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"Mein Kampf" von Adolf Hitler
Das verbotene Buch

"Mein Kampf" von Adolf Hitler: Das verbotene Buch
Eigentlich wollte Hitler sein Buch, das aus zwei Teilen besteht, "Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit" nennen. FOTO: dpa, mbk fdt
Düsseldorf. Lange ruhte es im deutschen Giftschrank der Literatur. Jetzt wird "Mein Kampf" von Adolf Hitler in einer wissenschaftlich-kommentierten Ausgabe neu veröffentlicht. Nach dem 70. Todesjahr des Verfassers sind die Urheberrechte an der Nazi-Kampfschrift erloschen. Von Detlev Hüwel und Lothar Schröder

Der Häftling aus Zelle Nummer sieben zeigte sich gern in kurzer Lederhose und bayerischer Jacke; er empfing jede Menge Besucher und führte eine rege Korrespondenz. Adolf Hitler konnte zwar lesen, was er wollte, doch er nutzte seine Gefangenschaft in der Haftanstalt Landsberg vorrangig dazu, sein eigenes Pamphlet niederzuschreiben: "Mein Kampf". Jetzt – nach dem 70. Todesjahr Hitlers und somit nach dem Erlöschen der Urheberrechte – bringt das renommierte Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eine umfangreich kommentierte Neuausgabe der Kampfschrift des Diktators heraus, der als Künstler versagte und als Nazi-Führer Deutschland und die Welt ins Verderben stürzen sollte.

Die Geschichte des Buches ist aber auch eine Geschichte sogenannter deutscher Vergangenheitsbewältigung. Es begann 1945 mit der US-Militärregierung, die das Vermögen der NSDAP – dazu gehörte auch der Nazi-Verlag Franz Eher, der "Mein Kampf" bis dahin publiziert hatte – treuhänderisch an die bayrische Regierung übergab. Verbunden war dies mit dem Auftrag, gegen jede Verbreitung von nationalsozialistischem Gedankengut einzuschreiten. Die Bayern verfolgten dies mit dem Verbot von "Mein Kampf" rigoros und lösten damit trotz der vermeintlich gebotenen Haltung eine andere Debatte aus. Etliche Historiker forderten seit den 80er Jahren eine Wiederauflage der Hitler-Schrift hierzulande. Warum das Buch in Deutschland verboten bliebe, sei ihm "ein großes Rätsel", betonte etwa der britische Historiker und große Hitler-Biograf Ian Kershaw. Denn zum einen habe Deutschland eine intakte Demokratie, zum anderen sei es besser, "sich dem Buch zu stellen, als es zu verstecken". Es spricht manches dafür, dass die Aura des Verbotenen am Ende den Mythos der Hitler-Schrift nährt. "Aufklärung ist immer besser als Heimlichkeit", sagt auch der Münchner Historiker Ernst Piper.

Fast vergessene "Hitler-Skandale" FOTO: AP

Skurril erscheint dieser Bann schon deshalb, da die Hitler-Kampfschrift nicht nur im Internet vergleichsweise leicht zu haben ist, sondern mittlerweile ganz offiziell in Buchläden unter anderem in Argentinien und Griechenland, in Spanien und der Türkei, Indien und Schweden verkauft wird.

Zur Geschichte des Buches gehört auch die Geschichte ihres Verfassers. Und die wird mit dem Putschversuch vom 9. November 1923 gegen die bayerische und die Reichsregierung – als "Marsch auf die Feldherrnhalle" heroisiert – relevant. Der im österreichischen Braunau geborene Anführer der "Nationalsozialistischen Arbeiterpartei" scheitert und wird zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Zudem wird die NSDAP im ganzen Reich verboten. Gleichwohl will sich Adolf Hitler mit seinem Buch als das intellektuelle Oberhaupt der völkisch-nationalen Bewegung profilieren. Weite Passagen aus seinem Manuskript liest er in der Festung von Landsberg zur wohlmeinenden Begutachtung seinem nationalsozialistischen Mitstreiter, Rudolf Hess, vor.

Gleich zur Beginn des Buches fordert Hitler, der nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, dass die "zwei deutschen Staaten" – gemeint sind das Deutsche Reich und Österreich – "mit allen Mitteln" zusammengeführt werden müssten: "Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande", schreibt er und weiter: "Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich."

Hitlers Buch ist auch eine unmissverständliche Kampfansage an das Judentum. Über viele Seiten ergießen sich seine Hasstiraden gegen die Juden, die er als "Parasiten im Körper anderer Nationen und Staaten" schmäht. Am Ende der blutigen Hitler-Diktatur werden sechs Millionen jüdische Frauen, Männern und Kinder ermordet worden sein.

Seltsames über Adolf Hitler FOTO: ddp

Eigentlich will Hitler sein Buch, das aus zwei Teilen besteht, den Titel geben "Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit". Doch Max Amann, der Geschäftsführer des Parteiverlages, kürzt den Titel auf "Mein Kampf". Das Buch enthalte "wenig Autobiographisches, ist aber voll von seitenlangen schwülstigen Ausführungen über Hitlers Ideen, deren wortreicher Stil ebenso langweilig wie schwierig zu lesen ist", urteilt Hitler-Biograf Allan Bullock.

Nachdem Hitler 1933 Reichskanzler geworden war, schnellten die Verkaufszahlen in die Höhe. Bis 1945 wurde "Mein Kampf" in 18 Sprachen übersetzt und bis heute 12,4 Millionen Mal gedruckt und unters Volk gebracht. Während der braunen Diktatur war es üblich, dass die Standesämter den Brautleuten zur Hochzeit ein Exemplar mit Goldschnitt und "den besten Wünschen für eine glückliche und gesegnete Zukunft" aushändigten. Der Erlös verhalf Hitler zu stattlichem Vermögen.

Nach Darstellung des Instituts für Zeitgeschichte unternahm der Freistaat alles, jegliche Neuauflage oder Teilauflagen zu verhindern. Sogar einen Zuschuss in Höhe von 500.000 Euro für die Arbeit der Wissenschaftler zog der Freistaat wieder zurück – auf Veranlassung von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), dem auf einer Israel-Reise massive Bedenken gegen eine Neuauflage vorgetragen wurden.

Im Giftschrank der Geschichte sollte es für ewig ruhen. Das deutsche Urheberrecht hebelte schließlich die starre Haltung aus: Unter Leitung von Christian Hartmann hat ein Team von Historikern "Mein Kampf" in mehrjähriger Arbeit aufbereitet. Anfang Januar soll die Auslieferung der "kritischen Edition" mit rund 2000 Seiten und 3500 Anmerkungen beginnen.

Das ist das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau FOTO: dpa, axs vfd

Aufgabe dieser wissenschaftlich kommentierten Fassung sei es, "ein seriöses Gegenangebot zur ungefilterten Verbreitung von Hitlers Propaganda, seinen Lügen, Halbwahrheiten und Hasstiraden zu machen". Man werde eine Edition "mit Standpunkt" abliefern, sagt Hartmann.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat angeregt, im Schulunterricht ausführlich über "Mein Kampf" zu sprechen. So habe die kritische Edition auch das Ziel, zur politischen Bildung junger Menschen beizutragen. Es sei wichtig, im Unterricht darüber zu sprechen. Der Deutsche Lehrerverband betont, eine wissenschaftlich überarbeitete Ausgabe könne einen wichtigen Beitrag "zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus" leisten.

Dagegen lehnt Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die Verwendung der kommentierten Ausgabe im Schulunterricht ab. Jüdische Themen und Persönlichkeiten, die Deutschland bis 1933 maßgeblich mitgeprägt hätten, würden in den Schulen allenfalls "stiefmütterlich" aufgegriffen, sagte die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland dem "Handelsblatt". Daher sei eine Behandlung der "zutiefst antijüdischen Schmähschrift" unverantwortlich.

Diese Frage bleibt, und sie wird vorerst unbeantwortet bleiben müssen: Wie gefährlich "Mein Kampf" heute noch ist? Wird die Schrift demnächst die Bücherschränke von Neo-Nazis füllen? Weniger als Lektüre, wie Experten meinen, wohl aber als eine Art Trophäe.

Jene Historiker, die an der Schrift zuletzt gearbeitet haben, sind erschüttert. Weil Hitlers Gedanken weit in die Zukunft reichten. Es gibt zwar keinen gradlinigen Weg nach Auschwitz. Doch finden sich genug Passagen in "Mein Kampf", die in letzter Konsequenz auch auf den Holocaust hinausliefen. Dass nur wenige Zeitgenossen dies erkannten, liegt nicht an der Naivität der Leser, sondern an der Ungeheuerlichkeit und der Unglaublichkeit von Hitlers Wahn.

Über 90 Jahre nach dem gescheiterten Putsch und 70 Jahre nach Hitlers Selbstmord wird in München die Neuauflage von "Mein Kampf" am 12. Januar präsentiert. In den Kammerspielen. Der Eintritt beträgt zwölf Euro, ermäßigt sechs.

Quelle: RP
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