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Interview mit Patrick Herrmann
"Ein gutes Spiel hilft beim Vergessen"

Interview mit Patrick Herrmann: "Ein gutes Spiel hilft beim Vergessen"
Auf dem Weg nach vorn: Patrick Herrmann war nach seiner Einwechslung gegen Frankfurt ein belebendes Element. Darf er heute in Mainz anfangen? FOTO: Päffgen
Mönchengladbach. Borussias Flügelstürmer Patrick Herrmann spricht im Interview über das verlorene Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt und sagt, worauf es im Schlussspurt in der Bundesliga ankommt.

Patrick Herrmann (26) gehört zu den Gesichtern der Gegenwarts-Borussia - in allen Facetten. Nun könnte der schnelle Flügelspieler in der Rest-Saison ein wichtiger Faktor werden. Er spricht über die verbliebenen Ziele, Hinfallen und Aufstehen und seine Gefühle nach dem verlorenen Halbfinale am Dienstag.

Sie sind am Dienstag zum zweiten Mal mit Borussia im Halbfinale des DFB-Pokals gescheitert: 2012 gegen die Bayern, nun gegen Frankfurt. Was war schlimmer?

Herrmann Definitiv Frankfurt. Gegen Bayern war die Situation mit dem Elfmeterschießen ähnlich. Als ich auf dem Platz stand, dachte ich: Vor fünf Jahren warst du auch hier und hast es nicht geschafft, jetzt muss es endlich so weit sein. So ein Finale zu spielen, ist ein Riesentraum von mir. Ich bin neun Jahre bei Borussia und weiß, was das dem ganzen Verein und den Fans bedeutet hätte, nach Berlin zu kommen. Wenn du im Mittelkreis stehst, mitfieberst und am Ende reicht es nicht - das ist kaum in Worte zu fassen.

Haben Sie am Dienstag eher daran gedacht, wie schlimm es wäre, wenn es schiefgeht, oder visualisiert, wie großartig es wäre, wenn es klappt?

Herrmann Auf jeden Fall Letzteres. Wir wussten, was für eine Riesensache der Finaleinzug gewesen wäre. Da hat man eher ein positives Gefühl, gerade mit den Gedanken an 2012.

Sie haben Ihren Job wie damals gemacht und Ihren Elfer verwandelt.

Herrmann Es wurde gefragt, wer sich gut fühlt. Da habe ich gleich gesagt, dass ich schießen will. Ich habe ja 90 Minuten auf der Bank gesessen und konnte zunächst nicht aktiv mithelfen. Das ist eigentlich noch schwieriger, als in der Situation Verantwortung zu übernehmen. Zum Glück war der Elfmeter drin, und den anderen macht man natürlich keine Vorwürfe. Das ist einfach eine Extremsituation und manchmal auch mit Glück und Pech verbunden. Schon bitter.

Zumal Borussia diese Chance zum wiederholten Mal vergeben hat.

Herrmann Gegen Bayern war es schon schlimm. Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich da traurig auf dem Platz lag. Vor dem Spiel gegen Frankfurt habe ich zufällig noch ein Bild davon bei Ihnen gesehen und dachte mir nur: Heute liegst du nicht wieder da. Am Ende ist es doch so gekommen. Ich würde sagen, dass es schon die schlimmste Niederlage war, die ich im Profifußball erlebt habe.

2012 hat Borussia nach dem Aus im Pokal gleich zwei Spiele verloren und nur noch zwei von acht gewonnen. Im Endeffekt haben Sie lediglich den dritten Platz verspielt und sind Vierter geworden. Wie schwierig fiel es damals, sich wieder aufzurichten?

Herrmann Es hängt schon fest im Kopf, bei dem einen kürzer, bei dem anderen etwas länger. Du musst einfach versuchen, nicht mehr so viel dran zu denken. Am ersten Tag geht das noch nicht, aber je näher der Samstag kommt, desto mehr musst du den Fokus auf Mainz legen.

Diese Stehauf-Mentalität haben Sie aufgrund Ihrer Verletzungen in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder beweisen müssen. Sind Sie jetzt prädestiniert als Psychologe innerhalb der Mannschaft?

Herrmann Keine Frage, das kann man schon vergleichen. Rückschläge gibt es immer wieder im Fußball. Das hat jeder mitgemacht, sei es sportlich oder körperlich. Das Gute ist, dass es weiter Schlag auf Schlag geht.

Also ein bisschen wie bei Skispringern, die nach einem Sturz direkt wieder hoch auf die Schanze gehen, um die Angst zu besiegen.

Herrmann Genau. Ein guter Sprung - oder in unserem Fall ein gutes Spiel - hilft beim Vergessen.

Die Mannschaft, die das Elfmeterschießen absolviert hat, war extrem jung. Mit mehr als 200 Profispielen gehörten Sie zu den Erfahrenen. Glauben Sie, dass Sie deshalb auch in der Schlussphase der Saison eine entscheidende Rolle spielen können?

Herrmann Ich bin immer bereit. Auch am Dienstag war ich heiß wie Frittenfett, wie man so schön sagt, und wollte unbedingt gewinnen, egal ob ich reinkomme oder beginne. So muss es bei uns allen jetzt weiterhin sein. Wir können nur etwas erreichen, wenn wir den bedingungslosen Willen haben.

Was macht Ihnen Mut, dass es besser läuft als 2012 in den Spielen nach dem Pokaltrauma?

Herrmann Wir sind insgesamt etwas reifer, das sieht man ja an mir. Vor fünf Jahren war ich 21. Wenn man schon ein paar Rückschläge erlitten hat, gelingt der Umgang damit besser.

Das Restprogramm kann man so oder so sehen: Vier Gegner aus dem unteren Tabellendrittel, für die es um alles geht, die aber auch nicht von ungefähr im Abstiegskampf stecken. Wie sehen Sie das?

Herrmann Es ist extrem eng. Alle können auf den Relegationsplatz fallen, Darmstadt vielleicht mal ausgenommen. Die Gegner werden alles geben, aber für uns geht es auch um viel. Wir müssen Spiele gewinnen, um ausreichend zu punkten.

Neun, zehn Punkte müssen es wohl sein.

Herrmann Klar, so viele wie möglich. Wie viele am Ende reichen, wissen wir nicht, weil es oben auch extrem eng ist. Der siebte Platz ist drei Punkte entfernt, nur einen Sieg. Aber den müssen wir erstmal holen, am liebsten schon in Mainz. Wenn wir das abrufen, was wir können, ist noch alles drin. Wenn nicht, so wie am Dienstag in der ersten Halbzeit, sieht es ganz schnell anders aus. Im Endeffekt liegt es nur an uns.

Und dann im Finale Dortmund-Fan sein, damit der siebte Platz reicht?

Herrmann Stimmt eigentlich. Direkt nach dem Aus gegen Frankfurt habe ich mir überlegt, ob ich mir das Spiel antue. Noch ist es viel hätte, wäre, wenn. Aber ich werde es schon live gucken, denke ich.

Ist Gladbach trotz der vielen Verletzten noch gut genug?

Herrmann Auf jeden Fall. Sicherlich fehlen uns einige Spieler, die uns weiterhelfen könnten. Raffael ist halt ein Weltklasse-Fußballer, Kramer macht immer seine Meter im Mittelfeld, nur als Beispiel. Aber trotzdem sind wir in der Breite extrem gut besetzt. Das haben wir in den Englischen Wochen auch gezeigt. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir noch genügend Qualität auf den Platz bringen.

Wie sieht es bei Ihnen körperlich aus? Sie sind mal zwei Monate am Stück gesund geblieben. Fehlt trotzdem noch etwas der Rhythmus?

Herrmann Vor der Länderspielpause im März habe ich viele Spiele gemacht. Wenn ich an das Heimspiel gegen die Bayern denke - da war ich einfach platt. Wenn man anderthalb Jahre kaum Fußball gespielt hat und es dann von null auf 100 geht, nimmt einen das körperlich schon mit, auch wenn man das erst nicht wahrhaben will. Die Länderspielpause hat gutgetan, um Kräfte zu schöpfen. Jetzt bin ich voll da und körperlich fit, da mache ich mir überhaupt keine Gedanken.

Ist Mainz wieder mal ein Endspiel?

Herrmann Davon hatten wir in der Rückrunde schon viele. Da galten einige, die wir gewonnen haben, als richtungsweisend. Das sollte uns Mut machen. Auch gegen Frankfurt haben wir ab der zweiten Halbzeit den besseren Fußball gespielt, nur leider ohne Tor. Und selbst wenn wir gegen Mainz unentschieden spielen oder verlieren, ist es noch nicht vorbei, weil es so eng ist in der Liga.

Vor dem BVB-Spiel haben wir eine Umfrage unter Fans gemacht. Die trauten Ihnen im Schnitt noch zwölf Punkte aus fünf Spielen zu. Dafür müssten Sie nun alles gewinnen.

Herrmann Erst mal ist es doch schön, dass uns die Fans das zutrauen. Das tue ich ja auch, nur müssen wir das eben auf dem Platz unter Beweis stellen.

Die Bundesliga ist ungemein eng. Hat sich das in den vergangenen Jahren noch einmal verstärkt?

Herrmann Es ist schon extrem, wie es im Abstiegskampf oder im Kampf um die Europa League aussieht. Das hatten wir in dieser Form, glaube ich, noch nicht. Deshalb bringt es auch nichts, irgendetwas durchzurechnen, wer gegen wen gewinnt. Am Ende kommt es sowieso anders.

Vergangene Saison hat Borussia zehn Punkte aus den letzten vier Spielen geholt. Hat die Mannschaft eine solche Ausbeute diesmal auch noch im Köcher?

Herrmann Man muss sich nur mal anschauen, wie viel wir laufen, obwohl wir die meisten Spiele gemacht haben. Das zeigt, dass wir fit sind. Der Einsatz stimmt auch, wir müssen nur die Tore machen.

Dieter Hecking hat am Dienstag gesagt, dass es bis zum Strafraum gut war, dann aber das Etwas fehlte, um auch gefährlich in den Strafraum zu kommen. Woran liegt das?

Herrmann Wir brauchen Spieler in der ,Box', wie man heute immer sagt. Wenn der eine zum Beispiel von links den Ball rein drischt, dann muss der Flügelspieler von rechts kreuzen, dazu ein Stürmer, der vorne drin ist. Mit nur einem Mann gegen vier Abwehrspieler ist es schwierig, den zu finden. Mit drei, vier ist die Wahrscheinlichkeit höher. Man muss sich nur Jonas Hofmanns Tor anschauen: André Hahn verlängert die Flanke von links, er läuft von rechts ein. Von solchen Situationen müssen wir mehr kreieren.

Sie haben 196 Bundesligaspiele und könnten die 200 diese Saison noch schaffen - als erster Borusse in diesem Jahrtausend. Was bedeutet Ihnen das?

Herrmann Mega viel, das hätte ich auch nicht gedacht, als ich mit 17 hier angefangen habe. Ich kenne den Verein, die Fans, einfach alles, und weiß das auch zu schätzen, in so einem Klub mit so viel Tradition zu spielen. Viele Ältere erzählen mir vom Bökelberg, da muss ich dann immer sagen, dass ich das leider nicht miterlebt habe. Aber es ist schön, an der Neuzeit mitzuwirken. Als ich gekommen bin, war Gladbach gerade aufgestiegen. Dass wir mal Champions League spielen sollten, war nicht abzusehen. Wer das prophezeit hätte, dem hätte man einen Vogel gezeigt. Deshalb macht es einen auch stolz, diesen Weg mitgegangen zu sein.

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Quelle: RP
 
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