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Bach-Buch "Musik für die Himmelsburg"
Lobet Bach in allen Landen

Der große Dirigent John Eliot Gardiner hat ein Buch über Johann Sebastian Bach geschrieben. Von Wolfram Goertz

Wer sein ganzes Leben lang in der Umlaufbahn eines Planeten kreist, der sammelt Eindrücke und Einblicke wie kein Zweiter. Mit dem Fernrohr sieht er ganz scharf, er erkennt alle Details, aber er besitzt auch einen fantastischen Überblick. So etwa kann man sich die Situation im Jahr 2000 vorstellen, da der große englische Dirigent John Eliot Gardiner etwas Einzigartiges riskiert. In 60 europäischen Kirchen führt er fast alle 200 Kirchenkantaten Bachs auf, er kommt nach Leipzig und nach Santiago de Compostela, nach London und Rom, mit seinem Monteverdi Choir fliegt er sogar nach New York - und irgendwann im Flugzeug oder im Bus reift in ihm die Idee, diese gewaltigen Erfahrungen mit seinem lebenslangen Hausheiligen in ein Buch zu gießen.

Über Bach schreiben ja vor allem Musikwissenschaftler, die in Ohrdruf einen Klagebrief vom Vater Bachs finden, wie miserabel die hygienische Situation in Thüringen ist. Oder es handelt sich um Bücher von Schriftstellern, die sich ihren Bach angelesen haben und jetzt als gebildete Wiederkäuer tätig werden. Musiker schreiben selten über Bach, denn der Thomaskantor braucht einen Allrounder, der viel von Darmsaiten und lutherischer Theologie, ventillosen Trompeten und Wasserzeichen, Orgelstimmungen und verminderten Septakkorden versteht. So einer ist Sir John.

Dieses Buch ist jetzt, nach langer Lagerung der Gedanken, erschienen, es heißt "Bach - Musik für die Himmelsburg", und es ist überwältigend. Die auf den ersten Blick erstaunlichen Lücken sind gar keine, sondern dem Konzept geschuldet. Gardiner will weder über die Triosonaten für Orgel noch über die Brandenburgischen Konzerte schreiben. Sein Buch ist eine Innensicht des Bachschen Kosmos geistlicher Musik. Da kennt Gardiner sich aus wie kaum ein anderer lebender Dirigent. Wie oft hat er schon die beiden Passionen dirigiert, wie oft die h-Moll-Messe, die Motetten, das "Weihnachtsoratorium" - und vor allem jene fast 200 Kantaten, die sich wie ein Lebens- und vielleicht auch Schicksalsfaden durch Bachs musikalisches Schaffen ziehen! Er selbst wird es nicht gezählt haben, aber hinter den Noten hat Gardiner immer nach ihrem Sinn gefahndet, nach den damaligen Bedingungen des Musizierens.

Und da sind seine Befunde in diesem Buch wunderbar und einleuchtend. Bachs Niveau war zu allen Zeiten stratosphärisch hoch, aber man merkt doch, sagt Gardiner, dass gute Texte (als Libretti seiner Kantaten) Steilvorlagen für seine Inspiration waren. Zugleich weiß Gardiner, dass die Zeitgenossen damals für Bachs Kunst überhaupt keine Antennen hatten. Wenn man sich anschaut, wer vor und wer nach Bach Thomaskantor in Leipzig war, der kann kaum glauben, dass der dortige Rat als Dienstvorgesetzter Ahnung von Kunst hatte. Bach war ja 1723 auch gar nicht erste Wahl gewesen, sondern vierte. Das haben sie ihn immer spüren lassen; man hat ihn getriezt, seine Arbeitsbedingungen fortwährend verschlechtert; Leipzig hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen und nur wenig gehalten.

In seinen ersten Leipziger Jahren - als er sozusagen noch voller Hoffnung war - hat Bach Woche für Woche eine neue Kantate komponiert, ohne Pause, bei Fieber und Nackenschmerzen, mit plärrenden Kindern im Rücken und gleich neben dem Bett: Seine Wohnung grenzte mit ihren dünnen Wänden direkt an den großen Schlafsaal der Thomasschule mit Horden von Halbwüchsigen. Später hat Bach, so ahnt Gardiner, sozusagen nur noch für sich geschrieben, weil er spürte, dass er die Leipziger Kirchgänger gnadenlos überforderte. Hören wir nur mal in den Eingangschor der "Johannespassion" rein - glühende Lava unter bergsteigerischen Koloraturen, dazu das in Leipzig zu Karfreitag nicht sonderlich geschätzte Evangelium des Johannes: Da hat Bach seine Musik hoch frankiert und direkt an ihren eigentlichen Adressaten geschickt: den lieben Gott.

Es könnte sein, dass die Leipziger Kirchgänger Bach irgendwann tatsächlich egal waren, er hatte auch genug von diesen Tratschtanten und Meckerheinis wie Johann Mattheson oder Johann Adolf Scheibe, sogenannten Musiktheoretikern, die selbst keine einzige originelle Melodie zustande brachten und Bach kaum begriffen. Gardiner ist nicht zimperlich in seinen Formulierungen, doch schafft er genügend starke Belege heran; Richard Barth hat mit einer Mischung aus Pingeligkeit und Süffisanz übersetzt. Jedenfalls besaß Bachs Musik etwa aber 1730 auch etwas sehr Selbstreferenzielles, er setzte sich Hürden, um sie zu überspringen. Zugleich nahmen Kunstwerke fast biografischen Charakter an, etwa die fast utopische h-Moll-Messe oder "Das musikalische Opfer". Das sind Werke, in denen er Gott sagen wollte: "Herr, das bin ich, mehr kann ich nicht. Ich habe mein Bestes gegeben." Wer weiß, vielleicht hätte sich sein Lebensrad anders gedreht, wenn seine Sehnsucht nach dem Dresdner Hof erhört worden wäre.

Gardiner zeigt uns, dass Bach schon früh systematisch und sehr zyklisch dachte; Jahreszeiten waren für ihn Wegmarken in einem ansonsten sehr unübersichtlichen Leben. Einer, der mit zehn Jahren beide Eltern verliert, braucht Orientierung. Und da kein Bedeutenderer in der Nähe war, der ihm als Vorbild hätte dienen können, musste Bach sich diese Orientierung selbst spenden. Dadurch wurde er als Mensch, nun ja, ziemlich eigen. Die Gabe der Diplomatie besaß er nicht, und so manche Degradierung durch seine Dienstherren hätte er vermeiden können.

Indes, Unvollkommenheit zählt zum Leben halt dazu, wenn man auf der anderen Seite ein Genie ist. Und was für eins: Bach hat gleichzeitig horizontal und vertikal gedacht, er schuf weit sich streckende, schmeichelnde oder verschlungene Melodien, zugleich kleidete er sie in bitterzarte Harmonien. Im Unterholz der Klänge fühlte er sich wohl; dort fand er die Geheimnisse, von denen Musik lebt. In diesem geometrischen Feld der Kombinatorik von quer und hoch zeigt sich immer auch ein Zeichen, das alle Musik Bachs überstrahlt: das Kreuz.

John Eliot Gardiner lässt uns spüren, wie sehr ihn Bachs Musik immer wieder beschwingt, anders als etwa Wagner, "der alles aus einem heraussaugt". Diese Freude an und mit Bach zeigt sich im Kleinen wie im Großen, wobei Gardiner die Kantaten für Fundgruben hält, die noch zu entdecken sind. In mancher Kirche werden sie regelmäßig aufgeführt. Gardiner rät: Einfach hingehen und sich vom alten, doch ewig jungen Bach erheben, begeistern, berauschen lassen! Und dabei auch ein bisschen frommer werden.

Quelle: RP
 
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