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Solingen
Tiefer Riss spaltet türkische Gemeinde

Solingen: Tiefer Riss spaltet türkische Gemeinde
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Solingen. Die Solinger Anhänger des Predigers Fethullah Gülen fühlen sich bedroht. Viele meiden Moscheen aus Angst vor Anfeindungen. Die Polizei fährt gezielt Streifen, während die Stadt und die Kirchen weiter auf Dialog setzen. Von Martin Oberpriller

Es sind die kleinen Signale, die Angst machen. Enge Freunde, die sich früher fast jeden Tag meldeten, sind nicht mehr erreichbar. Bekannte, mit denen man sich vor ein paar Monaten noch nett unterhalten hat, schauen angestrengt in eine andere Richtung, wenn man sich auf der Straße über den Weg läuft. Und dann gibt es da natürlich auch noch die kaum mehr verschlüsselten Hass-Botschaften im Internet - zum Beispiel ein Strick, den irgendwer neulich auf Facebook gepostet hat.

Keine Frage: Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei vor einigen Wochen scheint auch durch die türkische Gemeinde in der Klingenstadt ein tiefer Riss zu gehen - zumindest dann, wenn man sich mit einem der rund 200 Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen unterhält. Diese sind in Solingen vor allem im Verein "Spektrum" organisiert, der sich die Bildung junger türkischer Menschen auf die Fahnen geschrieben hat. Doch im Augenblick herrscht dort vor allem ein Gefühl vor: Furcht. "Die Stimmung ist extrem angespannt. Wir spüren, dass es überall Misstrauen gibt", sagt beispielsweise ein Mann, der im "Spektrum"-Vorstand sitzt und der im Augenblick seinen Namen lieber nicht veröffentlicht sehen will.

Die Vorsicht ist durchaus nachvollziehbar. Denn seitdem die Gülen-Bewegung vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für den Staatsstreich verantwortlich gemacht wird und Tausende im Zuge von "Säuberungen" in der Türkei verhaftet wurden, kochen auch in Solingen und Umgebung die Emotionen mehr und mehr hoch. So nahm der polizeiliche Staatsschutz beispielsweise Ermittlungen wegen Postings im Internet auf. In einem türkischen Gemüseladen in Ohligs kam es wiederum zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Kunden. Und zudem attackierten Unbekannte im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel sowie nahe der Solinger Stadtgrenze ausgerechnet jene Privatschule mit Eiern, die seit einigen Jahren von "Spektrum" betrieben wird.

Aktionen, die Wirkung zeigen. Viele Anhänger der Gülen-Bewegung verzichten in diesem Sommer auf einen Urlaub in der Türkei, da sie Repressionen fürchten. Und selbst in der Klingenstadt gibt es inzwischen "No-go-Areas", die die "Spektrum"-Mitglieder meiden. "Ich suche für das Freitagsgebet nicht mehr die Ditib-Moschee in Solingen auf, weil ich fürchte, dort abgelehnt zu werden", sagt beispielsweise ein Mann.

Tatsächlich war von der Ditib-Gemeinde in der City, die zur Erdogan-freundlichen Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (kurz: Ditib) gehört, in den zurückliegenden Tagen keine Stellungnahme zu erhalten. Dafür meldete sich diese Woche aber der in Köln sitzende Bundesvorstand der Organisation zu Wort und erklärte für alle Ditib-Landesverbände, die zuletzt auch an anderen Orten erhobenen Vorwürfe seien "tendenziös, in einigen Teilen offen feindselig und in jedem Fall ohne Bezug zu unserer tatsächlichen Arbeit". Diese zeichne sich nämlich durch Überparteilichkeit und Neutralität aus.

Eine Behauptung, der viele Politiker im Bund inzwischen widersprechen. Gleichwohl setzt die Stadt Solingen weiter auf den Dialog mit Ditib. So habe die Integrationsbeauftragte Anne Wehkamp zum Beispiel zuletzt mit der Organisation Gespräche geführt, berichtete gestern ein Rathaus-Sprecher. Der Stadt komme es darauf an, den Kontakt mit sämtlichen Beteiligten aufrecht zu halten, betonte der Sprecher, der gleichzeitig indes auch klarstellte, man gebe allen Menschen, die sich bedrängt fühlten, "Rückendeckung".

Ähnlich sieht dies die evangelische Kirche. Solingens Superintendentin Dr. Ilka Werner unterstrich am Dienstag die Bedeutung des Dialogs, während es vonseiten des Christlich-Islamischen Gesprächskreises hieß, man werde sich in seiner ersten Sitzung nach den Ferien mit dem Thema beschäftigen. Dabei hatten etliche Christen schon direkt nach dem Putsch in der Türkei die "Spektrum"-Mitglieder ihrer Solidarität versichert. Freunde hätten angerufen oder seien vorbeigekommen und hätten gefragt, ob alles in Ordnung sei, heißt es bei den Gülen-Anhängern, die sich überdies angesichts des polizeilichen Schutzes dankbar zeigen.

Dieser soll nach Angaben einer Polizeisprecherin bis auf Weiteres mit gezielten Streifenfahrten aufrecht erhalten bleiben, derweil einige "Spektrum"-Mitglieder ebenfalls in die Zukunft blicken. Früher habe er sich nie Gedanken gemacht, einen deutschen Pass zu beantragen, sagt beispielsweise ein Mann. Doch inzwischen, so der gebürtige Solinger, denke er darüber anders.

Quelle: RP
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