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Flüchtlinge in Düsseldorf
Die Familie Gwlag und ihr neues Zuhause

Flüchtlinge in Düsseldorf: Die Familie Gwlag und ihr neues Zuhause
Eine syrische Familie in Düsseldorf: Osama Gwlag (38) mit seiner Frau Nermin Shoban (29) und den Söhnen Hamza (4) und Omar (zehn Monate) in ihrer Wohnung in Garath. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Der Elektro-Ingenieur Osama Gwlag stammt aus Syrien, mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er seit einem Jahr in Deutschland, seit drei Wochen endlich in einer eigenen Wohnung in Garath. Von Denisa Richters und Andreas Endermann (Fotos)

Der Grüne kämpft gegen den Roten. "Nimm das!", lässt Hamza den einen sagen. "Arrrg", lässt der Viereinhalbjährige den anderen ausstoßen. Am Ende liegen beide Plastikfiguren erschöpft auf dem Wohnzimmertisch. Hamza hat längst ein anderes Spielzeug entdeckt: Zwei Playmobilmännchen. "Kannst du mal aufmachen?", fragt er den Besuch. Erwartungsvoller Blick aus braunen Augen. Dann ein Lächeln. "Danke."

Sein Brüderchen Omar, gerade mal zehn Monate alt, gluckst und hüpft in seinem Kinderstühlchen. Sein erstes Wort? "Garten", sagt Nermin Shoban (29), die Mama der beiden Jungs. Gemeint ist Kindergarten, den Omars Bruder Hamza jeden Tag besucht. 15 Minuten Busfahrt sind nötig, um dort hinzukommen vom neuen Zuhause aus. Dem ersten richtigen Zuhause in Deutschland.

Im Wohnzimmer ist schon die Sitzecke aufgestellt. Es gibt für die Möbel nicht Geld, sondern Coupons, die nur in zwei Einrichtungen eingelöst werden können. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Denn der Syrer Osama Gwlag und seine Familie leben seit einigen Wochen nicht mehr in Flüchtlingsunterkünften, nicht in Appartements, die sie sich mit anderen Flüchtlingsfamilien teilen müssen, sondern in der eigenen Wohnung. Gwlag hat sie selbst gefunden, mit Hilfe einer deutschen Familie. 82 Quadratmeter, vier Zimmer, eine kleine Küche, Balkon. Eine helle Wohnung für 760 Euro inklusive Nebenkosten im Stadtteil Garath.

Zwei deutsche Familien leben in dem Mehrfamilienhaus mit den fröhlichen Blumen davor, der Rest sind Ausländer wie Gwlag und seine Familie. Doch die Nachbarschaft funktioniert. Man grüßt sich freundlich, bietet Hilfe an. Ein syrisches Sprichwort sagt, man müsse erst die Nachbarn prüfen, bevor man sich für eine Wohnung entscheide. Gwalg lächelt.

Dabei gibt es noch so viel zu tun. Die Familie kann sich die Möbel nur mit Coupons in zwei Einrichtungen kaufen. Da dauert es, bis man Möbel zusammenhat, zwischen denen man sich auch wirklich wohlfühlt. Die gelieferte Küche ist noch nicht ausgepackt, wird wieder abgeholt und umgetauscht. Die Farbe passte nicht. Solange wird eben weiter in dem Provisorium gekocht. In einem Raum stehen noch viele Kartons. Die Wohnzimmerschränke sind auch noch nicht komplett. Den Esstisch haben ihnen deutsche Freunde geschenkt. Ein Zimmer ist aber fast schon perfekt: Der Rahmen des Betts ist ein Rennwagen, auch der kleine Schreibtisch hat die Form eines Boliden. Gleich Dutzende davon fahren als Muster auf dem Teppich. Es ist Hamzas Zimmer. "Das war uns wichtig, denn er hatte immer schon gefragt, wann wir in eine Wohnung ziehen und er ein Zimmer bekommt", sagt Osama Gwlag.

Das schönste Zimmer ist das von Hamza: Er schläft in einem Rennwagen, auch der Tisch ist Boliden nachempfunden - beides hat sein Vater gebaut. Den Renntreckenteppich haben die Eltern im Internet gekauft. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Syrer sind aktuell die größte Gruppe unter den Flüchtlingen, die in Düsseldorf ankommen. Gwlags Familie hat einen untypischen Weg hinter sich. Denn seine Eltern sind bereits 1980 aus Syrien nach Libyen ausgewandert, nachdem der Vater als Regimegegner eingestuft worden war und im Gefängnis gesessen hatte. Osama Gwlag hat in Libyen einen Bachelor als Elektro-Ingenieur gemacht, hat für die Konstruktionsfirma seines Vaters und auch für die BBC gearbeitet. Die Familie lebte in der Türkei, in Italien, wo Gwlag mit Autowaschen Geld verdiente. Schließlich der Entschluss, nach Deutschland zu gehen. Nermin Shoban war gerade schwanger mit Omar. Sie packten zusammen, was sie hatten, und kauften Zugtickets nach Düsseldorf. Warum dorthin? Seine Nachbarn, eine syrisch-deutsche Familie, hatten immer davon erzählt.

Es wurde nicht ihre letzte Station. In Düsseldorf wurden sie registriert, kamen dann für eine Nacht in eine Unterkunft nach Dortmund. "Es war eine schmutzige Umgebung, aber ich habe so gut geschlafen, wie lange nicht mehr", sagt Gwlag. "Denn ich wusste, wir waren in Sicherheit." Danach zogen sie für einige Tage in eine Unterkunft in Unna, dann für einen Monat in eine kleine Gemeinde im Kreis Borken.

Dort habe Strenge geherrscht. Keine Extraportion beim Essen, nicht mal eine Scheibe Brot. Als Hamza krank war, habe ein Sicherheitsmann ihm ohne ärztliche Untersuchung Medizin verabreicht. "Man sah nie ein Lächeln", sagt Gwlag. Schließlich wurde die Familie nach Düsseldorf verlegt, lebte in der Flüchtlingsunterkunft an der Lacombletstraße in Düsseltal, dann an der Emil-Barth-Straße in Garath. Seit April ist sie als asylberechtigt anerkannt.

Die kleine Küche ist noch immer ein Provisorium. Die Möbel, die geliefert wurden, hatten die falsche Farbe, bleiben eingepackt und werden wieder abgeholt. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Jetzt fehlt nur noch, dass Osama Gwlag eine Arbeit findet. Denn wieder muss der Staat für ihn und seine Familie zahlen, diesmal das Jobcenter mit knapp 900 Euro im Monat, obwohl der 38-Jährige arbeiten und Steuern zahlen will. Er spricht perfekt Englisch, doch die Deutschkenntnisse fehlen ihm. Mehrfach hatte er einen Sprachkurs beantragt, erst nächste Woche kann er damit starten. "Warum lässt man uns die vielen Monate des Wartens nicht nutzen, um die Sprache zu lernen und zu arbeiten, statt nur Geld vom Staat zu bekommen?" Gwlag ist sicher, dass sich das ändern muss, damit die Stimmung in der Bevölkerung nicht irgendwann kippt. "Sprache ist die Eintrittskarte."

Inzwischen hilft er anderen Flüchtlingen beim Weg durch den Behördendschungel. Und doch haben sich auch Gwlag und seine Familie darin verfangen: Ihre Wohnung steht einer vierköpfigen Familie zu. Doch als sie den Asylantrag gestellt haben, war Omar noch im Bauch seiner Mutter, fällt deshalb nicht in den Anerkanntenstatus, sondern in den Bereich des Sozialamts. Für drei Familienangehörige ist die Wohnung zu groß. Eine Formalie, sicher. Aber die Behörde hat seit zwei Monaten die Miete für die Wohnung nicht gezahlt. Das wäre ein Grund für eine fristlose Kündigung. Umso besser, dass es Freunde gibt: "Ich werde mir das Geld leihen und es morgen überweisen."

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Quelle: RP
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