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Komplizierte Tarifrunden
Das große Ringen

Dortmund. Die IG Metall will eine vorübergehende Reduzierung der Arbeitszeit auf 28 Stunden durchsetzen. Einige Berufsgruppen sollen trotzdem weiter bezahlt werden. Die Arbeitgeber kontern mit einer Forderung nach mehr Arbeitszeit. Von Maximilian Plück

Es ist der Auftakt für eine der kompliziertesten Tarifrunden der vergangenen Jahre. Im Dortmunder Signal Iduna Park sind am Donnerstag Vertreter der IG Metall und die Arbeitgeber zum ersten direkten Schlagabtausch zusammengetroffen. Es geht um die Löhne und Arbeitsbedingungen in der Metall- und Elektroindustrie - deutschlandweit die Branche mit der höchsten Zahl an Beschäftigten. Rund 700.000 sind es allein in Nordrhein-Westfalen.

Ginge es nur um eine reine Anhebung der Gehälter, man wäre schnell durch. Die konjunkturelle Lage ist seit Langem gut, die Auslastung hoch, wenig Grund für Klagen also. Die Gewerkschaft verlangt sechs Prozent mehr Lohn, verglichen mit der berühmten Klunckerrunde von 1974, in der der aus Wuppertal stammende Gewerkschaftschef Heinz Kluncker elf Prozent mehr Gehalt im öffentlichen Dienst gefordert hatte, also alles noch einigermaßen im Rahmen. Allerdings gibt es eine Besonderheit bei der diesjährigen Tarifauseinandersetzung: Die IG Metall hat nach Jahren der Ruhe das Thema Arbeitszeit wieder in den Mittelpunkt gerückt. Beschäftigte sollen ohne Angaben von Gründen für zwei Jahre ihre Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden in der Woche reduzieren können. Für bestimmte Berufsgruppen soll es zudem einen noch näher zu definierenden Lohnausgleich geben. Profitieren sollen davon Beschäftigte mit besonders belastenden Arbeitszeitmodellen - also Schichtarbeiter und all jene, die Sonn- und Feiertagsarbeit machen müssen. Auch Eltern kleiner Kinder und Beschäftigte, die einen angehörigen pflegen müssen, sollen ihr Arbeitspensum zurückfahren dürfen und zugleich einen Lohnausgleich erhalten.

Generalstabmäßig hatte die IG Metall das Thema eingeflogen. Schon seit Jahren wird außerhalb der Tarifverhandlungen in Arbeitsgruppen mit den Arbeitgebern darüber diskutiert, wie die Arbeitszeitgestaltung der Zukunft aussehen könnte. Einen ersten Testballon hatte die Gewerkschaft in der vergangenen Tarifauseinandersetzung gestartet, als sie eine Bildungsteilzeit durchsetzte, die allerdings dem Vernehmen nach von den Beschäftigten nicht in großem Stil nachgefragt wird. Das dürfte bei einer Durchsetzung der aktuellen Forderung anders aussehen. Die IG Metall hatte sich bei einer groß angelegten Beschäftigtenbefragung den Rückhalt geholt. Mit teils recht suggestiven Fragen hatte sie sich ein Mandat für die Durchsetzung einer Arbeitszeitverkürzung geholt.

Knut Giesler sagte bei der Kundgebung vor dem Westfalen-Stadion: "Die Metall- und Elektroindustrie steht so gut da wie nie." Sechs Prozent mehr Geld sei eine gute Forderung. Er kritisierte das "Bullshit-Bingo der Arbeitgeber". Die Kritik, die Forderung überlaste die Arbeitgeber, ließ Giesler nicht gelten. "Sie sollten konstruktive Vorschläge machen und nicht immer nur jammern." Zudem verteidigte er die Forderung nach einer Absenkung der Wochenstunden. "Die Arbeitszeiten müssen zum Leben passen und das Leben sollte sich nicht immer den Arbeitszeiten unterordnen."

Diese Forderung treibt den Arbeitgebern die Zornesröte ins Gesicht. Wie weit man in der Sache auseinander liegt, konnten Außenstehende anhand der verschiedenen Einlassungen der vergangenen Wochen entnehmen.

Die Arbeitgeber halten der Gewerkschaft regelmäßig entgegen, es gebe weit wichtigere Probleme als die Frage, wer nun wie häufig zur Arbeit erscheint. Gemeint ist die Digitalisierung, die die gesamte Branche in helle Aufregung versetzt. Spätestens seit zwei Wissenschaftler aus Oxford in einer viel beachteten Studie vorgerechnet haben, wie viele Arbeitsplätze wegen des Vormarsches von vernetzten Fabriken, stärkerem Robotereinsatz - kurzum: der voranschreitenden Digitalisierung - wegfallen, ist aus einem vagen Unsicherheitsgefühl existenzielle Sorge geworden.

Die Arbeitgeber argumentieren, dass sie die Belegschaft fit machen müssen für die veränderte Arbeitswelt. Das betrifft nicht nur ältere und an- und ungelernte Beschäftigte - auch wenn diese überproportional betroffen sein werden. Inzwischen sind viele Experten der Auffassung, dass auch Aufgaben von Fachkräften sich einsparen lassen. Deshalb muss darüber gesprochen werden, wie die Belegschaft fit für die neue digitale Welt gemacht werden soll. Die Arbeitgeber hätten deshalb viel lieber über Bildung gesprochen als über kürzere Arbeitszeiten.

Dass Gesamtmetall der IG Metall nicht kampflos das Feld überlassen will, wurde bereits am Mittwoch deutlich: Die Arbeitgeberverbände in Niedersachsen, Berlin-Brandenburg und Hamburg konfrontierten die Gewerkschaft mit abgestimmten Forderungen nach höheren Arbeitszeiten, weniger Überstundenzuschlägen und längerer Befristung. "Die Unternehmen brauchen die Möglichkeit, individuell mit jedem Arbeitnehmer eine längere Arbeitszeit zu vereinbaren", erklärte Stefan Moschko, Verhandlungsführer des Verbandes von Berlin-Brandenburg. Die IG Metall gefährde mit ihrer Forderung nach einer Entgelterhöhung um sechs Prozent und einem Recht einzelner auf Arbeitszeitverkürzung die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen. "Sowohl beim Lohn als auch bei der Arbeitszeit hat die Gewerkschaft den Kompass verloren", kritisierte Moschko. Auch die NRW-Arbeitgeber wollten sich der der Forderung anschließen.

Die Verhandlungsführer der Gegenseite reagierten entrüstet. So nannte der Chef des IG-Metall-Bezirks Küste die Gegenforderungen eine Provokation. "Die Arbeitgeber stellen auf stur und verschließen sich", erklärte Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger in Hannover.

Quelle: RP
 
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