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Serie Was Macht Eigentlich?
Mit Günter Netzers schnellen Autos fing es an

Serie Was Macht Eigentlich?: Mit Günter Netzers schnellen Autos fing es an
Wiedersehen mit Ex-Ministerpräsident Dr. Franz Meyers, in dessen Gladbacher Kanzlei Hartung in den 50er Jahren als Referendar arbeitete. FOTO: NN
Mönchengladbach. Dr. Wolfgang Hartung und der "King vom Bökelberg" sind seit 50 Jahren Freunde. Doch die Geschichte des renommierten Rechtsanwalts bietet viele andere Facetten. Er hat sich sein Studium hart erarbeiten müssen. Geld ist für ihn dennoch nicht der wichtigste Maßstab. Von O. E. Schütz

Ein Ehepaar auf der Flucht aus der Anwaltskanzlei an der Gladbacher Humboldtstraße: Die Szene am 9. August 1994 war alles andere als typisch. Normalerweise kommen die Mandanten zu Dr. Wolfgang Hartung, um sich beraten zu lassen von einem Juristen, der zum Beispiel im Ehe- und Familienrecht genau im Bilde ist. Das Ehepaar an diesem 9. August 1994 war aber nicht gekommen, um über Scheidungsmodalitäten zu reden.

Und es waren auch nicht zwei x-beliebige Besucher, sondern Stefan Effenberg mit seiner Frau und Managerin Martina. Die beiden machten an diesem Morgen bei Borussias Anwalt die Rückkehr des kurz vorher als "Stinkefinger" von der Fußball-WM in den USA vorzeitig nach Hause geschickten Nationalspielers nach Mönchengladbach perfekt: Der Vertrag des Vereins mit Effenberg und die Ablösevereinbarung (7,5 Millionen Mark) für den AC Florenz wurden in der Kanzlei Gerats & Hartung nach Klärung der letzten Details unterschrieben. Auf die Flucht, sprich, einen blitzartigen Sprint zum Auto nach herrischem Befehl Martinas, gerieten die Effenbergs dann, weil ein RP-Fotograf auf der Lauer lag, als sie das Haus nach dem als streng geheim gedachten Treffen verließen.

Seit 62 Jahren verheiratet: Helga und Wolfgang Hartung bei der Verlobung. FOTO: NN

Wolfgang Hartung hat damals das Licht der Öffentlichkeit nicht gesucht; sein Name wurde auch nicht genannt. In die Medien geriet der heute 82-Jährige dennoch mehrfach: wenn er die Interessen seines Berufsstandes als Vorstandsmitglied der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf vertrat. Spektakulär, jedenfalls für Juristen, war seine "Attacke" auf den Bundesgerichtshof (BGH) im Jahr 1994. In einer Fachzeitung vertrat Hartung die Ansicht, das Zulassungsverfahren für die damals 23 Anwälte beim BGH sei verfassungswidrig. "Jetzt habe ich in Karlsruhe 23 Feinde mehr", sagte er scherzhaft zu den teils harschen Reaktionen aus dem schon etwas elitären Kollegenzirkel. Sein Vorschlag, jedem Anwalt einen Anspruch auf Zulassung beim BGH zu gewähren, wurde jedoch nicht umgesetzt.

Immerhin sind es mittlerweile nicht nur Anwälte aus großen Kanzleien, die vor dem hohen Gericht auftreten dürfen. So hat vor wenigen Wochen auch Hartungs Sohn Dr. Klaus Joachim Hartung die Zulassung zum BGH erhalten. 21 Jahre nach dem Vorstoß des Vaters - doch man soll nicht spekulieren, es sei eine späte Wiedergutmachung. Auch sein Sohn musste den hohen Ansprüchen genügen, die an eine Zulassung als Rechtsanwalt beim Bundesgerichtshof gestellt werden.

Rechtsanwalt seit 1964 und auch mit fast 83 Jahren noch aktiv dabei: Dr. Wolfgang Hartung FOTO: Lothar Strücken

Manfred F. Koch, Vorsitzender des Anwaltvereins Mönchengladbach, hat einmal Hartung als dem einzig noch lebenden Ehrenmitglied für sein "außergewöhnliches standespolitisches Engagement" gedankt. 29 Jahre, von 1973 bis 2001, war Wolfgang Hartung im Vorstand der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf, ab 1990 als Vizepräsident. Ein durchaus zeitaufwendiges Ehrenamt - unter etlichen anderen, die er hatte. Doch das Wissen, das er dabei erwarb, zahlte sich auch mal aus. "Als 1977 das neue Ehe- und Familienrecht verabschiedet wurde, war ich schon drin in der Materie, weil ich für die Rechtsanwaltskammer Berichterstatter im Bundestagsausschuss war." Familienrecht ist bis heute sein Spezialgebiet.

1996 begann Dr. Hartung zudem eine vielbeachtete Karriere als Autor und Herausgeber wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Die Reihe dieser Bücher mit Kommentaren zur Auslegung von Gesetzen und anwaltlichen Rechtsfragen ist mehr als einen Meter lang. Sein 1263 Seiten starker Kommentar zu Berufs- und Fachanwaltsordnung ist zu einem Standardwerk geworden, aus dem auch der Bundesgerichtshof zitiert. Im Moment arbeitet er an der sechsten Auflage, die im Dezember erscheinen wird.

Das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, überreicht 2000 vom Oberlandesgerichts-Präsidenten Dr. Bilda FOTO: NN

Dr. Wolfgang Hartung war und ist Anwalt mit Leib und Seele. "Das war mein Ziel schon auf der Schule", sagt er. Er hat es erreicht - trotz erheblicher Hindernisse. Das Haus seiner Eltern im zerbombten Magdeburg ("Das letzte Kriegsjahr habe ich zum Glück mit der Kinder-Land-Verschickung im Harz und in der Altmark verbracht") war zerstört, die Familie zog 1946 nach Hannover. Nach dem Abitur 1952 fehlte aber das Geld für ein Studium. "Ich wollte eine Lehre machen", erzählt Hartung. Doch das war leichter gesagt als getan: "Es gab keine Lehrstellen. Wir waren vier Jungs aus meiner Abiturklasse, die nicht studieren konnten. Wir haben immer neue Bewerbungen verschickt. Doch es kamen nur Absagen. Schließlich hat uns der Direktor unseres Gymnasiums geholfen: Er kannte den Ausbildungsleiter der Continental Gummiwerke in Hannover, und die haben uns dann genommen."

Nach dem Abschluss der Lehre zum Industriekaufmann 1954 heirate Wolfgang Hartung seine Freundin Helga und begann mit ihr gemeinsam das Jurastudium in Köln. Die beiden wohnten bei ihren Eltern in Rheydt, absolvierten ihr Studium ohne Verzögerung. "Das Referendariat inklusive zweitem Staatsexamen dauerte damals noch vier Jahre. Ich arbeitete die ganze Zeit nebenbei in der Kanzlei des späteren NRW-Ministerpräsidenten Dr. Franz Meyers. Doch danach hatte ich dann kein Geld für die Einrichtung einer eigenen kleinen Kanzlei." So arbeitete er zwei Jahre bei der Düsseldorfer Continental-Gas AG, ehe er sich 1964 als Anwalt am Kaiserplatz niederließ.

Vier Monate später stieg er in die Gladbacher Kanzlei Bragard & Gerats ein. Wolfgang Hartung führt sie heute, mit 82 Jahren und mittlerweile stark reduziertem Zeitaufwand, gemeinsam mit seinen Söhnen Klaus Joachim und Gerrit. Alteingesessen ist sie in einem Geschäft, das ansonsten für kleine Kanzleien oder gar Einzelkämpfer in Konkurrenz zu den vielen Groß-Kanzleien mit lauter Fachanwälten sehr schwierig geworden ist - und oft nicht mehr so recht nach Wolfgang Hartungs Geschmack: "Ich bin Rechtsanwalt geworden, weil ich den Menschen helfen, mit ihnen reden und sie verstehen wollte. Damals ging es uns nicht so sehr ums Geldverdienen. Egon Gerats und ich haben jedes Mandat angenommen, auch wenn es mal ein Verlustgeschäft werden konnte. Wir wollten einfach den Menschen helfen, zu ihrem Recht zu kommen."

Aus der Rechtsvertretung eines seiner frühen Mandanten ist eine schon fast familiäre Freundschaft geworden, die seit einem halben Jahrhundert hält: mit Günter Netzer. Wie es dazu kam? "Wegen Günters schnellen Autos", sagt Wolfgang Hartung schmunzelnd. "Er hat mir dann Fußball nahe gebracht. Seinetwegen habe ich 1964/65 in der Aufstiegssaison begonnen, Borussias Spiele zu besuchen und mir dann auch eine Dauerkarte gekauft." Etliche Jahre war Wolfgang Hartung später Anwalt Borussias. Aus der Begegnung von 1994 mit Stefan Effenberg ist allerdings keine Freundschaft geworden.

Wolfgang Hartung ist kein Dauergast mehr bei Borussia. Sein Sohn Dr. Gerrit Hartung aber ist vom Deutschen Fußball-Bund lizenzierter Spielervermittler und Anwalt für Sport- und Vertragsrecht.

Quelle: RP
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