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Nach Evakuierung eines ICE
"Direkt nach Anschlägen kommt es schnell zu Überreaktionen"

ICE in Niedersachsen evakuiert: Nach Anschlägen kommt es schnell zu Überreaktionen
Falscher Alarm im Zug: Ein ICE wurde wegen einer vermeintlichen Terrorwarnung evakuiert. FOTO: Bundespolizei
Düsseldorf . Die Polizei hat vorsorglich einen ICE in Niedersachsen evakuieren lassen, nachdem ein Reisender angeblich islamistische Parolen gerufen hatte. Letztlich stellte sich heraus: Die Situation hatte nichts mit einem Anschlag zu tun. Nimmt die Panik vor dem Terror überhand? Ein Sozialpsychologe gibt Antworten.  Von Susanne Hamann und Henning Bulka

Ein 31-jähriger Deutscher hatte am Donnerstag in einem ICE nach Köln laut der Bundespolizei Arabisch gesprochen, offenbar aus dem Koran vorgelesen. Dazu habe er verwirrt gewirkt. Fahrgäste und Zugpersonal hatten seine Äußerungen als islamistische Parolen interpretiert und die Polizei alarmiert - aus Angst vor einem Anschlag. Der Zug wurde evakuiert. Später wurde klar: Es bestand keine Gefahr. Der Mann sei in eine psychatrische Klinik eingewiesen worden, sagte die Bundespolizei. Sie verteidigt die Aktion: "Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig", sagte uns ein Sprecher.

Reagieren wir in diesen Tagen über? Wolfgang Aschauer, Soziologe, Psychologe und Tourismusforscher an der Universität Salzburg, gibt Antworten. 

Herr Aschauer, in dem ICE auf dem Weg nach Köln wurde ein Mann unter Terrorverdacht gestellt, weil er ein paar Sätze auf Arabisch sagte und dazu verwirrt wirkte. Wie beurteilen Sie diese Situation? 

Aschauer Wir leben inzwischen generell in einem Zeitalter der Unsicherheit. Das hat vor allem zwei Gründe, zum einen die immer wiederkehrenden Terroranschläge, zum anderen die Flüchtlingsströme, die in vielen ein Gefühl der Skepsis gegenüber Muslimen und dem Islam auslösen. Direkt nach Anschlägen kommt es dann schnell zu Überreaktionen, das sieht man immer wieder. Gerade erst war ja der Anschlag in Istanbul. Aber es gab auch eine solche Situation in Wien kurz nach dem Anschlag in Brüssel.

Was ist dort passiert?

Aschauer Eine Easyjet-Maschine konnte nicht starten, weil eine Reisende glaubte, ihr Sitznachbar würde auf seinem Handy Webseiten der Terrormiliz IS durchsuchen. Sie hat daraufhin das Bordpersonal informiert und beide Passagiere, also sie und ihr Sitznachbar, wurden am Flughafen über eine Stunde verhört. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich lediglich um einen Studenten handelte, der auf seinem Handy Recherche betrieben hat. An solchen Beispielen sieht man eben, dass nach Anschlägen große Panikstimmung herrscht. 

Glauben Sie denn, dass sich diese Grundstimmung wieder ändern wird?

Aschauer Ehrlich gesagt, bezweifle ich das eher. Die Leute sind zu emotionalisiert von den regelmäßigen Terroranschlägen. Dazu kommt dann, dass sie die komplexen Zusammenhänge auch rund um die Flüchtlingsströme oft nicht richtig verstehen, also überfordert sind. Und das sorgt dafür, dass die Vorurteile immer weiter wachsen - und die Gefahr von solchen Überreaktionen in Zukunft eher steigt. Das führt zu einem Teufelskreis, in dem sich sowohl Europäer als auch Flüchtlinge in den nächsten Monaten und Jahren vermutlich immer mehr radikalisieren werden. 

Wolfgang Aschauer, Soziologe, Psychologe, Tourismusforscher, derzeit assoziierter Professor an der Abteilung Soziologie der Universität Salzburg FOTO: Anton Stefan

Worin besteht der Teufelskreis?

Aschauer Die meisten Flüchtlinge kommen mit großen Hoffnungen nach Europa. Die werden aber wohl in vielen Fällen enttäuscht werden - und in der Folge besteht die Gefahr, dass einige in die Kriminalität abdriften oder sich radikalisieren. Umgedreht gibt es aber auch eine Radikalisierung der Mehrheitsgesellschaft, weil eben zum einen viel Unverständnis für Flüchtlinge vorherrscht und diese Situation dann noch von den Terroranschlägen genährt wird. Wir werden also zukünftig mit zunehmenden Spaltungen in der Gesellschaft leben müssen. 

Aber zumindest im Tourismus steigen die Buchungen ja meist ein paar Wochen nach einem Anschlag wieder. 

Aschauer Ja, die größten Einbußen im Tourismus verschwinden wenige Monate nach einem Anschlag wieder. Und das ist auch gut so. Ich kann nur dazu raten, sich von den Terroranschlägen nicht einschüchtern zu lassen. Natürlich hinterlässt die Berichterstattung bei vielen ein sehr unangenehmes Gefühl, vielleicht auch Angst. Aber wenn Touristen aufhören nach Belgien, Paris oder auch in die Türkei zu fahren, dann ändert das nichts an dem Terror, sondern er erreicht sein Ziel. Nehmen wir mal die Türkei. Sie erscheint uns trotz vieler Probleme wie dem Terrorismus stabil, weil sie wirtschaftlich gut aufgestellt ist. Fallen nun aber die Einnahmen aus dem Tourismus weg, hat das gravierende wirtschaftliche Konsequenzen und die Wahrscheinlichkeit wird wohl steigen, dass der Staat destabilisiert wird. 

Reagieren eigentlich alle Länder gleichermaßen mit Panik?

Aschauer Tatsächlich nicht. Analysen haben gezeigt, dass vor allem Japaner und Deutsche sensibel auf Nachrichten von Anschlägen reagieren. Russen dagegen stornieren deshalb eher selten Reisen. Ausschlaggebend ist außerdem, wie weit man von dem Ereignis weg ist. Die USA beispielsweise liegen so weit von der Türkei weg, dass die Anschläge in Istanbul dort eher verallgemeinert werden und das ganze Land als Reisegebiet wegfällt. Deutsche Türkei-Urlauber fühlen sich vermutlich in den touristischen Gebieten noch recht sicher, weil die Anschläge bislang nur in den größeren Städten der Türkei passiert sind.  

(ham / hebu)
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