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Ankara
Zehntausende an der syrischen Grenze

Ankara. In Aleppo hat eine neue Massenflucht begonnen. Die Türkei sieht ihre Aufnahmefähigkeit erschöpft. Von Gerd Höhler und Thomas Seibert

Die Türkei steht vor einer neuen Flüchtlingswelle aus dem Nachbarland Syrien. Die Staatsführung rechnet nach Medienberichten mit rund 70.000 weiteren Schutzsuchenden aus Nordsyrien. Präsident Recep Tayyip Erdogan versicherte, man werde Schutzsuchende nicht zurückweisen. Wenn Flüchtlinge "vor unserer Tür stehen und keine andere Wahl haben, müssen und werden wir unsere Brüder hereinlassen", sagte Erdogan.

Dennoch blieb für mehrere Zehntausend Syrer, die vor den neuen Kämpfen um die Großstadt Aleppo in Richtung Türkei fliehen, die Grenze gestern vorerst geschlossen. Die türkischen Behörden erklärten, die Flüchtlinge sollten vorerst auf syrischem Boden versorgt werden. Nur in Notfällen wurden Einzelne von Grenzsoldaten durchgelassen, etwa Verletzte. Zehntausende harrten in Regen und Kälte in provisorischen Lagern und selbstgezimmerten Verschlägen gegenüber dem türkischen Grenzübergang Öncüpinar auf der syrischen Seite aus. Mit Lastwagen wurden Hilfsgüter über die Grenze gebracht.

Ob und wann die Grenze geöffnet wird, war unklar. Auf der türkischen Seite begann die Hilfsorganisation Roter Halbmond allerdings in der Nähe von Öncüpinar bereits mit dem Aufbau eines weiteren Zeltlagers. Das könnte auf eine bevorstehende Öffnung hindeuten.

Rund drei Millionen Flüchtlinge, darunter 2,5 Millionen Syrer, hat die Türkei in den vergangenen fünf Jahren bereits aufgenommen und für ihre Versorgung nach eigenen Angaben rund neun Milliarden Dollar ausgegeben. Allein in den vergangenen Tagen seien weitere 15.000 Menschen ins Land gekommen, sagte Vizepremier Numan Kurtulmus. Damit sei die Grenze der Aufnahmefähigkeit erreicht. Trotzdem werde man weitere Schutzsuchende ins Land lassen, sagte auch er.

Sorge macht der Türkei vor allem die Entwicklung um die Wirtschaftsmetropole Aleppo, eine bisherige Hochburg der syrischen Opposition. Unterstützt durch russische Luftangriffe, gehen dort syrische Regierungstruppen gegen Aufständische vor. Sollte die Stadt an die Regierungstruppen fallen, rechnet man in der Türkei mit bis zu einer Million weiterer Flüchtlinge.

Seit Langem fordert die Türkei, auf der syrischen Seite eine Schutzzone zu schaffen, um Flüchtlinge dort zu versorgen. Gedacht ist an einen etwa 100 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Streifen. Dort könnten nach Ankaras Vorstellungen drei Containerstädte für jeweils 300.000 Flüchtlinge entstehen.

Quelle: RP
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