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Porträt Pater Oliver Potschien
Priester mit abgeklärtem Helfersyndrom

Duisburg. Spätestens, als er vor einigen Wochen den Preis gegen Fremdenfeindlichkeit bekam, ist der Leiter des sozialpastoralen Zentrums Petershof in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Doch der mahnt: "Wir sind hier nicht im Zoo." Von Peter Klucken

Als Besprechungsraum im sozialpastoralen Zentrum Petershof in Marxloh dient eine Wohnküche, in der maximal zehn Menschen um einen Tisch herum sitzen können. Genau dort treffen wir uns mit Pater Oliver Potschien. Das passt, denn dem Prämonstratenser-Chorherrn, der seine Heimat im Hamborner Kloster hat, ist der große Auftritt fremd. Er mag es am liebsten "normal", auch wenn diese Normalität nicht immer leicht der Öffentlichkeit zu vermitteln ist. Spätestens, als er vor einigen Wochen erster Träger des von der Deutschen Bischofskonferenz verliehenen Preises gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wurde, ist Pater Oliver in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.

Dort scheint das Sensationelle, Spektakuläre, Dramatische und Abweichende mehr gefragt zu sein als der Alltag. Wobei Pater Oliver zugesteht, dass es in Marxloh nicht immer so zugeht, wie es in gutbürgerlichen Kreisen üblich ist. Dennoch möchte er nicht als Vermittler von, wie er es mit bitterer Ironie sagt, "Katastrophenromantik" herhalten. Wie wurde Pater Oliver das, was er nun ist?

"Eigentlich wollte ich schon mit neun Jahren, als im Kommunionkind wurde, Priester werden", erzählt er. Aber es kam anders: Nach dem Abitur absolvierte Oliver zunächst zwei Ausbildungen: zum einen als Krankenpfleger, zum anderen als Lehr-Rettungsassistent; das heißt, er ist berechtigt, als Ausbilder für die Berufe im Rettungsdienst zu arbeiten. Bis zu seinem 30. Lebensjahr arbeitete er in seiner Heimatstadt Mülheim in einem Krankenhaus in der Notaufnahme.

Im Jahr 2001 schlug er für sich selber ein neues Lebenskapitel auf und trat als "Spätentschiedener, nicht Spätberufener" in den Prämonstratenser-Orden ein. In Bochum, Sankt Augustin (bei Bonn) und in Würzburg studierte er Theologie und Philosophie. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst in Magdeburg als Dekanatsjugendseelsorger und als Studentenseelsorger. Sehr wichtig sei für ihn stets die Mitgliedschaft bei den Pfadfindern gewesen. Bereits 1977, also mit sieben Jahren, ist er bei den Pfadfindern eingetreten. In Mülheim habe er den Pfadfinderstamm St. Barbara geleitet; später in Hamborn den Pfadfinderstamm, der zur dortigen Abtei gehört. Und dann noch einmal einen Stamm in Magdeburg.

Neben dem kirchlich-pfadfinderischen Engagement sei für ihn auch die ehrenamtliche Tätigkeit beim Deutschen Roten Kreuz wichtig gewesen, berichtet Pater Oliver. Bereits als 13-Jähriger wurde er DRK-Mitglied; und als 16-Jähriger gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des ersten Schulsanitätsdienstes im Lande NRW.

Seit dem Jahr 2012 ist Pater Oliver nun Leiter des sozialpastoralen Zentrums Petershof in Marxloh. Da kämen, so sagt er selber, seine priesterlichen und sozialen Ambitionen zusammen. "Ich hatte wohl schon immer ein Helfersyndrom", sagt Pater Oliver mit einem Schuss Selbstironie. Für ihn sei aber wichtig, sich darin nicht zu verlieren. "Man darf der Not der anderen nicht blindlings hinterherlaufen."

Auch um bei all dem die Übersicht nicht zu verlieren, hat Pater Oliver von 2011 bis zum vergangenen Jahr nochmals in Essen ein Studium im Fachbereich Gesundheits- und Erziehungswissenschaften absolviert und den Bachelor-Abschluss in, so heißt es im internationalen Englischjargon, Healthcare-, Education- und Social-Management gemacht. Dieses Zertifikat bescheinigt ihm die Qualifikation als von der Industrie- und Handelskammer anerkannter Ausbilder u.a. für Kaufleute. Deshalb dürfen im Petershof derzeit auch vier Auszubildende arbeiten und lernen.

Pater Oliver trägt ein Hemd mit Römerkragen. "Ich trage den nicht, weil ich so konservativ bin, sondern weil ich keinen Zweifel daran lassen möchte, dass ich Priester bin", sagt er. Grundlage seiner sozialen Tätigkeit sei das christliche Menschenbild. "Wer im anderen den Bruder oder die Schwester sieht, der wird sich gegenüber anderen auch entsprechend verhalten", sagt er.

Sein menschenzugewandtes Lebensbild lässt Pater Oliver aber nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. "Ich habe nicht die Mission, die ganze Welt zu retten, sondern möchte das tun, was hier zu tun ist", sagt er. Als Pater, der im Hamborner Kloster sein Zuhause hat, sei er privilegiert, weil er sich um eine eigene Familie und seinen Lebensunterhalt nicht kümmern müsse.

Seine wichtigste Aufgabe sieht er darin, eine Lebensperspektive zu eröffnen. Dass das für viele Menschen, die er tagtäglich trifft, nicht leicht zu realisieren ist, weiß er nur zu gut. Er versteht auch die Bewohner in Marxloh, die erbost darüber sind, wenn sie wie exotische Wesen in einem Zoo beschrieben werden. Und zu den rechten Demonstranten sagt er: "Die am lautesten schreien, haben nicht immer recht und bilden nicht automatisch die Mehrheit." Auf die Frage, ob er von Mitgliedern der oft zitierten libanesischen Clans schon bedroht worden sei, meint er: "Die Facebook-Kommentare so genannter 'besorgter Bürger' sind aggressiver."

Und mit seinem typisch trockenen Humor erzählt Pater Oliver von einem libanesischen Jugendlichen, der ganz ordentlich seine Ausbildung in Marxloh absolviert: "Der Libanese wird hier zum Preußen erzogen."

Quelle: RP
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