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Alpen
14 Flüchtlinge machen den "Bürgerschein"

Alpen. "Leben in Deutschland": Erfolgreiches Pilotprojekt der Alpener Flüchtlingshilfe soll Schule machen. Von Eva Karnofsky

Ola Aliashi ist bestens gelaunt. Die 21-jährige Palästinenserin, die aus Syrien fliehen musste und nun in Alpen lebt, hat gerade ihren "Bürgerschein" erworben. Bürgermeister Thomas Ahls wird ihr gleich bei einem kleinen Festakt im Rathaus das Zertifikat überreichen. "Alles ist anders in Deutschland", sagt sie. Das hat sie auf dem dreitägigen Bürgerschein-Seminar "Wie man Deutsch leben kann" gelernt. Man hat hier mehr Freiheit. Und die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, von der sie während der drei Tage zum ersten Mal erfahren hat, findet sie auch gut.

Sie möchte eine Ausbildung als Frisörin machen. Auf dem Seminar hat sie gelernt, dass man sich dafür bewerben muss. "In Syrien muss man sich nicht bewerben, sondern ein Bestechungsgeld zahlen", erzählt sie, bevor sie mit der 18-jährigen Albanerin Alberi Arifah eine kleine Dankesrede für den Bürgermeister hält. "Deutschland hat für uns die Tür geöffnet. Nun möchten wir etwas zurückgeben", sagt Alberi. "Wir möchten nicht isoliert sein", fügt sie an, "wir möchten in Sportvereinen aktiv sein. Da können wir auch etwas lernen."

Gemeinsam mit zwölf weiteren Flüchtlingen aus Afghanistan, Eritrea, Nigeria, Syrien und Venezuela haben die beiden jungen Frauen am Bürgerschein-Seminar teilgenommen, das die Flüchtlingshilfe mit der Verwaltung, der Volkshochschule sowie dem Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung an der Uni Duisburg-Essen (RISP) konzipiert und durchgeführt hat.

Es handelt sich um ein Pilotprojekt, das im Rahmen des Programms "Demokratie leben!" vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Peter Krumpholz (RISP) ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Er hat bereits Integrationsprogramme in Duisburg geleitet. Zunächst war er skeptisch, aufs Land zu gehen. Doch nach den Tagen in Alpen glaubt er sogar, dass Integration auf dem Land besser gelingen kann als in der Stadt - weil die Wege kürzer sind. Jedenfalls will er nach dem Alpener "Versuch" nun auch anderen Kleinstädten den "Bürgerschein" anbieten.

Patrick Depuhl von der Flüchtlingshilfe erzählte, was man in den drei Tagen besprochen und erlebt hat. So berichtete er vom Besuch bei Pfarrer Dr. Hartmut Becks. Der war für Jonas Yowhans aus Eritrea besonders interessant. Der 22-jährige ist orthodoxer Christ. Es erstaunte ihn, dass er die evangelische Kirche betreten durfte, ohne die Schuhe auszuziehen und dass Frauen dort ihr Haar nicht verhüllen müssen.

Am Freitagabend waren die Seminarteilnehmer bei Alpener Familien zum Essen zu Gast. Jonas schwärmt immer noch vom Kuchen. Mohammed Alkeloo aus Syrien war besonders angetan von allem, was er über Nachbarschaft erfahren hat. Dass man sich Respekt zollt unter Nachbarn - das gefällt dem 21-Jährigen.

Als der Bürgermeister, der für jeden eine Anstecknadel mit Alpener Wappen mitgebracht hatte, versprach, sich um die von den Flüchtlingen gewünschten Bewerbungstrainings zu kümmern, und Judy Bailey zum Abschied einen Song zur Gitarre anstimmte, sah man nur strahlende Gesichter.

Quelle: RP
 
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