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Gomez vor Comeback in der Nationalmannschaft
Neue Zuneigung für den Ungeliebten

Mario Gomez: Neue Zuneigung für den Ungeliebten
Mario Gomez FOTO: afp, CS/agz
Düsseldorf. Mario Gomez tastete sich erst langsam wieder heran, hielt sich auffallend zurück. Wirkte bei seinem Comeback auf der DFB-Bühne nach mehr als einem Jahr zufrieden mit sich, aufgeräumt. Keine Unsicherheit, eher Schüchternheit, dabei aber auch ein bisschen befreit von einer Last. Ohne Druck vor seinem ersten Einsatz am Freitag in Paris gegen EM-Gastgeber Frankreich (ab 21 Uhr/Live-Ticker) nach exakt 436 Tagen. Von Andreas Reiners

Das war mal anders. Gomez hat viel nachgedacht, reflektiert in den vergangenen Jahren, die für ihn nicht einfach waren. Er habe sich und seine Position in der Vergangenheit "nicht richtig wertgeschätzt" gefühlt, gab er einen Einblick in seine Gefühlswelt.

In der Tat herrscht bei ihm traditionell eine Diskrepanz zwischen seiner Ausbeute und der öffentlichen Wahrnehmung. 87 Tore in 156 Spielen schoss er für den VfB Stuttgart, 113 in 174 für den FC Bayern und immerhin 25 für die Nationalmannschaft in 60 Länderspielen. Eine starke Quote für einen Stürmer. Respekt? Den gab es durchaus. Aber echte Fanliebe, tiefe Zuneigung? Auf die wartet Gomez bis heute.

Sucht man nach einem Ursprung, einem Auslöser, erinnert man sich schnell an die EM 2008. Vorrundenspiel gegen Österreich. Fünf Meter vor dem Tor stolpert Gomez den Ball in bester Slapstick-Manier über das Gehäuse. Seitdem ist irgendwie der Wurm drin im schwierigen Verhältnis zwischen den deutschen Fans und dem 30-Jährigen.

Fotos: Alle 24 Nationalspieler beim Abschlusstraining in Paris FOTO: afp, FF/QL

Sprüche wie von ARD-Experte Mehmet Scholl bei der EM 2012 ("Hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss") tun ihr Übriges zur Stimmungsmache. Damals, beim 2:1 im EM-Gruppenspiel gegen Holland, traf er letztmals für die DFB-Elf.

Vielleicht ist es aber auch das Auftreten des Ex-Münchners. Sensibel sei er, charakterisieren ihn seine Fürsprecher. Als arrogant kritisieren ihn seine Gegner, für die auch gerne die Frisur Stein des Anstoßes ist. Fakt ist, dass Gomez polarisiert. Warum, weiß eigentlich keiner so genau. Seine Ausstrahlung sorgt offenbar für Reizpunkte. Eine Aura als Angriffspunkt.

Überblick: Joachim Löws EM-Kader FOTO: dpa, woi lof

Trifft er, darf er höchstens auf Milde hoffen. Trifft er nicht, ist es vorbei mit der Zurückhaltung, reflexartig schießen sich die Kritiker auf ihn ein. Warum er bei seinem letzten Einsatz im September 2014 in Düsseldorf gegen Argentinien beim 2:4 nach einer kollektiv bescheidenen Leistung so ziemlich als Einziger ausgepfiffen wurde? Das konnte Gomez schon damals nicht wirklich erklären.

Vielleicht ist es auch seine Art, Fußball zu spielen. Gomez ist kein so offensichtlicher Kämpfer wie zum Beispiel Miroslav Klose, der sich für die Mannschaft stets aufrieb. Gomez ist kein filigraner Techniker wie Marco Reus. Und auch kein liebenswert-chaotischer Knipser wie Thomas Müller.

In den vergangenen beiden Jahren in Florenz war er nicht einmal mehr ein Knipser. In dieser Zeit hat er Demut gelernt. "Die letzten beiden Jahre waren tatsächlich nicht schön. Ich hatte nicht mehr viel Spaß an den Spielen, weil ich keine Fitness hatte", sagte er.

In Istanbul zurück zu alter Stärke

Beides hat er in der Türkei zurückgewonnen. In bislang zwölf Pflichtspiel-Einsätzen hat er für Besiktas Istanbul neunmal getroffen. Die für die Türkei so typische leicht überbordende Zuneigung in erfolgreichen Zeiten tut ihm gut. Auch wenn er die natürlich einzuschätzen weiß. "Ich bin wieder im Rhythmus, ich habe Power, es war die richtige Entscheidung."

Eine richtige Entscheidung zur richtigen Zeit. Bundestrainer Joachim Löw befand seine Offensive zuletzt für nicht mehr tödlich genug. Und erinnerte sich an Gomez. "Er ist ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann", sagte Löw.

Auch das war mal anders. Denn Löw hatte eigentlich keine Verwendung mehr für den Typen klassischer Mittelstürmer. Gomez' Spielstil galt als überholt, zu antiquiert für das Spiel der Nationalmannschaft in Zeiten der falschen Neuner, der spiel- und laufstarken Stürmer.

Gomez kann das Gerede von falscher und echter Neun wahrscheinlich sowieso nicht mehr hören. Manchmal brauche man einfach den Killerinstinkt vor dem Tor, sagte er nun. Einen, der das Ding reinmacht. Einen wie ihn.

Auch wenn er seine Rolle einschätzen kann. Klar: Innerlich brennt er auf das Fernziel EM 2014. Sein Selbstbewusstsein und seine Lockerheit zeigt er aber größtenteils auf dem Platz. Dort, wo es für einen Stürmer auch hingehört. Trotzdem tastet er sich langsam wieder heran. "Das ist wieder ein Anfang nach den schwierigen Jahren. Als mehr sehe ich das nicht."

(are)
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