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Düsseldorf
Auf der Flucht vor der Flut

Düsseldorf: Auf der Flucht vor der Flut
Szene aus "Flut" (v.l.): Bryan Lopez Gonzalez, Monika Rydz, Sarah Bock, Dimitra Kotidou. FOTO: Susanne Diesner
Düsseldorf. Jugendliche haben eine Oper eingerichtet. Es geht um die Geschichte einer Katastrophe. Zu erleben gibt es große Arien und Bilder. Von Armin Kaumanns

Die Sorge vor der "Flut" brennt den Machern unter den Nägeln: Was, wenn die Polkappen schmelzen? Was, wenn das Rheinland im Meer versinkt? Was macht das mit uns? Unseren Freunden, unserer Familie? Unserem Wohlstand? Mit den Menschen, der Menschlichkeit? Und bricht die Welt zusammen, wenn es kein W-Lan mehr gibt?

Die Macher der "Flut" nennen sich "Die Opernmacher" und sind um die 20 Jugendliche, die sich unter den Fittichen der "Jungen Oper am Rhein" zu einem einjährigen Kreativ-Crashkursus zusammengefunden haben. Anna Mareike Vohn und ihr Team haben das Projekt entwickelt und in den Strukturen des professionellen Opernhauses auf die Schiene gesetzt: Die Jugendlichen sollten sich eine ganze Oper ausdenken, das Libretto schreiben, die Musik komponieren, das alles auf die Bühne bringen. Klingt unmöglich, ist aber wahr.

Die Welt auf der Bühne in den FFT Kammerspielen droht im riesigen Strudel-Bild zu ertrinken. Die Dächer der Stadt, der Wohnzimmerschrank, ein Hinterhof voller Flüchtlinge, ein wackliger Steg oder das Rettung verheißende Schiff - das alles besteht aus wenigen grauen Kisten, aus denen mit wenigen Handgriffen neue Szenerien werden. In 14 Bildern erzählt "Flut" die Geschichte der Katastrophe, von der Ophelia, das Mädchen aus gutem Hause, ihre Familie, Freunde bedroht sind. Eine düstere Zukunftsvision, in die nur kurz die Idee von Freundschaft ein fahles Licht wirft und die im Ungewissen endet. Und mit dem Selbstmord des vermeintlich Einzigen, der einen Ausweg kennen könnte.

Nun ist "Flut" ja eine Oper, und da trägt die Musik die Handlung. Auf der Bühne agieren Sänger-Profis: Dimitra Kotidou muss in die höchsten Höhen ihres agilen Soprans hinauf, kreischt zickig herum, weil ihr ach so geliebtes Handy nicht mehr funktioniert, wimmert, weil ihr Leben bedroht ist, und schwingt sich zu großen Arien auf, wenn sie über Liebe und Leben sinniert. Einen wunderbar höhenlichten Tenor bringt Bryan Lopez Gonzalez für die Doppelrolle als Vater und Luka mit. Letzterer begegnet der Hauptfigur im Chaos der Natur und der Gefühle. Benjamin Pop singt mit großer bassbaritonaler Geste die Partie des verzweifelt-diabolischen Kapitäns, Sopranistin Monika Rydz ist ihm als Maschinistin eine ebenbürtige Gegenspielerin (sie singt auch die leicht hysterische Mutter). Man sieht: ein klassisches Opernensemble mit typischer Rollenverteilung. Und man hört: eine Musik, die bei aller Freude an neuen Klängen die Sänger trägt.

Dass die Partitur der Arbeit mit Elf- bis 17-Jährigen entstammt, die der Komponist David Graham für wenig mehr als ein halbes Jahr in seiner "Kompositionswerkstatt" anleitete, ist kaum zu fassen. Die Ouvertüre schlängelt kanonisch ein Melodiemotiv ins Geschehen, das das Notabu-Ensemble Neue Musik mit kammermusikalischem Holz, Blech, tiefen Streichern, Klavier und Schlagwerk facettenreich in teils originelle Klänge einpackt. Das Cello darf traurig singen, Regentropfen perlen vom Klavier, bisweilen entstehen Klänge frei vom Puls des Dirigenten Patrick Francis Chestnut.

Einer der Jung-Komponisten studiert inzwischen in Zürich, will Profi werden. In jedem Augenblick klingt die Musik der Szene angemessen, steckt voller Ambition und dem Willen zum Ausdruck. Das ist ebenso beachtlich wie die sänger-schauspielerische Leistung der Solisten. Damit aber nicht genug: Auch noch ein Chor ist besetzt, in dem Mitglieder des von Sabina López Miguez geleiteten Kinderchors am Rhein graugeschminkt das Elend der Menschheit verkörpern. Da kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Regisseur Volker Böhm und seinem Team gelingen suggestive, intensive Bilder.

"Flut" ist eine richtige Oper. So ist dann auch der Beifall.

Quelle: RP
 
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