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Hintergrund
Erinnerungen an Walter Reed

Hintergrund: Erinnerungen an Walter Reed
Walter Reed alias Werner Rindsberg ist im Alter von 91 Jahren gestorben. FOTO: Familie Walter Reed
Dinslaken. 1939 lernte er in Brüssel Kinder und Jugendliche aus dem Dinslakener Israelitischen Waisenhaus kennen. 1940 floh er mit einigen nach Südfrankreich. Die Dinslakener Historikerin Anne Prior hatte viele Jahre mit Walter Reed Kontakt. Ein Nachruf. Von Anne Prior

Dinslaken/ChicaGO Vor wenigen Tagen erhielt ich die traurige Nachricht, dass Walter Reed im Alter von 91 Jahren in Chicago verstorben ist.

Während der Recherchen zu meinem Buch "Geben Sie diese Kinder nicht auf!" hatten wir in den Jahren 2014 und 2015 regelmäßigen Kontakt. Ich hatte ihn bereits im Herbst 2008 in Dinslaken kennengelernt, wo er auf Einladung der Stadt mit ehemaligen jüdischen Bürgern in Dinslaken zu Gast war. Im Johannahaus hielt Walter Reed am 15. Oktober 2008 einen Vortrag über die "Kinder von La Hille". Gemeinsam mit Fred Spiegel war er auch Gast in Dinslakener Schulen.

Jüdische Gäste besuchten 2008 Dinslaken und auch das Pankok Museum in Drevenack. Hier ist Walter Reed (rechts) im Gespräch mit der kürzlich verstorbenen Eva Pankok. FOTO: ema

Walter Reed wurde 1924 als Werner Rindsberg in Bayern geboren. 1939 hatten ihn seine Eltern mit einem Kindertransport nach Belgien geschickt. In Brüssel lernte er in einer jüdischen Einrichtung Kinder und Jugendliche aus dem Dinslakener Israelitischen Waisenhaus kennen. Mir einigen von ihnen floh er im Mai 1940 in das zu dieser Zeit noch nicht besetzte Südfrankreich. Nach einem Aufenthalt in Seyre gelangten die Kinder schließlich in das Chateau La Hille. Neben den Kindern aus dem Waisenhaus lernte er auch Berthold Elkan aus Dinslaken kennen, dessen Eltern früh verstorben waren. Gemeinsam mit seiner Schwester Hanna war auch Berthold mit einem Kindertransport nach Belgien gelangt.

Als ich mich sechs Jahre später bei ihm meldete, war er sofort bereit, mir behilflich zu sein. Gleich seiner ersten Antwort fügte er Bilder von Dinslakener Kindern und Jugendlichen des Israelitischen Waisenhauses aus den Jahren 1940/41 in Südfrankreich bei und gab mir die Einwilligung zur Veröffentlichung. Sein Archiv und somit sein Wissen über die "Kinder von La Hille" und deren Schicksale war unerschöpflich: Als ich ihn auf einen von mir im Internet gefundenen und sehr schlecht lesbaren Zeitungsartikel der "Washington Evening Post" aufmerksam machte, der die Flucht von Dora und Betty, zweier Mädchen aus dem Dinslakener Waisenhaus aus Südfrankreich in die USA thematisierte, kannte er ihn und bestätigte mir die Umstände der Flucht. Antoinette, die dritte Schwester, war eines der jüngsten in La Hille lebenden Kinder und von ihren Schwestern getrennt worden. Walter Reed erwies sich in der kommenden Zeit als ein verlässlicher Ratgeber und Brückenbauer und nannte mir wichtige Ansprechpartner in Belgien.

Im Sommer 2015 freute er sich über das Ergebnis meiner Recherchen. Wenige Monate später erschien dann in den USA sein Buch über die "Kinder von La Hille". Nach einem erfolgreichen Berufsleben hatte es sich Walter Reed zur Aufgabe gemacht, über "seine Kinder" zu forschen. Er hatte Kontakt zu den ehemaligen Bewohnern gesucht, ihre Geschichten notiert und regelmäßig Europa besucht, um in Archiven in Belgien und Frankreich zu recherchieren. Er arbeitete auch eng mit dem Washingtoner Holocaust Memorial zusammen. Das von ihm aufgebaute Netzwerk aus ehemaligen La Hillern, ihren Nachfahren und Freunden war länderübergreifend. Er hatte mich in dieses Netzwerk aufgenommen und so erfuhr ich regelmäßig Neues. Im Oktober 2015 unterrichtete er uns über den Tod von Ruth Schütz, einer in Israel lebenden Weggefährtin. Fünf Monate nach Erscheinen des Buches von Walter Reed teilte uns Jeanne Reed vor einigen Tagen den Tod ihres Ehemannes mit. Er war am 13. Januar 2016 in seinem Haus bei Chicago an Herzversagen verstorben.

"Wir sind die Letzten. Fragt uns aus. Wir sind zuständig." Hans Sahls Zeilen kommen mir in den Sinn, wenn ich an Reed denke. Ich bin dankbar, dass ich ihn fragen durfte.

Quelle: RP
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