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Serie: Mein Geld
Wozu wir noch Bargeld brauchen

Wozu wir noch Bargeld brauchen
Auch in Deutschland gibt es Bestrebungen, Scheinen und Münzen den Garaus zu machen. (Symbolfoto) FOTO: dpa
Düsseldorf. Schweden spenden für die Kirchenkollekte mit dem Smartphone. Der deutsche Finanzminister will eine Obergrenze für Barzahlungen einführen. Doch die Deutschen halten am Bargeld fest. Wieso? Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu. Von Antje Höning

In Schweden hat die Zukunft schon begonnen. Bargeld spielt hier kaum noch eine Rolle. Nur jeden fünften Einkauf bezahlen die Schweden noch mit Scheinen und Münzen. Selbst Kleinbeträge für Busfahrscheine oder Kaffee werden per Karte und "Mobile Payment" (Zahlen per Smartphone) entrichtet. Im Dom von Uppsala steht schon seit Jahren ein "Kollektomat", bei dem Kirchgänger per Karte spenden können.

Am Monitor können sie bei Bedarf auch gleich die Zweckbindung (etwa Jugendarbeit oder Entwicklungshilfe) mit angeben. Selbst die Verkäufer der Obdachlosenzeitung in Stockholm kommen ohne Bargeld aus: Sie haben sich mobile Kartenlesegeräte angeschafft, wie Ulrike Neyer, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Düsseldorf, berichtet.

Was spricht für bargeldloses Bezahlen?

Es gibt einige Argumente dafür: Für Taschendiebe gibt es nichts mehr zu holen. Die Verbraucher sind auch bei überraschenden Ausgaben "flüssig". Banken müssen keine aufwendige, teure Bargeld-Logistik betreiben. Und vor allem: Schwarzarbeit und Geldwäsche werden erschwert, da bargeldloses Zahlen Spuren hinterlässt. Deshalb gibt es auch in Deutschland Bestrebungen, Scheinen und Münzen den Garaus zu machen.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordert, das Bargeld abzuschaffen, um die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen auszutrocknen. Erst gestern legte die Universität Linz ihren Schwarzarbeit-Report vor: Danach erwirtschaftet die deutsche Schattenwirtschaft aktuell Leistungen im Wert von 330 Milliarden Euro, was einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 10,4 Prozent entspricht.

Was ist in Deutschland geplant?

Die Europäische Zentralbank will Ende 2018 die Ausgabe von 500-Euro-Scheinen einstellen, um es Geldwäschern schwerer zu machen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) würde gerne eine Obergrenze für Barzahlungen einführen. Danach sollen Barzahlungen nur für Beträge bis zu 5000 Euro erlaubt sein. In Frankreich liegt diese Grenze sogar nur bei 1000 Euro. Den Gebrauchtwagen kann man dort kaum noch schwarz kaufen.

Welche Rolle spielt bargeldloses Zahlen in Deutschland?

"Drei Viertel aller Transaktionen an Kassen oder Automaten werden bar bezahlt, vom Umsatz her sind das ungefähr die Hälfte aller Geschäfte", sagt Martin Renker, Chef des Bankenverbands NRW und Chef der Deutschen Bank Nordwest. Obwohl inzwischen fast jeder Bürger eine Girocard besitze, wachse der Marktanteil an Kartenzahlungen gerade mal um ein Prozent pro Jahr. Binnen zehn Jahren habe sich der Umlauf der Euro-Banknoten sogar auf 1000 Milliarden verdoppelt.

Was spricht gegen Bargeld-Obergrenzen?

"Der Staat würde damit seine Bürger beschränken, sich die Zahlungsweise auszusuchen. Bargeld ist da auch Freiheit. Ich finde, das ist fast eine Art Grundwert unserer Marktwirtschaft", sagt Renker.

Auch Neyer betont: "Jeder sollte so zahlen können, wie es seinen Präferenzen entspricht." Zudem gebe es verfassungsrechtliche Bedenken. Bei gesetzlichen Begrenzungen von Bargeldzahlungen handelt es sich um einen Eingriff in das Grundrecht der Vertragsfreiheit. Solche Eingriffe seien nur zu rechtfertigen, wenn sie dem Wohle der Allgemeinheit dienten und verhältnismäßig seien.

Wozu brauchen wir Bargeld?

"Bargeld ist gelebter Datenschutz", sagt Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, unserer Redaktion. "Unbares Zahlen hinterlässt Datenspuren, die kommerziell genutzt und zur Erstellung eines Verbraucherprofils verwendet werden können. Diese Daten können von Dritten illegal 'abgefischt' werden."

Ein weiterer Pluspunkt: "Bargeld schafft Transparenz in der Haushaltskasse. Wir wissen, dass mobiles Bezahlen manchen Verbrauchern Schwierigkeiten bereitet, ordentlich zu haushalten, wenn das Bezahlen per Klick so einfach ist. Die scheinbar ständige Verfügbarkeit unbarer Zahlungsmittel kann verführen und den Einstieg in die Verschuldung befördern."

Und der oberste deutsche Verbraucherschützer sieht weitere Vorteile. "Bargeld schützt vor negativen Zinsen eines Bankkontos." Schon heute diskutieren Ökonomen, wie man sparsame Verbraucher durch negative Zinsen zu mehr Konsum bewegen kann. "Zentralbanken und Politik würden erheblichen Einfluss auf unsere Ersparnisse und unser Alltagsleben erhalten."

Die Wissenschaftlerin Neyer ergänzt: "Bargeld erlaubt Zug-um-Zug-Geschäfte, das heißt weder Käufer noch der Verkäufer müssen in Vorleistung treten und damit keine Angst haben, dass nach Lieferung der Ware der Käufer nicht zahlt bzw. der Verkäufer nach Zahlung die Ware nicht liefert."

Warum kommen viele Schweden trotzdem ohne Bargeld aus?

Neyer erklärt das mit den unterschiedlichen Präferenzen der Bevölkerungen. Möglicherweise sei die schwedische Bevölkerung im Schnitt technikaffiner und messe der Anonymität bei Zahlungen keinen so hohen Stellenwert bei. Müller ergänzt: "Es gibt in Skandinavien durchaus eine andere und offene Mentalität, in Schweden können ja auch Steuerunterlagen eingesehen werden." Ebenso hat die Geografie Einfluss. "Auch Rahmenbedingungen spielen hier eine Rolle, dass etwa in eher dünn besiedelten Gebieten der schnelle und komplikationslose Zugang zu Bargeld (Geldautomaten) nicht möglich ist", sagt Ökonomin Neyer.

Gibt es in zwanzig Jahren noch Bargeld in Deutschland?

Ja, meint der Verbraucherschützer. "Auch dann werden wir Kleinigkeiten am Kiosk, das Taschengeld für die Kinder und Spenden für Obdachlose immer noch bar bezahlen. Viele Menschen wollen keine digitale Rundum-Kontrolle. Bargeld ist auch Freiheit", sagt Klaus Müller.

Natürlich würden sich elektronische Zahlsysteme oder das Bezahlen mit Smartphone mehr und mehr durchsetzen, meint auch der Chef des Bankenverbands. Aber Bargeld werde bleiben. "Bereits 1000 vor Christus entstand in China Papiergeld, seit 700 vor Christus gibt es Münzen, ich wüsste nicht, warum Bargeld in 20 oder auch 50 Jahren verschwunden sein sollte", so Renker. Über 90 Prozent der Deutschen hielten nichts von der Abschaffung des Bargelds. Renker: "Nicht zuletzt: Was ginge uns ohne Bargeld alles verloren: das Geld von der Oma, die Sparschweine, die Zahnfee."

 
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