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Bogotá
Blutkohle aus Kolumbien

Bogotá. In Kolumbien wird Steinkohle zum Teil unter menschenverachtenden Bedingungen gefördert. Dennoch beziehen NRW-Konzerne wie Eon, RWE und Thyssenkrupp bis zu einem Drittel ihrer Kohle von dort. Von Kirsten Bialdiga

Der Mann auf dem Podium hält ein dickes Buch mit bunten Fotos hoch. Er schlägt eine Seite auf und deutet mit dem Finger auf ein Bild: "Das ist ein Hafen - sieht der vielleicht anders aus als bei Ihnen in Deutschland?" Große Anstrengungen hätten die Unternehmer in Kolumbien gemacht, um die Standards zu verbessern, versichert der Sprecher des Bergbauverbandes.

Große Anstrengungen? Für die anwesenden Menschenrechtsaktivisten und Gewerkschafter muss es wie Hohn klingen, was der Lobbyist da verbreitet. Sie hatten zuvor geschildert, wie selbstverständlich sich Kolumbiens Bergbaukonzerne aus ihrer Sicht noch immer über Menschenrechte und Umweltstandards hinwegsetzen. Vier Flüsse seien umgeleitet worden, um sie in die Nähe der Kohlegruben zu bringen. Das Nachsehen hätten die indigenen Völker, die auf diese Flüsse angewiesen sind. Ihre Lebensgrundlagen würden damit zerstört.

Schwere Öko-Schäden, Vertreibungen, Enteignungen infolge des Kohlebergbaus - die Vorwürfe reißen nicht ab. Und sie treffen nicht nur kolumbianische Bergbaukonzerne wie Drummond oder Correjon, sondern indirekt eben auch die Abnehmer der Kohle - also große nordrhein-westfälische Unternehmen wie Eon, RWE, die Steag oder Thyssenkrupp.

Bis zu einem Drittel ihrer Kohlelieferungen beziehen diese NRW-Unternehmen aus Kolumbien, und der Brisanz sind sie sich durchaus bewusst. In ihren eigenen Regeln zur guten Unternehmensführung (Compliance) haben sie eigentlich ganz genau festgelegt, wie sie mit Lieferanten umgehen wollen, die in Verdacht stehen, gegen soziale oder Öko-Standards zu verstoßen. Und doch gehen die Unternehmen in der Praxis sehr unterschiedlich mit dem Thema um.

Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag etwa braucht jedes Jahr vier Millionen Tonnen Kohle aus Kolumbien. "Wir wollen uns vor Ort davon überzeugen, ob die Menschenrechte eingehalten werden", sagte Steag-Vorstand Wolfgang Cieslik in Kolumbien. Der eigene Compliance-Beauftragte besuche die Minen, um zu prüfen, ob sie weltweiten Standards genügen. "Für uns ist das ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Auswahl eines Lieferanten", versicherte der Steag-Manager. Allerdings gestatte längst nicht jedes Unternehmen den Zutritt: "Die Einhaltung der sozialen Standards verursacht uns Stress - die technischen Standards sind nicht das Problem."

Auch die deutschen Energieversorger machen sich ein eigenes Bild: "Die Standards werden vor Ort an den Kohleminen unter Einbeziehung unabhängiger Experten-Organisationen überprüft", hieß es bei Eon auf Anfrage. Und RWE teilte mit, zuletzt im November 2014 in Kolumbien gewesen zu sein. Beide unterstützen die Better-Coal-Initiative, die sich zum Ziel setzt, die sozialen, ethischen und Umweltstandards im Kohlebergbau weitweit zu verbessern. Doch aus Sicht von Umweltaktivisten wie Urgewald bringt das bisher nicht viel: "Seit zwei Jahren konfrontieren wir RWE mit den Problemen der Importkohle. Die einzige Antwort des Unternehmens ist der Verweis auf ihre 'Better Coal'-Initiative", sagte Katrin Ganswindt von Urgewald noch auf der jüngsten RWE-Hauptversammlung. Vor Ort jedoch blieben die Probleme die gleichen.

Bei Thyssenkrupp in Südamerika machen sie es sich ein wenig leichter - obwohl in der Essener Konzernzentrale sehr viel Wert auf gute Compliance gelegt wird. "Wir kaufen viel Kohle ein, können aber die Wertschöpfungskette nicht so nachverfolgen wie die Steag", bekennt Thyssenkrupp-Lateinamerika-Chef Michael Höllermann. Er möchte sich auf unabhängige Zertifizierungen verlassen können.

Doch daran hapert es offenbar. Immer noch kontrollierten sich die Bergbaukonzerne mitunter selbst, monieren Gewerkschafter. 700 Beschäftigte seien erkrankt und warteten noch immer darauf, dass dies als Berufskrankheit anerkannt wird. Die Bergbaukonzerne Drummond und Correjon weisen die Vorwürfe zurück: "Auch hier in Kolumbien kann nicht jedes Unternehmen machen, was es will", hieß es dort. Viele der Gruben würden zudem von bewaffneten Truppen kontrolliert. Der eigene Einfluss sei daher begrenzt. Angesichts dieser Haltung haben die Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien keine große Hoffnung, dass sich an der Lage in den Bergwerken schnell etwas ändert. Fürs Erste fordern sie nur, dass den Geschädigten des Kohlebergbaus endlich einmal Gehör geschenkt wird: "Die Opfer haben noch nie ihre Stimme erheben dürfen."

Quelle: RP
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