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Anschläge in Frankreich und Belgien
Wenn Zuwanderung zum Sicherheitsrisiko wird

Nach dem Anschlag in Nizza: Wenn Zuwanderung zum Risiko wird
Auf der Promenade des Anglais in Nizza, wo der Attentäter am Donnerstagabend in eine Menschenmenge raste, haben Trauernde unzählige Blumen und Kerzen niedergelegt. FOTO: dpa, oa pt
Nizza. Die meisten islamistischen Attentäter der jüngsten Terrorserie in Frankreich und Belgien kommen aus den Maghreb-Staaten. Trotzdem sind Marokkaner, Algerier und Tunesier grundsätzlich nicht gefährlicher als andere Zuwanderer. Ob Integration gelingt, ist auch eine Frage der Zahl. Von Martin Kessler

Der Attentäter von Nizza passt gut ins Schema eines gescheiterten Einwanderers. Der 31-jährige Mohamed Lahouaiej-Bouhlel lebte von Gelegenheitsjobs und Diebstählen. Er war gewalttätig und offenbar psychisch krank. Das mag ein Einzelschicksal sein, aber die Zahl gescheiterter Einwanderer aus den Maghreb-Staaten in Frankreich ist hoch.

Derzeit leben 3,6 Millionen Migranten aus diesem Raum in Frankreich - meist konzentriert in Paris und den anderen Großstädten, vor allem im Süden des Landes. Die Zahl der Arbeitslosen unter ihnen ist wesentlich höher als im Landesschnitt, die Bildung deutlich geringer.

 200 Millionen sitzen auf auf gepackten Koffern

Die Menschen aus dem Maghreb gelten als wenig integriert. Schon in den 80er Jahren warnte der damalige Premierminister Michel Rocard vor dem ungebremsten Zustrom aus Nordafrika. "Wir können nicht das Elend der gesamten Welt aufnehmen", meinte der Sozialist und traf damit den Nerv vieler seiner Landsleute.

Die Grafik zeigt die Zuwanderunsgzahlen für Deutschland. FOTO: dpa-Infografik

Doch in Marokko, Algerien und Tunesien hat die einstige Kolonialmacht nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt. Und südlich der Sahara sitzen laut dem US-Meinungsforschungsinstitut Gallup 200 Millionen auf gepackten Koffern, um nach Europa zu kommen.

Es sieht so aus, als könnten sich die Worte des früheren algerischen Präsidenten Houari Boumedienne bewahrheiten: "Eines Tages werden Millionen von Menschen die südliche Halbkugel verlassen, um in die nördliche einzudringen. Sicherlich nicht als Freunde. Denn sie werden kommen, um sie zu erobern. Und sie werden sie erobern, indem sie die nördliche Halbkugel mit ihren Kindern bevölkern. Der Leib unserer Frauen wird uns den Sieg bescheren."

Das mag ein Horrorszenario sein. Tatsächlich aber bestätigen Migrationsforscher, dass die Integration fremder Kulturen nur gelingen kann, wenn der nationale Konsens der aufnehmenden Gesellschaft darüber nicht zerbricht. Und das hängt vor allem von der Zahl der Zuwanderer ab.

Der Migrationsdruck hat sich verstärkt

Der Migrationsdruck in Europa hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Die ungehemmte Flucht von 1,2 Millionen Menschen allein nach Deutschland im vergangenen Jahr, als Bundeskanzlerin Angela Merkel sich weigerte, die Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge zu schließen, gibt einen Vorgeschmack. Ein solcher Zustrom mag in einer Ausnahmesituation noch angehen. Hält er an, untergräbt er die Fundamente einer Gesellschaft, die wie die deutsche oder französische auf nationaler Identität beruht.

Für den britischen Entwicklungsökonomen und Migrationsexperten Paul Collier gibt es das öffentliche Gut des "kooperativen Vertrauens". Es ermöglicht erst die Herausbildung einer Nation mit gemeinsamen Werten und einer vorsorgenden Sozialpolitik. Werden die Gruppen der Fremden, die darin integriert werden sollen, zu groß, ist dieses wechselseitige Vertrauen laut Collier zerstört. Es droht der Zerfall der Gesellschaft in eine hilflose Mehrheitsgesellschaft und aggressive Minderheiten. Explosiv wird die Mischung, wenn die Mehrheit zahlenmäßig schrumpft, und die Minderheit wächst.

Manche Experten sehen diesen Zustand in Frankreich, Belgien oder Großbritannien schon als erreicht an. Und für Deutschland warnte Collier, dass Merkels Grenzöffnung das Land in die gleiche gefährliche Richtung gelenkt hat. Dabei gälten die gängigen Vorurteile gar nicht. Etwa, dass Zuwanderer den Einheimischen die Jobs wegnähmen.

Die Ökonomen Frédéric Docquier, Çaglar Özden und Giovanni Peri fanden in einer Querschnittsstudie für mehrere Länder heraus, dass nach Jahrzehnten der Einwanderung weder die Zahl der Arbeitslosen steigt, noch das Lohnniveau zurückgeht. In manchen Ländern stieg es sogar wegen der Migration leicht.

Es sind die kulturellen und sozialen Probleme, die Zuwanderung zum Risiko machen

Es sind deshalb mehr die kulturellen und sozialen Probleme, die Zuwanderung zum Risiko machen. Einen Grund dafür sieht der Bonner Soziologe Erich Weede in den Wanderungsanreizen eines großzügigen Sozialstaats. "Viele Menschen im südlichen Mittelmeerraum wissen, dass die Sozialleistungen in den europäischen Ländern höher sind als das, was man in der Heimat erarbeiten kann", meint der Soziologe. Gesellschaften könnten zudem instabil werden, wenn sich große abgeschlossene Zuwanderergruppen in einzelnen Städten und Vierteln bilden. Weede nennt das Kettenzuwanderung.

Wenn eine bestimmte Menge an Migranten bereits konzentriert an einzelnen Orten wohnt, ist es für die Neuen einfacher sich einzufinden. Sie kommen mit der Kultur des aufnehmenden Landes gar nicht in Berührung. An diesen Orten bilden sich dann eigene Strukturen heraus, die parallel zur Mehrheitsgesellschaft existierten. Und diese Gruppen haben schon aus ihrer Isolation heraus nicht die gleichen Chancen wie die einheimische Bevölkerung.

Beispiele sind die Bandenkriminalität lateinamerikanischer Zuwanderer in US-Großstädten, die Mafiastrukturen in asiatischen Gemeinden im Westen und der Islamismus arabischer Migranten. Dass so etwas auch innerhalb eines Landes passieren kann, zeigt Italien. Dort hat sich die organisierte Kriminalität vom Süden in den reicheren Norden ausgebreitet.

Die meisten Migrationsforscher sind sich einig, dass Zuwanderung ökonomische Vorteile hat - ein höheres Maß an Arbeitsteilung, den Zustrom an talentierten und zupackenden Akteuren oder die Schließung der demografischen Lücke. Kommen zu viele, schlagen die Vorteile in Nachteile um. Die zeigen sich in der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, in sozialer Verwahrlosung oder im Anstieg der Kriminalität und des politischen Extremismus. "Es geht um das richtige Maß an Vielfalt", meint der Ökonom Collier. Davon hat sich Europa aber ein ganzes Stück entfernt.

Quelle: RP
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