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Lokalsport
Von einem, der auszog, in Gierath ein Fußballspiel zu erleben

Lokalsport: Von einem, der auszog, in Gierath ein Fußballspiel zu erleben
Dorfidylle in der Abenddämmerung: Der Platz an der Gierather Straße war Austragungsort des Niederrheinpokalspiels Gierath gegen Oberhausen. FOTO: Ashley Greb
Gierath. Jochen König, Philosoph aus Eberbach am Neckar, reiste eigens nach Jüchen, um dort Rot-Weiß Oberhausen spielen zu sehen. Von Jochen König

A Day at the Races? A Night at the Opera? Mit den oben benannten Freizeitaktivitäten, welche sowohl Titel zweier Marx Brothers-Filme sind als auch zwei Alben der Rockgruppe Queen bezeichnen, sind übliche Möglichkeiten der Zerstreuung bezeichnet. Den Nischenfreund stellt dies jedoch nicht zwangsläufig zufrieden. So machte man sich auf an einem Mittwoch im Spätsommer des Jahres 2016, um etwas Exklusives zu erleben. Nach einem diesmal nur fünfstündigen Arbeitstag ging es auf die beschwerliche, da staugeprägte Reise von Heidelberg zum Niederrhein, wo man nach dreieinhalb Stunden ankam.

Man? Ich! Jochen König, 54 Jahre, Philosoph aus Eberbach am Neckar und exzentrischerweise RWO-Fan seit 1969. R W O - für mich drei magische Buchstaben, seit ich im September 1969 das erste Mal die Sportschau sah und Rot-Weiß Oberhausen als Neuling an der Tabellenspitze stand - durch ein 4:0 in Braunschweig. Man konnte damals Kaugummibilder der Bundesligaspieler sammeln - und die Oberhausener Spieler (Namen wie Kobluhn, Krauthausen, Ohm, Dick, Wilbertz und zickzack Brozulat sind für mich noch heute pure Magie und in Buchstaben gegossene Ästhetik) hatte ich als Erstes zusammen. Eine RWO-Fan-Karriere begann, welche mich in Stadien und Sportplätze der gesamten Republik führte. Städten wie Düsseldorf, München und Hamburg stehen Dörfer wie Hauenstein, Wülfrath und Teveren entgegen. Kurz und gut - ich ging (und gehe) mit RWO durch dick und dünn.

So auch an besagtem Mittwoch. Im Vorfeld hatte ich den Vorstand des SV Bedburdyck-Gierath angeschrieben und Fragen nach Übernachtungsmöglichkeiten, Verpflegung und Fanartikeln als Erinnerungen gestellt. Zwei freundliche Mails kamen zurück, den darin enthaltenen Übernachtungstipp der einzigen Pension in Gierath nutzte ich. Eingecheckt und zum Sportplatz den halben Kilometer gelaufen, was sicherstellte, dass ich statt des üblichen einen Bierchens deren zwei trinken konnte.

Auf der schönen Anlage angekommen, empfingen mich Vorstandsmitglieder beider Clubs als Kassierer. Bei strahlendem Sonnenschein war man ganz nah am Geschehen, welches auf einem Kunstrasenplatz seinen Mittelpunkt haben sollte. Vorab gönnte ich mir eine Bratwurst, welche in einer Qualität war, die sich vor denen mancher ungleich höherklassigen Vereine nicht verstecken musste; auf der persönlichen Skala ist sie nach Uerdingen und Oberhausen sogleich auf Platz 3 gelandet.

Wie die Bratwürste sollte RWO heute hoffentlich nicht spielen - eine beachtliche Niederlagenserie in den letzten Jahren (hier lassen Wuppertal, aber vor allem Baumberg und Hönnepel-Niedermörmter grüßen) ließ mich diesen Gedanken fassen. Um 19.30 Uhr liefen die Mannschaften, begleitet von Kindern ein, knapp 500 Zuschauerinnen und Zuschauer (davon bestimmt ein gutes Drittel aus Oberhausen) waren fortan Zeuge eines Pokalspieles, in dem ein Siebtligisten einen Viertligisten herausforderte. Fünf Polizisten und 20 Ordner waren sicherheitshalber für die Wahrung der Sicherheit abgestellt.

Nach dem solchermaßen ausgeführten stets sehr fairen Spiel, welches auch noch von einer exzellenten Schiedsrichterleistung geprägt war, konnte man die Spieler beider Mannschaften noch beim Essensstand sehen und sich mit ihnen unterhalten. Als der RWO-Fanbus - die Aufschrift "Als Gäste kommen, als Freunde gehen" war Programm - und der Mannschaftsbus gen Autobahn fuhren, ging ein Abend zu Ende, an dem es fürwahr nur Gewinner gab. Darin sind ausdrücklich alle eifrigen Helferinnen und Helfer einbezogen, welche dafür sorgten, dass dies ein unvergesslicher Abend war, an dem alles wie am Schnürchen lief, die Sicherheit jederzeit Bestand hatte und der wahre Sportsgeist fröhliche Urständ' feierte, zumal auch der Stadionsprecher stets die richtigen Worte fand.

Perfektioniert wurde dieser schöne Fußballabend am nächsten Morgen, als ich an meinem vor der Pension abgestelltem Auto einen SVBG-Schal und ein persönliches handgeschriebenes Schreiben des Vorstandes fand. Ganz großes Kino, ganz großes Tennis am Niederrhein. 2019 wird der SVBG hundert Jahre alt (das ist Tradition, welche Jahrzehnte älter ist als diverse Brausegetränke in Dosen), während sich der Bundesligaaufstieg von RWO zum 50. Male jähren wird. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder...

Wenn es einen Vorteil gibt, dass RWO derzeit nur viertklassig spielt, dann sind es solche Spiele und die darin beschriebenen Erlebnisse.

Der Autor Jochen König ist promovierter Geisteswissenschaftler und betreibt in Eberbach am Neckar eine philosophische Praxis "Institut für Weisheitsliebe". Von seinem Ausflug zum Pokalspiel nach Gierath war der 54-Jährige so begeistert, dass er spontan diesen Bericht zusandte

Quelle: NGZ
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