| 00.00 Uhr

Düsseldorf
In der Freiheit angekommen

Düsseldorf: In der Freiheit angekommen
Mit neun Jahren hat seine Mutter ihn im Iran zum Schwimmkurs angemeldet. Dass Schwimmen einmal zu seinem Beruf gehören würde, damit hat Mohammad aber nie gerechnet. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Mohammad (27) floh vor fünf Jahren aus dem Iran. Am Unterbacher See hat er seine Berufung gefunden und lässt sich nun zum Bademeister ausbilden.  Von Stefani Geilhausen

Neulich hat wieder einer im Vorbeigehen gesagt, ach guck, jetzt sind die Flüchtlinge schon Bademeister. Das war nicht wirklich nett gemeint, aber Mohammad lächelt trotzdem, wenn er es erzählt. Vor allem, weil er sich darüber freut, dass der Mann bald recht haben wird. Im September beginnt er seine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe. Sein Traumberuf. Und bis dahin passt er als Rettungsschwimmer auf, dass am Unterbacher See nichts Schlimmes passiert.

Bademeister (wer sagt schon Fachangestellter für Bäderbetriebe?) war nicht Mohammads Kindheitstraum. Daheim im Iran hat er die Schule schon als Teenager geschmissen und sich zwei Geschäfte aufgebaut: Er führte eine Tischlerei - tischlern, das hat er gelernt - und besaß eine Drogerie. Drei Angestellte hatte er zuletzt, es ging ihm gar nicht so schlecht. Wenn da nicht diese Sehnsucht gewesen wäre, nach Freiheit. Mohammad war 21 Jahre alt, und er hatte es satt, dass man ihm vorschrieb, wie er leben, was er lesen, wie er sich kleiden sollte. 2011 war das, und er hatte ein anderes Leben nie gekannt, als das im streng fundamentalistischen Staat. Und trotzdem hat er sich nicht damit abfinden wollen. Er hat eine Demonstration organisiert, gegen die Regierung von Mahmud Ahmadinedschad und dessen Politik.

Als die Geheimpolizei bald darauf in sein Elternhaus eindrang, war Mohammad bei einem Freund. Sein Vater rief ihn an. Versteck dich, hat er gesagt. Und dass er ihm einen Pass besorgen wird. Er hat sein Erspartes genommen, bei Freunden und Verwandten Geld geliehen und alles gegeben, um seinem Sohn gefälschte Papiere zu kaufen. 2011 war das, und als sie einander Lebewohl sagten, da war es ein Abschied für ungewisse Zeit und für Mohammad auch einer ohne Ziel. "Ich wollte in irgendein freies Land. Wohin, war mir egal. Nur endlich frei sein."

Er fliegt in die Türkei, landet schließlich in Leipzig. In der DDR, wie der Deutschlehrer dort noch sagt. Der hat ohnehin wenig Interesse, seine Schüler auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. "Wenn ihr genug Party gemacht habt, geht ihr wieder zurück nach Hause", sagt er ihnen, ist auch sonst nicht gerade freundlich. Die Maueröffnung ist 22 Jahre her, trotzdem erkennt Mohammad schnell, dass er in der "DDR", in der der Lehrer hängengeblieben ist, die Freiheit nicht finden wird. Er weiß noch nicht viel mehr von Deutschland als das, was ausgerechnet die RTL-Action-Serie "Alarm für Cobra 11" vermittelt, die auch im iranischen Fernsehen läuft. Aber er lernt rasch. Sobald er im Herbst 2012 seine Aufenthaltserlaubnis hat, zieht er in den Westen.

Er hat sich beraten lassen, sagt er. Von Freunden und in der iranischen Gemeinde. Eine große Stadt soll es sein, weil da die Chance auf Arbeit größer ist. Hamburg und München scheiden aus - zu teuer. Man empfiehlt ihm NRW, das Ruhrgebiet mit vielen interessanten Städten. Und Mohammad entscheidet sich für Düsseldorf. Das liegt mittendrin, und von dort, sagt er sich, "hast du alle Wege offen". Der erste Weg führt ihn in ein Obdachlosenheim. Es ist Dezember 2012 und Mohammad hat keine andere Bleibe. Trotzdem meldet er sich in einer Schule an, um den Hauptschulabschluss zu machen. Und schon am zweiten Tag hat er, obwohl ihn die Düsseldorfer Mieter erschreckt haben, eine bezahlbare Wohnung gefunden. Der iranischstämmige Hausbesitzer war ein bisschen skeptisch, "aber ich habe ihn überredet", sagt Mohammad. Als Nächstes sucht er sich einen Job. Im Iran war er Schwimmer und Bergsteiger, Sport ist ihm wichtig. Als ein Duisburger Hallenbad bei Facebook einen Rettungsschwimmer sucht, bewirbt er sich - und bekommt den Job.

Nein, ein Kulturschock war das nicht für ihn. Frauen im Bikini, das kann man auch im Iran sehen. Natürlich nicht in den Schwimmbädern, wo Männer und Frauen streng getrennt sind, und auch nicht am Strand, wo die Frauen nur verhüllt baden. "Ein Kulturschock war für mich FKK, das hab ich in Leipzig zum ersten Mal gesehen, und das habe ich nun wirklich nicht gekannt", sagt er lächelnd. Inzwischen aber hat er sich daran gewöhnt, und sowieso ist einer wie er, der seine Heimat, seine Freunde und Familie verlassen hat, um die Freiheit zu finden, der Letzte, der sich an anderer Leute Bedürfnisse stört.

Im Schwimmbad in Duisburg entdeckt Mohammad auch für sich eine neue Leidenschaft: den Beruf, den alle Bade- oder Schwimmmeister nennen. "Ein Traum", sagt er, "Sport und Kommunikation mit Menschen - die perfekte Kombination für mich." An der Schule in Garath wechselt er seine Hauptfächer so, dass sie zu einer Ausbildung im Badebetrieb passen. "Meine Lehrer haben mich toll unterstützt, dafür bin ich sehr dankbar", sagt er.

Den Schulabschluss hat er in der Tasche, sein Deutsch ist nach gerade mal fünf Jahren nahezu perfekt, und als er sich am Unterbacher See bewirbt, ist Peter von Rappard, Vorsitzender des Zweckverbands, beeindruckt. Mohammad bekommt den Job als Rettungsschwimmer und den Ausbildungsplatz zum Fachangestellten für Bäderbetriebe aber nicht, weil Flüchtlinge in Schwimmerbädern gerade ein großes Thema sind. "Seine Bewerbung war die beste", sagt von Rappard. Lange vor Mohammad hatte sich der Verband schon mit dem Thema muslimischer Flüchtlinge befasst, für die hiesige Strandbäder oft eine völlig fremde Welt sind. "Wir haben unser Personal sensibilisiert, uns mit der Polizei kurzgeschlossen, und uns darauf vorbereitet, dass es auch mal Konflikte geben kann - und wir sie lösen."

Die Konflikte aber, sagen der Strandbad-Chef und sein künftiger Bademeister, sind eigentlich keine neuen. Leute, die sich im Bad daneben benehmen, hat es immer schon gegeben, dreiste Blicke auch, aus jeder Gesellschaftsschicht. "Es gibt Menschen, die Probleme machen", sagt Mohammad und betont das Wort Menschen. "Wie soll ich da einen Unterschied machen? Nicht jeder Ausländer ist ein Flüchtling, nicht jeder Flüchtling macht Probleme." Die deutschen Badegäste, sagt er, "verstecken ihre neugierigen Blicke nur geschickter hinter ihren Sonnenbrillen".

Für Mohammad sind alle gleich. Wer stört, wird ermahnt oder rausgeworfen, wer in Not ist, wird gerettet. Auch die, die beim Entenfüttern die gierigen Wasservögel als "Flüchtlinge" bezeichnen. So was lächelt Mohammad einfach weg. Er ist angekommen in der Freiheit, für die er so vieles aufgegeben hat. Die Erinnerungen, die Kindheit, die Bilder im Kopf - das ist alles im Iran, sagt Mohammad. Und da soll es bleiben. "Wenn du dein altes Leben nicht loslässt, kannst du kein neues beginnen."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: In der Freiheit angekommen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.