfte kompromisslos für den territorialen Zusammenhalt seines Landes und war nicht bereit, den Kurden die Unabhängigkeit zuzugestehen.

Auf seiten der Alliierten verlor vor allem Großbritannien das Interesse an einem kurdischen Staat. Zwar hatte London zuvor das Selbstständigkeitsstreben der Kurden unterstützt, doch nun trat es für die Interessen des Irak ein, der unter britischer Kontrolle stand. Die ölreiche Provinz Mossul sollte dauerhaft unter irakische Herrschaft gebracht werden und damit unter die eigene Oberaufsicht. Ein eigener unabhängiger kurdischer Staat wäre daher politisch ein Störfaktor gewesen. Am Ende wurde der kurdische Siedlungsraum aufgeteilt zwischen der neuen türkischen Republik (seit 1923), dem Irak, Syrien und der damaligen Sowjetunion. 1924 wurde der Vertrag von Lausanne unterzeichnet, der unter anderem auch die Bestimmungen von Sèvres aufhob. Damit war der Traum vom eigenen kurdischen Staat geplatzt.

Die Minderheit der Kurden wurden in allen Ländern mehr oder minder stark unterdrückt. In der Türkei wurden Begriffe wie Kurde oder Kurdistan getilgt, ihr Gebrauch unter Strafe gestellt. Die Kurden wurden als "Berg-Türken" bezeichnet. Kurdische Kulturvereine und Parteien wurden verboten, ebenso kurdische Zeitungen und Bücher. Dies alles führte zu wachsendem Widerstand in den Kurdengebieten. 1978 gründete Abdullah Öcalan die PKK, die seit 1984 einen Guerillakrieg gegen militärische und zivile Einrichtungen in der Türkei führte. Auch Kurden, die mit Ankara kooperiert hatten, wurden zu Opfern der PKK-Anschläge.

Die Antwort der Türkei erfolgte militärisch. Man wollte die PKK besiegen - mit schlimmen Folgen. Ende 1998 wurde in einem Bericht einer türkischen Parlamentskommission festgehalten, dass bis dahin 3428 Dörfer zerstört worden waren und mehr als drei Millionen Kurden geflüchtet waren. Die Hälfte aller Schulen im Kurdengebiet war zerstört wie auch hunderte von Gesundheitszentren. Repressionen gegen die Zivilbevölkerung, wie Razzien oder Festnahmen wegen angeblicher Unterstützung der PKK, waren an der Tagesordnung. Kurdische Journalisten wurden verfolgt, gar ermordet. 1993 verkündete die PKK einen einseitigen Waffenstillstand, der aber nicht lange hielt. 1999 wurde PKK-Führer Öcalan schließlich in Kenia festgenommen, in der Türkei vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Seither sitzt er auf einer Gefängnisinsel vor Istanbul. 2013 begann die türkische Regierung indes diskrete Verhandlungen mit dem Kurden-Führer, um endlich eine Lösung des Konflikts zu erreichen. Die PKK rief daraufhin eine Waffenruhe aus. Den Kurden wurden erste Zugeständnisse hinsichtlich einer größeren kulturellen Autonomie gemacht.

Das brutale Ende des Friedensprozesses kam im Juni 2015, und es hatte vor allem wahltaktische Gründe. Bei der Parlamentswahl erreichte die Kurdenpartei HDP 13,1 Prozent der Stimmen, was die regierende Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) von Staatschef Erdogan ihre absolute Mehrheit kostete. Erdogan verschärfte daraufhin die Konfrontation mit den Kurden wieder und provozierte im November 2015 Neuwahlen, die der AKP mit 49,5 Prozent die absolute Mehrheit zurückbrachten.

Kurz vor der Wahl war es zu einem verheerenden Anschlag in Ankara gekommen, der über 100 Tote gefordert hatte, darunter erneut viele Kurden. Und erneut wurde die Regierung beschuldigt, nichts zur Verhinderung des Blutbads getan zu haben, das durch IS-Selbstmordattentäter angerichtet wurde. Der 2013 eingeleitete Friedensprozess zwischen der PKK und der Regierung war spätestens jetzt am Ende. Der IS hatte die Türkei in blutige Zeiten zurückgebombt.

Der Konflikt zwischen den Kurden und den Machthabern im Mittleren Osten hat indes schon vor Jahren auch Europa erreicht. Allein in Deutschland leben bis zu 800.000 Kurden, die meisten von ihnen friedlich. Doch der Verfassungsschutz warnte unlängst, die Stimmung zwischen den hierzulande lebenden Kurden und Türken sei aufgeheizt und voller Emotionen. Ende 2015 kam es zu mutmaßlich kurdischen Anschlägen auf türkische Einrichtungen in Stuttgart und Krawallen in mehreren Städten.

Quelle: RP
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