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Rheinberg
Standort-Kontroverse für Kindergarten

Rheinberg: Standort-Kontroverse für Kindergarten
Im Kindergarten geht's nicht nur um die Betreuung von Kindern. Den Einrichtungen werden auch gesellschaftspolitische Aufgaben zugeschrieben. FOTO: dpa
Rheinberg. Rheinberg braucht dringend Kindergartenplätze. In der Reichelsiedlung gibt es ein Grundstück und einen Investor. Trotzdem tun sich einige schwer mit dem Ort. Von Bernfried Paus

Und dann fiel er doch der Begriff, der erst nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert worden war: "Ghettokindergarten". Heike Finmans-Göbel, Kindergarten-Verbundleiterin bei der Kirchengemeinde St. Peter, traute sich, das Tabu zu brechen, um Sorgen auf den Punkt zu bringen, den neuen Kindergarten, der die Versorgungsnöte in der Innenstadt lindern soll, in der Reichelsiedlung zu bauen (RP berichtete). Ausgerechnet in der Reichelsiedlung.

Für Dezernentin Rosemarie Kaltenbach der absolut richtige Standort. Hier würden die meisten Kinder leben. Denen stehe in unmittelbarer Wohnortnähe kein einziger Kindergartenplatz zur Verfügung. Der nächste sei mindestens einen Kilometer entfernt. Von wegen kurze Beine, kurze Wege. Städtebaulich ein Unding, so Kaltenbach. Würde die Siedlung heute gebaut, wäre der Bau einer Kindertagesstätte selbstverständlich. Daher sei die Reichelsiedlung als Standort genau richtig, "um Schwellen abzubauen" für Eltern, die eben nicht so mobil seien und so dazu neigten, ihre Kinder erst gar nicht in den Kindergarten zu bringen.

Die Dezernentin mit SPD-Parteibuch argumentierte auch politisch. Angesichts des Ergebnisses bei der Bundestagswahl - die AfD holte in der Reichelsiedlung 15,7 Prozent - sei der Zuschlag als Kindergartenstandort ein wichtiges "Signal" an die, die sich offenkundig "vernachlässigt fühlen".

Während SPD, Grüne und die Linke dieser Argumentation zustimmend folgten, reagierten die CDU und mit ihr die Sachkundigen Vertreter auf Reihen der katholischen Kirche mit besorgter Skepsis. Es sei zumindest eine Überlegung wert, so CDU-Sprecher Erich Weisser, bestehende Einrichtungen in der Innenstadt zu erweitern, um die Versorgungslast zu verteilen. Weisser hielt es für besser, wenn Kinder aus der Reichelsiedlung in anderen Tagesstätten mit Kindern in Kontakt kämen, die einen anderen sozialen Hintergrund hätten. Von dieser "Mischung" würden alle - die Stärkeren von den weniger Stärkeren und umgekehrt - profitieren.

Das fördere die Integration ins städtische Gesamtsystem, statt bestehende Problemstrukturen zu verfestigen. Diesen integrativen Kurs, so Dietmar Heyde von den Grünen süffisant, werde er von der CDU künftig auch im Schulbereich einfordern. Manuel Kutz (Caritas) betonte, dass aus seiner Sicht ein "klassisches Kindergartenangebot" in der Reichelsiedlung allein nicht ausreichend sei, sondern ein auf das soziale Umfeld abgestimmtes Gesamtkonzept mit intensiver Elternarbeit erfordere.

Da schloss sich Finmans-Göbel an: "Die Arbeit mit den Kindern ist hier noch vergleichbar einfach. Aber die mit den Eltern ist ungleich schwieriger." Dezernentin Kaltenbach sieht die Gefahr nicht, dass die Kinder aus der Reichelsiedlung im neuen Kindergarten unter sich bleiben würden. "Wenn die Wunsch-Kita nichts frei hat", würden auch Kindern von außen kommen. Zudem sei die Reichelsiedlung weit davon entfernt, ein "sozialer Brennpunkt" zu sein. Zudem sei es viel zu früh, über pädagogische Konzepte zu sprechen. Die Mehrheit im Ausschuss war dafür, "den pädagogischen Kraftakt" anzunehmen. Vom "Ghettokindergarten" indes hatten sich alle längst wieder distanziert.

Quelle: RP
 
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