| 10.20 Uhr

App "what3words"
Die ganze Welt in drei Worten

App "what3words": Die ganze Welt in drei Worten
Statt umständlicher Umschreibung oder ungenauer Postadresse: Die Lage des Haupteingangs des Landtags ist "nebenan.dusche.phänomenal". Eines von 57 Billionen Quadraten mit drei Metern Kantenlänge beschreibt jeden Ort der Welt. Die Wortfolgen sind willkürlich, aber auf Dauer festgelegt. So exakt wie GPS-Koordinaten und viel leichter zu merken. FOTO: Screenshot what3words.com
Düsseldorf. Dank der App "what3words" ist erstmals jedes Fleckchen Erde präzise, aber einfach benennbar. Das erleichtert Treffen auf Liegewiesen – und hilft Milliarden Menschen, die bislang mangels Postadresse offiziell kaum existieren. Von Tobias Jochheim

Eine Adresse macht nicht bloß ein Stück Erdoberfläche zu einem Ort. Sie ist auch das Stück Identität, das einen Menschen zum Bürger macht.

Bis zu vier Milliarden Menschen in aller Welt sind nicht zuverlässig postalisch zu erreichen – und damit unsichtbar für Unternehmen, Behörden, Entwicklungshelfer und Ärzte. Die Einrichtung eines Adresssystems sei "der erste Schritt auf dem Weg dazu, dass sie ihre Bürgerrechte wahrnehmen könnten", betonen die Vereinten Nationen. Das Bonmot, nach dem nicht existiere, wer keine Adresse hat, hat einen wahren Kern: Ohne dieses Stück Identität kann man in der Regel kein Konto eröffnen, nicht wählen, keine Firma gründen, keiner Gewerkschaft beitreten, sich nicht an einer Universität einschreiben oder auch nur eine Schule besuchen.

Ein Adresssystem ist ein in weiten Teilen der Welt sträflich ignoriertes Stück Infrastruktur, das bares Geld wert ist. Sein Fehlen kostete laut der Weltbank selbst das winzige Costa Rica (5 Millionen Einwohner) mehr als 700 Millionen Dollar – Jahr für Jahr. Denn allgemeinverständliche Adressen erleichtern Kommunikation und Handel und reduzieren Zeitverzug, Frust sowie die Zahl unfreiwilliger Postrücksendungen. Außerdem sind sie eine Grundvoraussetzung für Tourismus – das beste Essen und die spektakulärsten Aussichtspunkte sind irrelevant, wenn niemand den Weg dorthin findet.

Drei mal drei Meter groß ist die Fläche, die durch jede Drei-Wort-Adresse beschrieben wird. Groß genug für jede Hütte – und einzelne Eingänge oder Briefkästen größerer Häuser. FOTO: what3words

Es ist also keine Nerd-Spielerei, dass das britische Start-Up "what3words" jedem Ort der Erde eine neue "Adresse" aus drei einmalig zufällig kombinierten Worten verpasst hat (Karte zum Selbst-Erkunden: map.what3words.com). Die ersten Kurierdienste und Hilfsorganisationen arbeiten bereits damit, auch die Staatspost der weitestgehend straßennamenlosen Mongolei setzt ab sofort hochoffiziell auf die App. Von der simplen Idee profitieren könnte aber fast jeder Erdenbürger.

Wer tauscht schon GPS-Koordinaten aus?

Auch hierzulande kann schließlich das Zueinanderfinden kompliziert werden, selbst wenn keine Menschenmassen das gegenseitige Erkennen auf den letzten Metern erschweren. Viele Orte sind schlicht zu groß – und nicht alle so gut unterteilt und beschildert wie Flughäfen oder Fußballstadien: Schon mal versucht, sich im Rheinpark zu verabreden, der sich kilometerweit durchs rechtsrheinische Düsseldorf zieht? Oder verspätet eintreffende Freunde zum eigenen Handtuch auf der Liegewiese im Freibad zu lotsen? Oder Partygäste in die Grillhütte im Wald?

Ähnliche Adressen sind so weit wie möglich über den Globus verteilt, zwecks Vermeidung von Eingabefehlern. FOTO: what3words

Da stößt Sprache schnell an ihre Grenzen – aber der Austausch von GPS-Koordinaten ist einem dann doch zu umständlich. Denn es ist ja nicht so, als ob es an Möglichkeiten mangeln würde, Orte eindeutig zu beschreiben: Diverse virtuelle Gitternetze überziehen unseren Planeten. Mit deren Hilfe kann man sich metergenau verabreden – sobald man sich geeinigt hat, mithilfe welches Systems: Zur Auswahl stehen dafür neben GPS etwa der Open Location Code, UTM und QDGC, WMO squares, C-squares und Marsden squares, Georef und Geohash-36 sowie der Natural Area Code, mit dem sich sogar dreideimensionale Räume beschreiben lassen.

Das Problem: Mit den so entstehenden Ketten aus Zahlen sowie teils auch Groß- und Kleinbuchstaben können nur Computer umgehen. Für Menschen sind sie denkbar ungeeignet: zu abstrakt, zu fehleranfällig und nahezu unmöglich zu merken.

Anders als gewohnt nummeriert man in Ruanda, Japan – und Mannheim

Die Genauigkeit dieser Codes mit der Einfachheit von Worten verbindet nun "what3words". Dessen Gründer Chris Sheldrick war in seinem alten Leben im Musikgeschäft wiederholt daran gescheitert, Instrumente an die richtigen Türen von Konzerthallen liefern zu lassen. Oder auch nur an die richtigen Hallen. Oder wenigstens in die richtige Stadt. Denn was der eine für eine 716 hält, interpretiert der nächste als 710 und ein anderer als 71b. Das passiert, wenn man brav den S42-Standard der Universal Postal Union nutzt, das uns in Fleisch und Blut übergegangene System aus Vor- und Nachnamen, Straße und Hausnummer (die es erst seit dem späten 19. Jahrhundert gibt), Ort, Ortsteil und Postleitzahl. So macht es die halbe Welt. Aber eben nur die halbe.

Und selbst in dieser, "unserer" Hälfte der Welt gibt es Besonderheiten: Viele Berliner Straßen etwa sind nicht im "Zickzack" nummeriert, gerade Nummern hier, ungerade gegenüber, sondern per "Hufeisen" – fortlaufend bis zum Ende der Straße und von dort zurück. In Mannheim werden Straßenblocks nummeriert, und zwar teils mit, teils gegen den Uhrzeigersinn. In Venedig und Teilen Japans hängt die Hausnummer vom Alter des Gebäudes ab. In vielen ländlichen Gebieten Indiens und Afrikas gleichen Adressen eher Wegbeschreibungen, in Ruanda beispielsweise wird die Position eines Hauses relativ zu Bergen und Hügeln sowie Bauwerken wie Schulen oder Brücken beschrieben. Auf dem Land klappt das meist, weil die lokalen Postboten sich auskennen.

Wer aber in wildgewachsenen städtischen Siedlungen wie Slums, Favelas oder auch Flüchtlingslagern lebt, leidet unter seiner Nicht-Erreichbarkeit. Und das ist nicht jeder hundertste Stadtbewohenr weltweit, sondern jeder Zweite.

Deshalb hat auch "what3words"-Gründer Sheldrick ein Gitternetz erdacht, es besteht aus 57 Billionen Quadraten mit einer Kantenlänge von drei Metern. Der Clou: Die unverwechselbare "Adresse" jedes einzelnen besteht aus drei Worten, etwa "bezahlen.kartoffel.kobold" (auf der Kölner Domplatte) oder "schlafen.davor.biss" (vor dem Reichstag). Benötigt werden dazu bloß 40.000 englische Vokabeln – auf Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch, Portugiesisch, Schwedisch, Türkisch und Suaheli reichen sogar jeweils 25.000, weil in diesen Sprachen nur alle Landflächen der Erde adressiert sind.

Ähnlich klingende Orte liegen weit weg – absichtlich, damit man Fehler bemerkt

Die Drei-Wort-Adressen sind von den Entwicklern per Zufallsgenerator vergeben und fix – zumindest im Englischen. Die deutsche Version ist noch im Beta-Stadium, also in der Testversion. Dass der Haupteingang des Landtags in Düsseldorf als "nebenan.dusche.phänomenal" eingetragen ist, dürfte sich trotzdem nicht mehr ändern. Nur bei eindeutig unglücklichen Kombinationen von Wort und Ort bessern die Entwickler nach, Schimpfwörter sind ohnehin nicht dabei. Der Algorithmus berücksichtigt die Länge, Häufigkeit und Unverwechselbarkeit der Wörter, dazu den Schwierigkeitsgrad von Schreibung und Aussprache. Dichter besiedelte Gegenden bekommen griffigere Namen, ein Uferstück des Lake Louise in Kanada firmiert hingegen unter "enormer.hautflügler.basismodelle".

Gewöhnungsbedürftig: Nebeneinander liegende Orte haben keine ähnlich klingenden Adressen – absichtlich. Das soll Nutzern helfen, Eingabefehler sofort selbst zu bemerken.

"Wenn ich ein Zelt in einem Flüchtlingslager in Syrien suche und meine Eingabe mich nach Argentinien führt, merke ich sofort, dass ein Fehler vorliegen muss", sagt Malumbo Chipofya (35), Geoinformatik-Doktorand an der Universität Münster, der zu Karten- und Adresssystemen forscht. Die Idee sei überfällig gewesen: "Die Drei-Wort-Adressen kann man sich sehr viel leichter merken als umständliche Umschreibungen oder gar GPS-Koordinaten." Deshalb stünden die Chancen gut, dass es sich durchsetze, ob nun parallel zu einem bestehenden Adresssystem oder in Gegenden, wo man sich bisher durchfragen musste.

Ein Test ergibt noch während der Eingabe von "nebenan.dusche.phänomenal", dass das funktioniert: "nebenan.duschst.phänomenal" liegt im bolivianischen Urwald, "nebenan.duschen.phänomenal" im niedersächsischen Niemandsland, andere ähnliche Varianten verweisen nach Mexiko, Namibia und South Dakota. Wer die Drei-Wort-Adresse eines bestimmten Büros im Landtag also einmal gehört hat, dürfte es also auch wiederfinden. Und dasselbe gilt für jeden Baum, jeden Hügel, jeden Stein auf dieser Welt.

Je mehr man sich darauf einlässt, desto offensichtlicher werden die Vorteile des Systems. Ein deutscher Nutzer im App-Store kommentiert, das System sei "genial": Mehrere Minuten habe er erst kürzlich gebraucht, um der Feuerwehr den Ort eines Brands zu melden. "Dabei reichen drei Worte aus, um den Ort exakt zu beschreiben!"

Zugriff auf "what3words" gibt es per Browser – oder, nach einmaligem Download der rund 10 Megabyte großen App, auch ohne Internetverbindung, GPS-Empfang reicht. Um seine Drei-Wort-Adresse anderen mitzuteilen, sind SMS, WhatsApp, Facebook oder E-Mail dann natürlich wieder von Vorteil – aber es ginge auch mündlich, per Brieftaube oder per Zweig in den Sand gemalt. Weil man sich keine Koordinaten merken muss, keine Postleitzahl, noch nicht einmal eine Hausnummer.

So kann man wie der verliebte Protagonist des Kettcar-Songs "Nacht" die Welt in drei Worten erklären.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

App "what3words": Die ganze Welt in drei Worten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.