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Bundesagentur-Chef Heinrich Alt im Interview
"Zahl rumänischer Hartz-IV-Bezieher verdoppelt"

Bundesagentur-Chef Heinrich Alt im Interview: "Zahl rumänischer Hartz-IV-Bezieher verdoppelt"
FOTO: dapd, dapd
Düsseldorf. Immer mehr Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien beziehen Hartz-IV-Leistungen. Jeder dritte von ihnen hat keine Ausbildung. Entsprechend schwierig ist die Integration in den Arbeitsmarkt. Darüber sprachen wir mit Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Von Antje Höning

Bulgaren und Rumänen erhalten 2014 die volle Freizügigkeit in der EU. Doch schon jetzt arbeiten Tausende hier. Wo ziehen sie besonders gerne hin?

Alt Auswanderer gehen zunächst immer gerne dahin, wo bereits Landsleute leben. Das gilt auch für Rumänen und Bulgaren. Sie zieht es vor allem in die Großstädte – nach Berlin, München, Mannheim, Duisburg, Dortmund und Düsseldorf.

Welche Menschen kommen zu uns?

Alt In diesem Jahr erwarten wir, dass 70 000 Rumänen und Bulgaren nach Deutschland kommen. Viele sind gut qualifiziert, doch ein Drittel der Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien hat keine Berufsausbildung und kaum verwertbare Deutschkenntnisse. Entsprechend schwierig ist es für sie, eine Beschäftigung zu finden.

Wie hoch ist ihre Hartz-IV-Bezieher-Quote?

Alt Die Zahl der Hartz-Bezieher aus diesen Ländern liegt noch auf niedrigem Niveau, doch sie wächst. Gegenüber dem Jahr 2007 hat sich die Zahl der rumänischen Hartz-IV-Bezieher bis heute auf 14 700 verdoppelt. Die Zahl der bulgarischen Hartz-IV-Empfänger hat sich in der gleichen Zeit vervierfacht, auf 15 300. Wir sehen auch, in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit sind auch viele Bulgaren und Rumänen ohne Arbeit. So liegt die Arbeitslosenquote der Bulgaren in München bei sieben Prozent, in Duisburg bei 32 Prozent.

Ist es ein Fehler, dass 2014 die volle Freizügigkeit kommt?

Alt Nein. Wir wollen allen Ländern die Chance geben, aufzuholen. Dazu können Auswanderer beitragen, die sich im Ausland weiterqualifizieren oder ihre höheren Einkommen nach Hause schicken. Zudem können auch viele Branchen in Deutschland von den Zuwanderern profitieren. Gerade das Handwerk sucht dringend Mitarbeiter.

Wie viele Zuwanderer erwarten Sie 2014?

Alt Unser Forschungsinstitut IAB rechnet damit, dass im nächsten Jahr 100 000 bis 180 000 Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen. Wir müssen nun dafür sorgen, dass die Einwanderer hierzulande auf eigenen Füßen stehen können, in dem wir sie gut in den Arbeitsmarkt integrieren.

Was kann die Bundesagentur für Arbeit (BA) tun?

Alt Wir suchen Mitarbeiter, die Rumänisch und Bulgarisch sprechen und Zuwanderern in ihrer Muttersprache helfen. Wir vermitteln Sprachkurse und wir sind mit dem Arbeitsministerium derzeit im Gespräch, ob Jobcenter in Schwerpunkt-Städten ein Extra-Budget für die Förderung von Migranten erhalten. Darüber hinaus helfen wir mit Jobmessen für Migranten, wie sie am 20./21. November in Düsseldorf stattfindet.

Was bieten diese Messen den Migranten?

Alt Dort können Arbeits- und Ausbildungsplatz-Suchende unmittelbar Gespräche mit Arbeitgebern führen, die Mitarbeiter suchen. Experten aus Arbeitsagentur und Jobcenter checken die Bewerbungsmappen, informieren über freie Stellen und beantworten alle Fragen rund um den Arbeitsmarkt.

Der Arbeitsmarkt ist auch ein zentrales Thema bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin. Wird mit dem neuen Existenzgründer-Zuschuss der alte Flop "Ich AG" wieder aufgelegt?

Alt Derzeit ist die Förderung von Existenzgründern eine Ermessensleistung der BA. Nicht jeden fördern zu müssen, kann auch Fehl-Förderungen verhindern. Wenn die neue Regierung den Gründer-Zuschuss zu einer Pflichtleistung machen will, könnten auf die Bundesagentur Kosten in Höhe von über einer Milliarde Euro zukommen.

Die Koalition will auch einen Mindestlohn einführen. Was halten Sie davon?

Alt Ich schließe mich der Meinung von Experten an die sagen, dass nicht der Staat einen Lohn bestimmen sollte. Sinnvoller wäre es, wenn wie in Großbritannien eine Kommission aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Höhe festlegen oder die Leitplanken für verschiedene Branchen einziehen würde.

Die Regierung will auch für mehr Pflegekräfte sorgen. Lassen sich hierfür nicht noch viel mehr Hartz-IV-Bezieher gewinnen?

Alt Die Jobcenter schulen und vermitteln bereits intensiv Hartz-IV-Bezieher an Pflege-Einrichtungen. Klar ist, dass nicht jeder Arbeitslose für diese verantwortungsvolle Tätigkeit geeignet ist. Dafür muss man Begeisterung mitbringen. Doch die Altenheime müssen auch selbst mehr tun, um Pflegekräfte auszubilden, in Arbeit zu bringen und zu halten.

Welches Potenzial sehen Sie bei Ihren Kunden?

Alt Derzeit sehen wir ein Potenzial von 6000 Arbeitslosen, die für die Arbeit in einem Pflegeberuf gut geeignet sind. Darunter sind auch viele Migranten. In den nächsten Jahren wird der Bedarf an Pflegekräften weiter steigen. Unser Beitrag ist, motivierte Arbeitslose, insbesondere auch Migranten dafür zu qualifizieren und möglichst dauerhaft in Beschäftigung zu integrieren.

Wen hätten Sie denn gerne als neuen Bundesarbeitsminister?

Alt Da passe ich, die Besetzung politischer Ämter gehört nicht zu den Kernkompetenzen der Bundesagentur.

Antje Höning führte das Gespräch.

(jco)
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